Wie leer gefegt wirkt der Schreibtisch von Annette Ernst in der Spreewälder Tourismus-Zentrale in Raddusch. Aufräumen ist bei der Geschäftsführerin, noch jung im Amt, angesagt. Übertragen gilt das auch für den Spreewald, der einer neuen Saison entgegensieht. Dabei ist die alte noch im Gange, und Annete Ernst sieht sogar Anzeichen, das sie noch in vollem Gange ist. "So viele Autos mit Kennzeichen aus anderen Bundesländern habe ich lange nicht gesehen wie in diesen Tagen." Am Montag schlängeln sich Besucher vor dem Spreewelten-Bad in Lübbenau, in Burg freut sich die Therme regen Besuchs, am Wochenende nutzten viele das zumindest trockene Wetter für Ausflüge.

Saisonverlängerung, nennt das die Fachfrau, die seit vier Monaten die Geschäfte des Tourismusverbandes führt. Noch sei die Lernende, sauge vieles auf, informiere sich, rede mit Anbietern und mit Gästen - so auf den Messen, die im Herbst und Winter in die neue Saison locken.

Aufräumen ist ein passendes Wort für das, was die Gäste im Spreewald erleben und mit sich machen können - unabhängig von der Jahreszeit. Auf Flyern und im Internet sind Kahn und Tracht derzeit nicht die prägenden Bilder. Vielmehr ist eine junge Frau ist zu sehen, die Augen geschlossen, die blonden Haare umwehen feenhaft ihr Gesicht, sie strahlt etwas aus, wonach sich der moderne Stadtmensch sehnt: Ruhe. Stille. Sich selbst aufgeräumt haben. Annette Ernst: "Das alles hat der Spreewald." Das Reisegebiet will zeigen, dass man es hier langsamer angehen kann, neudeutsch heißt das: Entschleunigung. Verbunden mit Genuss, Gesundheit, Natur und dosierte Aktivität beim Paddeln, auf dem Rad oder Schusters Rappen. "Diesen Weg müssen wir weitergehen", sagt die Tourismus-Chefin. Erste Hotels melden bis Februar ausgebuchte Wochenenden - solch zarte Pflänzchen wollen behütet, aber auch vorgezeigt sein. Schließlich deuten sie an, dass die Mühen um eine Saisonverlängerung im Spreewald über das Kahnfähr-Jahr hinaus langsam Früchten tragen. Viele Menschen, sagt Annette Ernst, suchten jetzt Kurzurlaube ohne stressige Anreise - was läge da näher als der Spreewald. Die meisten Hotels und Pensionen sind neu gebaut oder gründlich und geschmackvoll renoviert, anders als in manch anderer Reiseregion in Deutschland. Der Spreewald wird damit werben, demnächst in Stuttgart. Schließlich sei das ein Qualitätsunterschied, und auf die komme es letztlich an. Deshalb will Annette Ernst verstärkt um Gruppenreisen werben, allerdings durchaus für Fahrten, die die Gäste etwas mehr kosten. "Sie sollen eben nicht nur schnell eine Kahnfahrt machen, und dann sind sie wieder weg." Mehr Gäste sollen kommen, sie sollen mehrere Nächte bleiben - und das müsse gesteuert werden.

Zu arbeiten sei an der Qualität immer wieder und immer neu, zu feilen an so vielen Details, seien es nun Öffnungszeiten der Gasthäuser, seien es die Schilder an den Wasser- und Wanderwegen, seien es die Zutaten zum Essen oder die Freundlichkeit der Einheimischen, seien es die Fremdsprachen an Rezeptionen oder in Speisekarten oder das schnelle Buchen per Internet. Gerade Letzteres ist eine große Sorge der neuen Geschäftsführerin. "Viele Leistungsträger verzichten darauf, und ich weiß nicht, woran das liegt." Cottbus beispielsweise sei da Spitze, der Kern-Spreewald schaffe sich so selbst "ein Handicap". Gerade wer Ruhe suche, wolle nicht erst telefonieren müssen, um ein Quartier zu buchen.

Insgesamt werden 2013 etwa genau so viele Gäste im Spreewald übernachtet haben wie 2012. Diese Deutung lassen die bestätigten Zahlen bis Oktober zu, die für Betriebe ab zehn Betten gelten. Mit 1,3 Millionen Übernachtungen lag der Spreewald bis Oktober leicht im Plus. Einbrüche vom launischen April und dem Hochwasser-Juni konnten so annähernd ausgeglichen werden.

Hinterm Radduscher Schreibtisch von Annette Ernst hängt ein Kalender. Ein mystischer Himmel überm Wasser - des Lausitzer Seenlandes. Kein Widerspruch, sagt Annette Ernst. "Ich bin für eine gute Zusammenarbeit." Eine gemeinsame Vermarktung aber funktioniere ebenso wenig wie mit der Oberlausitz. "Dazu ist der Spreewald eine zu starke Marke."