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| 02:32 Uhr

Der Maler und der letzte wendische Pfarrer

Die Begräbnisstätte von Benjamin Bieger und seiner Frau.
Die Begräbnisstätte von Benjamin Bieger und seiner Frau. FOTO: Kuschy
Vetschau. Zwei bedeutende Vetschauer Persönlichkeiten könnten posthum geehrt werden: Wilhelm Schieber, der im heutigen Märkischheide geborene und auch dort verstorbene Spreewaldmaler, und der letzte wendische Pfarrer in Vetschau, Benjamin Bieger. Aber es gibt noch keine Regelung, welche Bedingungen für eine Ehrenbürgerschaft erfüllt sein müssen – obwohl Vetschau bereits drei Ehrenbürger hat. Hannelore Kuschy

Sie alle sind Vetschauer Ehrenbürger: Ferdinand Griebenow lebte von 1848 bis 1910. Zwischen Bahnhofstraße und Schönebegker Straße ließ er eine weiße Villa im Florentiner Stil errichten und den Park nach Pücklerschen Grundsätzen im englischen Stil gestalten. Die Vetschauer Ehrenbürgerschaft wurde ihm 1898 zuerkannt. Richard Hellmann, der 1876 geboren wurde und 1971 in New York verstorben ist, wurde bekannt als Mayo-König und war einer der reichsten Männer Amerikas. Seiner Heimatstadt übergab er im Jahr 1930 eine Stiftung, die 1995 wiederbelebt wurde. Aus den Zinsen werden regelmäßig soziale Einrichtungen unterstützt. 1929 wurde Hellmann Ehrenbürger.

Für seine Verdienste um und für Vetschau ist dem im Juni 2009 verstorbenen Musiker Peter Ettelt posthum die Ehrenbürgerschaft der Stadt verliehen worden. Mit ihm habe Vetschau eine "herausragende und menschliche Persönlichkeit" verloren, erklärten die Stadtverordneten damals.

Nun soll auch Wilhelm Schieber Ehrenbürger der Stadt werden - die Ortsgruppe der Domowina, die das unterstützt, hat Mitte der 1990er-Jahre die Pflege von Schiebers Grab auf dem städtischen Friedhof übernommen. Der Maler habe die Seele des Spreewalds in seinen Bildern zum Ausdruck gebracht, sagt Christina Kliem vom Wendischen Museum in Cottbus.

Schieber gehöre zu den bedeutendsten wendischen Malern des 20. Jahrhunderts. Käme es zur Ernennung, wäre Schieber der erste niedersorbische Künstler mit einer Ehrenbürgerschaft.

Wenn das so einfach wäre. Obwohl es bereits drei Ehrenbürgerschaften gibt, verfügt Vetschau über keine Regelung, nach welchen Kriterien eine Ehrenbürgerschaft verliehen wird. Deshalb soll nach dem Willen des Sozialausschusses spätestens bis Jahresende ein solches Papier zustande kommen. Bis dahin haben die Fraktionen Zeit, sich darüber eine Meinung zu bilden.

Benjamin Bieger, der letzte wendische Pfarrer in Vetschau, und seine Frau haben ihre letzte Ruhestätte ebenfalls auf dem Friedhof der Stadt gefunden. Bis heute wird die Grabstätte von einer Vetschauerin gepflegt. Bieger, der von 1873 bis 1945 gelebt hat, soll ein Ehrengrab erhalten. Seine Verdienste um das Wendische und die Bedeutung eines solchen Ehrengrabs umreißen Dr. Peter Schurrmann vom Sorbischen Institut Cottbus und Klaus Lischewsky, Pfarrer im Ruhestand. Der Friedhof sei auch für Vetschau ein Ort der Stadtgeschichte, mit der man der Geschichtsvergessenheit begegnen solle, so Lischewsky. Bieger sei der letzte einer ununterbrochen langen Reihe über vier Jahrhunderte, in der Pfarrer der wendischen Sprache mächtig waren. "Keine weiteren werden folgen, denn das Verlangen nach wendischer Sprache ist nicht mehr vorhanden", ist er sich sicher.

Bieger gab die erste wendische Kirchenzeitschrift heraus und war einer der entscheidenden Organisatoren des ersten wendischen Volksfestes 1930, das über die Vetschauer Region hinaus Bedeutung erlangte, so Schurrmann. Bis heute gäbe es kein einizges Ehrengrab für einen Wenden, ob für einen Lehrer oder einen Pfarrer. Auch für die Entscheidung über ein Ehrengrab für Benjamin Bieger wollen sich die Vetschauer Zeit lassen.