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| 14:36 Uhr

Herzensmenschen
Der Zuhörer

 Joachim Liedtke: Die Notfallseelsorge hilft anderen und erfüllt mich selbst.
Joachim Liedtke: Die Notfallseelsorge hilft anderen und erfüllt mich selbst. FOTO: Philipp Brendel
Lübbenau. Vor schweren Schicksalsschlägen wie dem Tod eines geliebten Menschen ist keiner gefeit. Solche Situationen stellen eine große Herausforderung für die Betroffenen dar. Dann ist es hilfreich, wenn den Betroffenen ein Mensch zur Seite gestellt wird, der in diesen schweren Situationen für sie da ist oder einfach nur ein offenes Ohr hat, so wie Joachim Liedtke. Von Philipp Brendel

Schon mit einem gewissen Stolz hält der in Lübbenau lebende Joachim Liedtke einen nagelneuen Rucksack mit dem gelb glänzenden Schriftzug „Notfallseelsorge“ in den Händen. Wird der Rucksack geöffnet, wundert man sich auf dem ersten Blick, was dort auch zum Vorschein kommt: neben Wärmeflasche und Taschentüchern ein Teddy, ein Engel, Gummibärchen. Was hat das mit Seelsorge zu tun?

Menschen, die einen schweren Schicksalsschlag erlitten haben, beispielsweise durch den Verlust eines Angehörigen bei einem Autounfall brauchen in diesen schweren Situationen Beistand – dieses symbolisiert der Engel, der vor allem Trost spenden soll. Dass Joachim Liedtke schon für viele Menschen in solch tragischen Situationen als wahrer Engel durch seinen Beistand agierte, umschreibt er selbst mit einer ihm eigenen Art von Bescheidenheit: „Es ist weniger ein Gefühl von Stolz, die meine Seelsorgetätigkeit beschreibt, sondern vielmehr ein Gefühl gebraucht zu werden.“ Auch Kinder geraten in tragische Momente, so etwa, wenn sie einen Elternteil verlieren – Trost spendet ihnen dabei der Teddy sowie auch die einfühlsamen Worte des entsprechenden Seelsorgers, die Gummibärchen sorgen für eine süße Ablenkung.

Die Arbeit als Seelsorger prägt in verschiedensten Bereichen das Leben von Joachim Liedtke. Der gelernte Maurer hat sich seit seiner Jugend für Seelsorge interessiert und ist seitdem davon fasziniert, für Menschen einfach da sein zu können. Einen Ansporn für diese Einstellung gab ihm als Jugendlicher der Pfarrer seiner Gemeinde in Luckau: „Er hat uns den Blick für die Welt geöffnet, war für unsere persönlichen Fragen sehr kompetent. Er hat uns unter anderem die Bedeutung der Schweigepflicht verdeutlicht.“

Auch für seine heutige seelsorgerische Arbeit gewinnt Liedtke durch ein im Jahr 1966 begonnenes Studium der Theologie entscheidende Einblicke biblisch begründeter Werte und Normen sowie kirchlicher Entwicklungen. Ist die Theorie eine wichtige Notwendigkeit, so ist für Liedtke die praktische Umsetzung das Entscheidende. In der Tätigkeit als Pfarrer der Gemeinde Lübbenau-Neustadt von 1976 bis 2008 kann Liedtke seine Berufung zur Seelsorge in die Tat umsetzen: „Das Entscheidende in der Seelsorge ist die gemeinsame Vertrauensbasis, und dass man sich nicht über den anderen stellen darf.“ Es ginge nicht darum, die besten Ratschläge und Tipps zu geben, sondern in erster Linie, dem Menschen zuzuhören und mental bei ihm zu sein. Liedtke verdeutlicht: „Eine körperliche Verletzung wie ein Knochenbruch kann heilen, eine seelische Verletzung nur schwer.“

Viele Menschen dankten Liedtke dafür, dass er einfach nur für sie da war und ihnen zuhörte. Unter ihnen waren Christen wie Nichtchristen. Manche Menschen aus der Gemeinde und der Stadt kennt er schon seit Jahrzehnten. „Da ist dann eine ganz besondere Vertrautheit vorhanden“, so Liedtke.

Seit 2008 gehört Joachim Liedtke der Notfallseelsorge und Krisenintervention OSL an. Dabei gestaltete sich die Arbeit in den Anfangsjahren mit nur drei Seelsorgern für den großflächigen Landkreis als wahre Pionierleistung. Mittlerweile übernehmen sechs Seelsorger und ein Anwärter im Kreis die verantwortungsvolle Aufgabe. Liedtke handelt aus einem ihm wichtigen Ethos heraus: „Dietrich Bonhoeffer sagte einst den bedeutenden Satz: Kirche ist nur Kirche, wenn sie für andere da ist. Das war und ist ganz entscheidend für mich und meine Tätigkeiten.“

Mit viel Feingefühl und sehr bewegt berichtet Joachim Liedtke von Fällen in seiner Tätigkeit, die ihm besonders im Gedächtnis geblieben sind. So beispielsweise bei einem schweren Autounfall als ein Vater und seine vierjährige Tochter ums Leben gekommen sind. Unvorstellbar, der zurückgebliebenen Mutter und Ehefrau die Todesnachricht zu überbringen, wie Liedtke eindrücklich schildert: „Das zu erleben und für sich selbst zu verarbeiten, ist eine sehr große Herausforderung. Dabei habe ich gelernt, Erlebtes in meinem inneren Speicher gut sortiert abzulegen.“

Nach Einschätzung von Polizei und Ärzten kann eine sogenannte Nachsorge der Seelsorgetätigkeit stattfinden, führt Liedtke weiter aus: „Das ist dann nicht einfach abgehakt nach drei, vier Stunden bei so einem Fall.“

Ein aktueller Fall verdeutlicht, dass nicht nur Angehörige von Unfallkatastrophen der Seelsorge bedürfen. Vermehrt sind es auch Angehörige der Polizei und Feuerwehr, die ein offenes Ohr bei Joachim Liedtke finden. So ist es im Mai 2019 bei Calau zu einem schweren Verkehrsunfall mit einem Toten und drei Schwerverletzten gekommen. Einer der Feuerwehrmänner bat danach um ein gemeinsames Seelsorgegespräch. Obwohl Feuerwehr und Polizei häufig mit solchen katastrophalen Unfällen konfrontiert werden, kann so ein traumatisches Ereignis dazu führen, dass die starke Belastung für die beteiligten Helfer offensichtlich wird. Hierbei können in diesem Fall Teamleiterin Beate Bergmann sowie Steffen Dohms und Joachim Liedtke zu Beistand und Trost spendenden Helfern für die Helfer werden.

In einem rund zweistündigen offenen Gespräch zwischen den drei Seelsorgern und sieben Feuerwehrmännern wird offen über die Eindrücke gesprochen, so Liedtke: „Es geht darum, einfach zuzuhören und Hilfe zur Selbsthilfe zu geben. Die Betroffenen müssen selbst einen Weg für sich finden.“ Liedtke könne ihnen dabei jedoch zur Seite stehen, indem er den Schmerz der Betroffenen wahrnimmt, zulässt und mitfühlt, dabei die eigenen Befindlichkeiten zurückfährt und sich den Betroffenen unbelastet widmet. Viele Menschen haben Joachim Liedtke an dieser Stelle schon gefragt, warum er diese schwere Aufgabe der Seelsorge auf sich nimmt. Mit einer inneren tiefen Überzeugung bringt es Liedtke treffend auf den Punkt: „Es erfüllt einen selbst.“

In einer Serie stellt die RUNDSCHAU Herzensmenschen vor. Es geht um Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen – oder in ihrem Leben eine Herzensentscheidung treffen mussten, die nicht ohne Risiko war und vieles verändert hat.

 

Wenn Sie Vorschläge haben, wer im Rahmen dieser Serie vorgestellt werden sollte, wenden Sie sich gern an die LR, am besten per E-Mail an red.spreewald@lr-online.de.