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| 17:04 Uhr

Suchtberatung Calau
Der ewige Kampf gegen die Drogen

 Dirk Hilgendorf hat den neuen Vorsitz der Suchtberatung des Blauen Kreuzes in Calau übernommen. Der 39-Jährige spricht aus eigener Erfahrung, war abhängig vom Alkohol, nahm auch illegales Teufelszeug. Inzwischen ist er abstinent.
Dirk Hilgendorf hat den neuen Vorsitz der Suchtberatung des Blauen Kreuzes in Calau übernommen. Der 39-Jährige spricht aus eigener Erfahrung, war abhängig vom Alkohol, nahm auch illegales Teufelszeug. Inzwischen ist er abstinent. FOTO: Rüdiger Hofmann
Calau. Der Calauer Dirk Hilgendorf ist neuer Vorsitzender der Suchtberatung des Blauen Kreuzes. Selbst einmal abhängig gewesen, spricht er über sein Leben und die Ziele des Vereins in 2019. Von Rüdiger Hofmann

Das Verlangen nach Stoff, der „Suchtdruck“, kommt plötzlich. Und unregelmäßig. „Diesen Moment musst du bewältigen“, sagt Dirk Hilgendorf. „Da solltest du wissen, wen du anrufen und wo du hingehen kannst.“ Sonst bleibt man im Kreislauf aus Drogenrausch und Beschaffungskriminalität gefangen.

Der 39-Jährige weiß, wovon er spricht. Hilgendorf war alkoholabhängig, konsumierte auch illegale Drogen in jungen Jahren. „Mit Anfang 20 war mir klar, dass ich abhängig bin“, sagt Hilgendorf. Er bezeichnet sich im Nachhinein als polytoxen Konsumenten, nimmt mehrere Rauschmittel gleichzeitig ein. Welche genau, lässt er offen. Hilgendorf deutet aber an, dass er die Wirkung von so manchem Teufelszeug einschätzen kann. „Ich hatte mehrere Abstürze, auch schleichende Rückfälle“, so der gebürtige Altdöberner.

Seit 2016 ist er nun trocken. Zufriedene Abstinenz, sagt der gelernte Koch. Er kennt die schwierigen Phasen einer Entgiftung, hat eine mehr als 20 Wochen andauernde Therapie hinter sich gebracht. Heute kann der Calauer stolz berichten, dass er ein ausgebildeter ehrenamtlicher Suchtkrankenhelfer ist. Die Betonung liegt auf ehrenamtlich, denn hauptberuflich ist Hilgendorf im Bereich der Beschichtungstechnik unterwegs. In diesem Herbst wird er Vater.

Seit Ende 2018 hat Dirk Hilgendorf den Vorsitz der Ortsgruppe Calau des Blauen Kreuzes der Evangelischen Kirche e. V. (BKE) und damit die Nachfolge von Reiner Schmidt übernommen. „Ich möchte die langjährige gute Arbeit von ihm fortsetzen und mit der Selbsthilfegruppe für Suchtkranke für alle Menschen da sein, die etwas ändern wollen“, sagt Hilgendorf. „Wir sind eine Anlaufstelle für Süchtige, bieten professionelle Hilfe an, sichern Anonymität zu und sind offen für alle Süchte.“

Häufig kommen polytoxe Konsumenten zur Beratung. Fast immer ist Alkohol im Spiel in Verbindung mit Cannabis und der immer häufiger auftretenden Droge Crystal Meth, die stark auf dem Vormarsch ist. „Ein suchtkranker Mensch braucht eine klare Konfrontation mit seinem Problem“, sagt Hilgendorf. „Wir müssen ihnen das Schamgefühl und die Angst nehmen, sich bei uns zu melden“, so der 39-Jährige. Doch genau das ist die Schwierigkeit. Der Abhängige lebt in seiner eigenen Welt, gesteht sich oft nicht ein, dass er abhängig ist. „Die Angehörigen von Drogenabhängigen hingegen bekommen die volle Härte der Realität zu spüren“, sagt Hilgendorf. Daher treffen sich derzeit die Angehörigen Suchtkranker – fast ausschließlich Frauen – jeden letzten Freitag im Monat in der Suchtberatungsstelle Am Ferienzentrum Friedrichsfeld. Die dortige Abgeschiedenheit hilft, den Kopf frei zu bekommen. Vor Ort gibt es eine kleine Holztischlerei, eine Ton- und Keramikwerkstatt und vor allem Auslauf in purer Natur. „Neulich hat mich ein junger Klient angerufen, als der Suchtdruck kam. Da habe ich ihn zum Ferienzentrum gefahren. Dort hat er sich dann ablenken können“, so Hilgendorf.

Die Suchtberater gehen behutsam vor, versuchen, sich einfühlsam in die Lage der Person zu versetzen. Gründe für den Drogenmissbrauch werden analysiert und Möglichkeiten aus der Abhängigkeit heraus entwickelt. Das erfolgt in Einzelgesprächen oder Gruppensitzungen. Anschließend würden Therapien oder Entgiftungen vermittelt. „Am Ende des Weges kann nur eine vollständige Abstinenz stehen“, sagt Dirk Hilgendorf. Das sei ein langwieriger Prozess. Hilgendorf verschweigt nicht, dass die Rückfallquote entsprechend hoch ist. „Am wichtigsten ist der unbedingte Wille, von der Droge wegzukommen und das komplette soziale Umfeld zu ändern.“

Hilgendorf will nun eine zweite Gruppe etablieren, die sich mit Abhängigen illegaler Drogen beschäftigt. Bestehende Kontakte zu Kliniken sollen ausgebaut werden. „Es wird auch Weiterbildungen innerhalb des BKE geben.“