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| 15:20 Uhr

Porträtserie „Herzensmenschen“
Der Einzelkämpfer

 Erwin Lieke ist einer der energischsten Kämpfer für Schrankenfreiheit in Lübbenau.
Erwin Lieke ist einer der energischsten Kämpfer für Schrankenfreiheit in Lübbenau. FOTO: LR / Daniel Preikschat
Schrankenlose Bahnübergänge in Lübbenau zu schaffen, das ist für Bauingenieur Erwin Lieke eine Herzensangelegenheit. Trotz seiner 83 Jahre treibt er das Projekt unermüdlich voran. Von Daniel Preikschat

Erwin Lieke kann sich gut erinnern. 2001 war das gewesen und er noch sachkundiger Einwohner im Bauausschuss der Lübbenauer Stadtverordnetenversammlung. Damals, erzählt er, kam ein Vertreter der Bahn nach Lübbenau und kündigte an, man werde möglicherweise in Lübbenau Bahnübergänge schließen müssen. Lieke ha be daraufhin gesagt: „Ich denke, es wird eine andere Lösung geben.“

Lösung wofür? Welche Lösung? Wer Lieke solche Frage stellt, sollte nicht mit schnellen Antworten rechnen. Denn der Mann, der kürzlich „38“ geworden ist, wie er augenzwinkernd sagt, antwortet stets erschöpfend. Mit unbändiger Freude erklärt er Sachverhalte, von denen er etwas versteht, bis ins kleinste Detail. Und von dem Jahrhundert-Projekt, in Lübbenau schrankenlose Bahnübergänge zu schaffen, versteht er wahrscheinlich mehr als irgendjemand sonst.

Bei der Beantwortung obiger Fragen breitet Lieke selbstgefertigte technische Zeichnungen aus und Kartenmaterial. Man sieht vor allem: zwei Kreisverkehre mitten in der Stadt, einer auf der Neustadt-, einer auf der Altstadtseite, dazwischen ein Tunnel unter den Bahngleisen. 6,50 Meter tief muss er sein, zugleich darf das Gefälle der Straße nicht mehr als fünf Prozent betragen. Was sonst noch alles zu beachten ist bei der Planung des im Stadtplaner-Jargon so genannten „Nordkopfs“, ist Inhalt der von Erwin Lieke im März 2007 in seiner Rentner-Freizeit zu Hause in der Lübbenauer Neustadt erstellten 50-seitigen Studie mit dem Titel „Bahnübergänge Lübbenau“.

Lieke betont, dass er diese Planungsleistung ganz allein vollbracht hat, ohne Ingenieurbüro hinter sich. „Ich bin Einzelkämpfer“, sagt er selbstbewusst, vielleicht auch ein wenig trotzig. Die Studie in 25-facher Ausfertigung unter die Leute zu bringen – dabei wurde ihm dann allerdings doch ein wenig geholfen, von der Gemeinschaftlichen Wohnungsbaugenossenschaft der Spreewaldstadt Lübbenau (GWG).

„Unter die Leute bringen“ hieß damals konkret: Es sollten genau die Politiker und Behördenchefs die Studie bekommen, die Lieke damals für wichtig hielt, das Projekt voranzubringen. Also unter anderem Peter Danckert, SPD-Bundestagabgeordneter und der Landtagsabgeordnete Werner-Siegwart Schippel, beide aus der Region. Liekes Arbeit bekamen das Landesamt für Straßenwesen, die Bahn, der Landkreis, die Stadt. In Potsdam gab es der Lübbenauer im Vorzimmer von Infrastrukturminister Reinhold Dellmann (SPD) persönlich ab. Bundesverkehrsminister Wolfgang Tiefensee (SPD) und Bahnchef Hartmut Mehdorn wies Lieke schriftlich auf das Lübbenauer Problem und seine technische Lösung dafür hin.

Erwin Liekes Arbeit überzeugte und beeindruckte. Eine „Ingenieur­lösung“ nannte sie der damalige Chef des Landesbetriebs Straßenwesen in Cottbus, von einer „hervorragenden Qualität“ sprach ein Kollege vom Straßenverkehrsamt des Landkreises OSL. Einen Tunnel hatte zwar schon Mal ein von der Stadt beauftragtes Planungsbüro in einer von vier Varianten vorgeschlagen, doch von Lieke kam die Idee mit den zwei Kreiseln, um die Verkehrsströme bedarfsgerecht zu verteilen.

Die Arbeit des Lübbenauer Ingenieurs erzeugte öffentlichen Druck. Der noch wesentlich verstärkt wurde durch die Gründung der Bürgerinitiave „Drüber oder Drunter“, die von den SPD-Stadtverordneten Carola Krahl, Monika Blüher und Uwe Pielenz sowie eben auch Erwin Lieke initiiert wurde. Ein Arbeitskreis gründete sich in der Folge mit Vertretern der beteiligten Projektpartner, der bis heute fast 50-mal tagte. Hartnäckig und mit langem Atem wurden die Etappenziele erreicht: Im März 2013 schlossen die Projektpartner eine Kreuzungsvereinbarung ab, in der die Finanzierung geregelt ist; 2015 wird das Landesamt für Bauen und Verkehr Genehmigungsbehörde für das Großprojekt; im Dezember 2017 können die aktualisieren Planfeststellungsunterlagen ausgelegt werden. In den zehn dicken Ordnern findet sich auch die Planung für den „Südkopf“, eine Gleis-Überführung am Ortsausgang Richtung Boblitz, ebenfalls mit zwei Kreisverkehren versehen. Mit diesem „Südkopf“ habe er sich nicht befasst, so Lieke. Da spiele das Problem der hohen Grundwasserstände in Lübbenau mit rein, das wurde selbst ihm zu kompliziert.

Lieke war, als er sich auf die planerische Herausforderung eingelassen hat, schon mehrere Jahre Rentner – und bestens vorbereitet auf die selbstgestellte Aufgabe. Diesen Eindruck hat zumindest, wer sich von Lieke über seine berufliche Vita informieren lässt. 1960 verließ er die Fachschule für Bauwesen in Zittau mit dem Abschluss „Konstruktiver Ingenieurbau“. Da hatte er schon eine Lehre als Maurer und als Fahrdienstleiter bei der Deutschen Reichsbahn absolviert. Als Ingenieur befasste er sich unter anderem mit dem komplexen Wohnungsbau, er projektierte eine Industriewäscherei, entwarf und konstruierte für den VEB Kraftwerk Lübbenau-Vetschau. In den letzten Jahren bis zur Wende war Erwin Lieke Bauplaner und Vermesser für die Wasserwirtschaft Lübbenau. Nach der Wende arbeitete der Lübbenauer noch bis 1994 als Entwurfs- und Tragwerksplaner für ein- und mehrgeschossige Häuser, trat der Brandenburgischen Ingenieurkammer bei und wurde 1995 anerkannter Sachverständiger.

Liekes unbestreitbare Kompetenz und sein großes Bedürfnis sich einzubringen bei einem der größten Infrastrukturprojekte aller Zeiten in Lübbenau macht für die Rathaus-Planer den Umgang mit ihm nicht immer leicht. Keine Bauausschuss-Sitzung, keine BI- oder allgemeine Info-Verantaltung zum Thema ohne dass Erwin, wie ihn alle nur nennen, seine kritischen Fragen stellt und Hinweise gibt. Lieke selbst sieht es anders: Er habe es schwer mit den Planern im Rathaus, so werde ein Schuh daraus. Er müsse ihnen immer wieder auf die Sprünge helfen, darauf achten, dass sie keine Fehler machen. Aktuell sieht er dafür viel Bedarf mit Blick auf die Güterbahnhofstraße. Dass sie zur neuen Landesstraße 49 werden soll, ist Teil der Planung für das Drüber-und-Drunter-Projekt. Lieke sind die geplanten Abstände zwischen Straße und anliegenden Grundstücken aber viel zu schmal bemessen.

So anstrengend Liekes unermüdliche Anteilnahme bei der Planung für viele sein mag. Ihm selbst macht es nicht das geringste aus als Nerver und Quertreiber zu gelten, wenn es der Sache dient. Erwin Lieke, der auch ein Freund des Witze-Erzählens und des Zitierens geistreicher Redensarten ist, antwortet mit einem Sinnspruch von Georg Christoph Lichtenberg: „Es ist unmöglich, die Fackel der Wahrheit durch ein Gedränge zu tragen, ohne jemandem den Bart zu versengen.“

In einer Serie stellt die RUNDSCHAU jede Woche Herzensmenschen vor. Es geht um Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen – oder in ihrem Leben eine Herzens­entscheidung treffen mussten, die nicht ohne Risiko war und vieles verändert hat.