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| 19:40 Uhr

Aus dem Gericht
Der Balkonsturz von Lübbenau

Ein Kurde überfällt mit mehreren Begleitern einen Syrer in dessen Wohnung – doch er kommt glimpflich davon. Von Steven Wiesner

Wir schreiben den 20. Mai 2018. Es ist der Tag, an dem Midian* zusammen mit ein paar Freunden in Lübbenau die Wohnung von Baschar* betritt. Und es ist der Tag, an dem aus dem 28-jährigen Kurden ein Straftäter wird, der sich schon bald vor Gericht verantworten muss. Denn die Gruppe um Midian ist zur Wohnungstür gekommen, um den 23-jährigen Syrer zu attackieren, zu Boden zu drücken und auf ihn einzuprügeln. Baschar will über den Balkon nach draußen fliehen, doch die Angreifer kommen ihm zuvor. Gerade als er aus der Erdgeschosswohnung springen will, stoßen ihn die Männer vom vermutlich zwei Meter hohen Balkon. Mehr als ein paar Prellungen und blaue Flecken trägt Baschar letztlich zwar nicht davon, dennoch wird unter anderem auch Midian später einen Haftbefehl erhalten und vor Gericht um seine Freiheit bangen müssen.

Verhandelt wird der Fall am vergangenen Donnerstag im Amtsgericht Lübben. „Gemeinschaftliche Nötigung und Körperverletzung“ wirft ihm die Staatsanwaltschaft in der Anklageschrift vor. Mehrere Jahre im Gefängnis können bei einem solchen Delikt drohen. Seit November sitzt Midian bereits in Haft. Er betritt den Gerichtssaal mit Handschellen um die Hände und zwei Justizbeamten im Rücken. Verlassen wird er das Gebäude drei Stunden später aber ohne Polizeieskorte als freier Mann. Weil er sich geständig und zuweilen auch einsichtig zeigt und beteuert, „seine Lektion“ gelernt zu haben.

Gleich zu Prozessbeginn lässt er seinen Dolmetscher übersetzen, dass er „nur die Wahrheit“ sagen werde. Midian ist seit 2016 in Deutschland, wohnt in Vetschau und arbeitet seit einiger Zeit als Kellner in einem Restaurant in Halbe. Er versteht und spricht auch schon ganz ordentlich Deutsch, die meisten Aussagen macht er aber auf Syrisch. Bei seiner Verhaftung hatte er die Tat noch bestritten. Diesmal aber braucht Midian nicht lange, um ein Geständnis abzulegen.

Er und Baschar erklären unisono, dass es schon am Vorabend zu einem Streit gekommen sei. Midian soll dabei zunächst nur eine Nebenrolle gespielt haben, eigentlich wollten seine Freunde Baschar zur Rede stellen. „Doch auf einmal fing er an, mich aufs Übelste zu beleidigen“, erklärt Baschar dem Richter. Er habe sich mit einem Schlüssel zur Wehr gesetzt und Midian eine Platzwunde am Hinterkopf verpasst. Anstatt zur Polizei zu gehen und den Vorfall zu melden, habe sich Midian von seinen Begleitern anstiften lassen, am nächsten Tag mit zur Wohnung zu kommen. „Ist das ihr Vater, der Ihnen sagt, was Sie zu tun haben?“, fragt der Richter schnippisch und macht ihn darauf aufmerksam, dass in Deutschland keine Selbstjustiz zulässig sei. „Nein“, antwortet Midian, „aber ich war wütend wegen meiner Verletzung am Kopf.“

Deshalb sei er in die Wohnung Baschars gegangen. Und deshalb hat er ihm auch zwei Schläge verpasst. Mehr habe er aber nicht verbrochen. Auch am Balkonsturz sei er nicht beteiligt gewesen. „Fühlen Sie sich eigentlich schuldig?“, will der Richter noch von Midian wissen. „Na klar fühle ich mich schuldig“, sagt er. Er verstehe zwar nicht, warum er hier vor Gericht sitzen muss und Baschar nicht für das, was er am Abend zuvor gemacht hat. „Aber es soll mir trotzdem eine Lektion sein“, sagt Midian. „Es war eine bittere Erfahrung, hinter Gittern zu sitzen.“

Es ist eben jene Einsicht, die ihm bei der Urteilsverkündung zum Vorteil ausgelegt wird. Die Staatsanwältin plädiert auf eine Freiheitsstrafe von zwölf Monaten auf Bewährung plus 100 Stunden gemeinnützige Arbeit. Das Gericht verurteilt ihn sogar nur zu acht Monaten. Die Bewährungsfrist beträgt drei Jahre. Wir schreiben den 3. Januar. Es ist der Tag, von dem an Midian zeigen kann, dass er was gelernt hat.

 

* Namen geändert