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| 03:00 Uhr

Denkanstöße geben

Reiner Schwalme ist in Liegnitz (heute Legnica/Polen) geboren. Er feiert heurte seinen 75. Foto: Birgit Keilbach/bkh1
Reiner Schwalme ist in Liegnitz (heute Legnica/Polen) geboren. Er feiert heurte seinen 75. Foto: Birgit Keilbach/bkh1 FOTO: Birgit Keilbach/bkh1
Er arbeitete zunächst als Illustrator, hat sich jedoch mit seinen klaren und treffenden politischen Karikaturen in Deutschland und international hohe Anerkennung erworben. Die RUNDSCHAU sprach mit Reiner Schwalme über seinen Weg zum erfolgreichen Karikaturisten und sein Engagement für diese Gruppe bildender Künstler. bkh1

Herr Schwalme, Sie formulieren seit Jahrzehnten Ihre politischen Kommentare mit dem Zeichenstift. Was wollen Sie bewirken?
Ich weiß, dass man mit Karikaturen die Welt nicht verändern kann. Ich nutze diese Möglichkeit, um Menschen auf ein Thema aufmerksam zu machen und ihre Gedanken in eine bestimmte Richtung zu lenken. Wenn das funktioniert, dann ist schon viel erreicht.

Ist das für Sie ein innerer Auftrag?
Ich bin ein politischer Mensch und es hat mir immer Spaß gemacht, meinen Senf dazu zu geben. Allerdings lässt mein Ehrgeiz in dem Tempo nach, wie die Politik in der letzten Zeit Anstand, Charakter und Hoffnung fahren lässt. Daher bin ich jetzt nicht mehr so politisch engagiert wie früher. Viele vor Jahren gezeichnete Karikaturen zu Arbeitslosigkeit, Obdachlosigkeit oder anderen Themen sind heute noch aktuell. Da hat es doch kaum eine politische Entwicklung gegeben. Man spürt mit den Jahren die Ergebnislosigkeit. Das verbittert nicht nur, sondern bremst auch.

Als das Thema politische Karikatur für Sie interessant wurde war das noch anders?
1985 sprach mich Manfred Strahl an, ob ich auch für den Eulenspiegel zeichnen würde. Zwei Komponenten beeinflussten damals meinen Weg. Erstens arbeiteten dort Kollegen, die es verstanden, politische Zeichnungen mit versteckter Aussage zu machen. Von ihnen habe ich gelernt, vor allem von Heinz Behling. Zweitens hielt Gorbatschow in der damaligen Sowjetunion die ersten Reden, die brisant genug waren, dass wir Zeichner in der DDR dem Affen mehr Zucker geben konnten. Vor allem konnte man im Eulenspiegel mehr Satire ins Blatt bringen. Das hat mich gereizt und ich habe Blut geleckt.

Dann kam die Wende in der DDR. Wie betrachten Sie diese Zeit heute?
Als die die interessanteste Zeit meines Lebens. Diese gesellschaftliche und politische Umwälzung, diesen geschichtlichen Akt mitzuerleben und zeichnerisch zu begleiten, das war eine aufregende und spannende Zeit. Ich habe mich nicht nur als Karikaturist, sondern auch aktiv beteiligt, zum Beispiel an der Durchführung der Demo am 4. November auf dem Berliner Alexanderplatz.

Was änderte sich damals in ihrer Arbeit?
Erstens änderten sich die Themen. Es gab diese wunderbaren Wochen der Basisdemokratie und wir Zeichner hatten plötzlich eine Unzahl an Ideen im Kopf. Ich habe noch nie so viele politische Karikaturen gezeichnet wie in diesen Wochen, für den Eulenspiegel und die Zeitschrift "Horch und Guck", der Bürgerrechtsbewegung 15. Januar, die sich mit der Aufarbeitung der Stasi-Machenschaften beschäftigte. Wir hatten jetzt Presse- und Meinungsfreiheit und das Interesse an der politischen Karikatur war deutlich gewachsen. Auch die Gewerkschaftszeitung "Tribüne", für die ich zuvor bereits gezeichnet hatte, bekam eine neue Redaktionsleitung und gab politisch-satirischen Karikaturen Raum. Das fiel ganz schnell Auftraggebern aus den alten Bundesländern auf, meine ersten Aufträge kamen von der IG Metall. Barbara Henniger und ich waren die ersten ostdeutschen Zeichner, die in einen Wettbewerb einbezogen wurden, den die Gothaer Versicherung ausgelobt hatte.

Wie begegneten Ihnen die westdeutschen Kollegen?
Die Einheit in unserer Branche vollzog sich sehr schnell, weil die politische Satire gleiche Denkweisen voraussetzt. Es gab Treffen mit den Kollegen und Freundschaften entwickelten sich. Sie halfen uns auch bei vielen praktischen Fragen, denen wir uns als freiberufliche Künstler unter den neuen Bedingungen stellen mussten.

Ihre Karikaturen wurden mit vielen nationalen und internationalen Preisen ausgezeichnet. Doch liegt Ihnen die Anerkennung des Berufsstandes am Herzen und Sie gehören zu den Gründern des Vereins Cartoonlobby. Warum ist Ihnen das wichtig?
Karikaturisten sind in der Regel Einzelkämpfer. Wir hatten keinen Verband, der unsere Interessen vertritt. Das wollen wir mit unserem inzwischen bundesweit tätigen Verein bewirken. Wir gestalten thematische Ausstellungen und sammeln wertvolle Nachlässe deutscher Karikaturisten. Außerdem ist es mir wichtig, mich in der Region einzubringen, in der ich lebe. Und weil ein Verein auch ein Zuhause braucht, bemühte ich mich beim Landkreis Dahme-Spreewald darum und fand offene Türen. So können wir jetzt im Kreisarchiv unsere Sammlungen aufbewahren und regelmäßig Ausstellungen im Museum für Humor und Satire zeigen.

Dort ist zurzeit Ihre Sonderausstellung zu sehen, die einen Querschnitt Ihres Lebenswerkes zeigt. Welchem Genre gehört Ihre besondere Liebe?
Das ist die Buchillustration. Sie wäre die Erfüllung in meinem Beruf gewesen. Doch sie wird kaum noch verwendet. Für die DDR-Kinderzeitschriften "Trommel" und "Frösi" sowie die Frauenzeitschrift "Für Dich" zeichnete ich in den 1970er und 80er Jahren außerdem einige Comic-Serien. Dieses Genre reizt mich noch immer. Ich habe schon Ideen gesammelt für einen großen Comic zum Thema deutsche Geschichte und Politik.

Mit Reiner Schwalme

sprach Birgit Keilbach