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Das Leben auf der Insel am Anfang der Welt

Erhabenem Rotwild mal einfach so durch den Wildschutzzaun getrocknetes Brot füttern – bei der Pritzener Familie Lehnigk ist das möglich. Über die Jahre haben Hirsch Rudolph und seine Hirschkühe Vertrauen zur Familie aufgebaut und fressen Leckerlies aus der Hand.
Erhabenem Rotwild mal einfach so durch den Wildschutzzaun getrocknetes Brot füttern – bei der Pritzener Familie Lehnigk ist das möglich. Über die Jahre haben Hirsch Rudolph und seine Hirschkühe Vertrauen zur Familie aufgebaut und fressen Leckerlies aus der Hand. FOTO: Uwe Hegewald
Pritzen. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Pritzen. Uwe Hegewald /

Vom Westen, Norden und Osten wird Pritzen vom Altdöberner See umschlossen, was dem Dorf zum Ruf der wohl markantesten Halbinsel des Landkreises verholfen hat. Den Gegebenheiten ist es geschuldet, dass Pritzen immer bewusst von Personen angesteuert wird und von Leuten, die sich hierher verirrt haben. Als Gemeindeteil von Altdöbern liegt das Dorf rund 15 Kilometer von der Kerngemeinde entfernt, was häufig zur Bemerkung führt, dass Pritzen am Ende der Welt liegt. André Lehnigk hält dagegen: "Wenn wir morgens zur Arbeit und die Kinder in die Schule fahren, starten wir in Pritzen. So gesehen leben wir am Anfang der Welt", stellt das 38-jährige Familienoberhaupt klar.

Im Mai 2000 ist er mit seiner Michaela auf die Halbinsel gezogen und hat ihr einen Monat später das Ja-Wort gegeben. Mit Sohn Willi (15), der das Lübbenauer Gymnasium besucht, und Töchterchen Anna (9), Schülerin der Liliengrundschule Altdöbern, hat sich die Familie zum Quartett entwickelt. Klar sei die Familie aufgrund der Lage auf das Auto angewiesen, dem gegenüber stehe jedoch die absolute Ruhe im Dorf, fernab stark frequentierter Straßen. "Wir wollen hier nie wieder weg, haben in Pritzen unseren Lebensmittelpunkt gefunden", sagt André Lehnigk und erntet von seinen Familienmitgliedern ein zustimmendes Nicken. "Wir sind beide in Dörfern aufgewachsen, da war die Entscheidung, auf dem Lande zu bleiben, quasi vorgegeben", begründet das aus Greifenhain und Casel (beides Spree-Neiße) umgezogene Paar. Dutzende Hühner, Tauben, Enten und Fasane, die sich auf dem Grundstück tummeln, tragen die Handschrift des Aufwachsens mit Nutztieren. "2012 kamen ein Rehkitz, ein verstoßenes Rotwildkalb und 2013 Wildschwein Rudi hinzu. Die Leute wussten, dass ich 2010 meinen Jagdschein abgelegt hatte und waren der festen Überzeugung, dass wir die Tiere beherbergen könnten", blickt der Tierfreund zurück. Seine Meinung sagt er geradeheraus. So prophezeite er dem zwei Wochen alten Frischling Rudi, der sich im Steingürtel verfangen hatte, der Pritzen vor Wellenschlag des Sees schützen soll: "Das Tier übersteht den morgigen Tag nicht." Doch er hatte die Prognose ohne die fürsorglichen Damen des Hauses erstellt.

Inzwischen ist Rudi fünf Jahre und hat an der Seite von Bache Rosa jährlich für Nachwuchs gesorgt. Hirsch Rudolf und Hirschkuh Resi stehen den Schwarzkitteln in nichts nach. Seit 2015 erblickten im rund drei Hektar großen Gehege sieben Rotwildkälber das Licht der Welt. Über Pritzen leuchtet dieses seit Anfang der 1990er-Jahre wieder heller.

Das bereits dem Tode geweihte Dorf sollte vom bereits umgebenen Tagebau Greifenhain geschluckt werden. Knapp 200 Einwohner wurden umgesiedelt, mehrere Gebäude abgerissen und selbst die Kirche abgetragen und in Spremberg wieder aufgebaut. Bis auf eine Familie war der Ort verwaist, als der Tagebau vor Pritzen stoppte. Helga und Herbert Glatz weigerten sich, das Dorf zu verlassen. "Ich glaube, die Behörden hätten eine Zwangsräumung veranlasst, um meine Großeltern von ihrem Grundstück zu vertreiben", sagt André Lehnigk. Die Nachricht, dass ehemalige Pritzener ihre Grundstücke zurückerwerben können, sorgte für Wiederbelebung auf der Halbinsel. Lehnigks profitierten vom Rücktritt einer einst ansässigen Familie, um sich im Dorf eine Existenz aufzubauen. "Schade, dass noch immer viele Grundstücke verwaist sind und einen ungepflegten Eindruck hinterlassen", bedauert André Lehnigk und spricht damit dem Gros der Mitbewohner aus dem Herzen. Auch für das seit mehreren Jahren leer- und zum Verkauf stehende Bürgerhaus wünschten sich die Pritzener frühere Gegebenheiten zurück, als im ursprünglichen Gasthaus noch Gäste bewirtet wurden.

Geselligkeiten finden in der Regel im Freien oder Pavillons statt, wie das jährliche Heimatfest und das Maibaum-Aufstellen. André Lehnigk schwört auf das traditionelle Aufrichten mittels Muskelkraft ohne Hinzuziehen von Technik. Mit den benötigten Stangenpaaren und den Leuten an den Sicherungsstricken werden bis zu 20 Personen benötigt. "Da sind wir auch auf die Hilfe jener Dorfbewohner angewiesen, die nicht Mitglied im Heimatverein sind", bemerkt er. Übrigens: In diesem Jahr blickt der Verein auf sein

20-jähriges Bestehen zurück. Die zwei Jahrzehnte vermitteln jedoch ein trügerisches Bild. Viele Dorfbewohner haben das Renten- und Pensionsalter erreicht oder bereits Goldene Hochzeit gefeiert, was den Altersdurchschnitt nach oben hebt. Ob mit der Entwicklung des Altdöberner Sees eine Trendwende Einzug hält und weitere junge Familien es den Lehnigks nachmachen, bleibt abzuwarten. Was sich das Dorf auf der Halbinsel jedoch wünscht, ist ein durchdachter, sanfter Tourismus am und auf dem Altdöberner See. Denn Krach haben die Pritzener schon zu Bergbauzeiten reichlich und damit genug gehabt.

Zum Thema:
In Pritzen, das 1995 komplett verschwunden sein sollte, leben inzwischen wieder 46 Personen. Der Höchststand datiert aus dem Jahr 1945 mit 525 Einwohnern, darunter viele Flüchtlinge. 1993 und 1995 fanden in Pritzen zwei Bienalen statt, an denen zahlreiche Künstler teilnahmen. Von den 23 Kunstobjekten sind noch einige sichtbar. Das Bestreben, Pritzen zum Künstlerdorf zu erheben, ist bisher nicht gelungen. Der 2002 gegründete Verein Kunstscheune entwickelt nur noch selten Aktivitäten.