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Das lange Ringen um Hilfe

Schier unüberwindlich für Ingrid Guthke – die Treppen hinunter ins Erdgeschoss.
Schier unüberwindlich für Ingrid Guthke – die Treppen hinunter ins Erdgeschoss. FOTO: dpr
Lübbenau. Nach einem komplizierten Bruch fühlt sich eine Seniorin aus Lübbenau von ihrer Krankenkasse schlecht begleitet. Dort jedoch hat man eine andere Sicht der Dinge. Daniel Preikschat

Der 21. April 2017 war für Ingrid Guthke ein schwarzer Tag. Der Seniorin aus Lübbenau fiel beim Hantieren ein schwerer Gegenstand auf das linke Bein. Der Schienbeinkopfspaltbruch wurde im Krankenhaus in Luckau operiert, die Lübbenauerin dort nach zehn Tagen entlassen. Die kommenden Wochen durfte sie ihr Bein nicht belasten, also auch nicht auftreten. Termine bei Fachärzten und beim Physiotherapeuten wurden verschrieben sowie eine Reha.

Gerade die wichtigen Physiotherapie-Termine aber waren in Lübbenau so schnell nicht zu bekommen. Ingrid Guthke sei Wochen lang unbehandelt geblieben, wie sie berichtet. Sie habe herumtelefoniert, bekam schließlich im 15 Kilometer entfernten Vetschau eine Zusage. Aber wie dort hinkommen? Die Lübbenauerin wohnt in der dritten Etage einer Neustadt-Wohnung ohne Fahrstuhl. 40 Treppenstufen sind es bis hinunter ins Erdgeschoss. In Vetschau gehe es dann noch einmal 24 Stufen die enge Stiege hinauf zur Praxis.

Mit dem Problem, von A nach B zu kommen und wieder zurück, sah sich Ingrid Guthke von ihrer Krankenkasse jedoch allein gelassen. Tragestuhl und Krankentransport wurden nicht genehmigt, ein Widerspruch dagegen abgewiesen.

Ein Sprecher der zuständigen Krankenasse verweist dabei auf Richtlinien: Um die Leistung zu bekommen, hätte die Versicherte einen entsprechend mit Merkzeichen ausgestatteten Behindertenausweis benötigt. Oder es hätte der Pflegegrad 3, 4 oder 5 vorliegen müssen. Das Angebot, die Kosten für die Pkw-Fahrten zur Physiotherapie zu übernehmen, habe die Lübbenauerin abgelehnt.

Nicht nachvollziehen kann der Kassensprecher den Vorwurf, der Lübbenauerin sei bei der Suche nach einem Physiotherapieplatz nicht genügend geholfen worden. Geschäftsstellenmitarbeiter seien mit ihr über Wochen und Monate in engem Kontakt gewesen. Ingrid Guthke indes sah sich genötigt, den ASB für Fahrten und Tragedienst anzufordern. Gegen die Ablehnung der Kosten dafür legte sie Widerspruch ein, den die Kasse ebenfalls abgewiesen hat. Die Seniorin sieht sich von ihrer Krankenkasse aber auch beim Beantragen einer Anschluss-Reha im Stich gelassen.

Weil sie so spät erst ihre Physiotherapie-Termin bekommen hat, sei die erste dreiwöchige Reha ihrer Ansicht nach nicht ausreichend gewesen, eine Anschluss-Reha dringend nötig, wie auch ihre Hausärztin bestätige. Den Antrag dafür lehnte die Krankenkasse jedoch ebenfalls ab. Die Begründung: Reha-Leistungen dürfen laut gesetzlicher Regelung nur alle vier Jahre in Anspruch genommen werden. Für eine vorzeitige Anschluss-Reha liege "keine ausreichende medizinische Begründung" vor. Einen erneuten Widerspruch der Seniorin aus Lübbenau wies der Medizinische Dienst der Krankenversicherung gutachterlich zurück.

Ingrid Guthke hat den Verdacht, es werde einfach abgewartet, bis ihre Verletzung kostensparend von selbst ausheilt. Gesetzliche Regelungen, sagt sie, seien das eine. "Aber wo bleibt der Mensch?" In ihrem Fall hätte eine Ausnahme möglich sein müssen. Der Slogan der Krankenkasse, Versicherten zu helfen, sei eine Herzenssache, ist für sie nur noch eine hohle Phrase.