Herwig Kipping sitzt allein in der Ecke hinterm Flügel und schaut auf die Leinwand - vor ihm die zehnfache Zuschauerzahl im Vergleich zum Berliner Kino-Kaffe. Dort gab es die Vorführung einer ersten Schnittfassung. Kipping hatte weiter an dem Film gearbeitet, der ein "wahrhaftiges Monument der Erschütterung" ist und "die Unbehaustheit des 19. Jahrhunderts mit der Schreckensmediathek des 20. Jahrhunderts auf hypnotische Weise zusammenführt", wie es die Filmwissenschaftlerin Reinhild Steingröver beschreibt.

Nun also die abgeschlossene Fassung. Gastgeber Siegfried Kühn stellt Kipping als einen der Regisseure vor, die zur letzten Generation der Defa gehörten und dessen Debüt "Das Land hinter dem Regenbogen" (1992) für ihn einer der besten Defa-Filme sei. "Was hätte noch entstehen können, wenn Geld da gewesen wäre?!", sagt Kühn. Und so wird Groß Jehser zum Ort der Uraufführung für "Der Obdachlose Hölderlin". Der Film erinnere ihn in seiner Struktur an Arbeiten von Andrej Tarkowski ("Solaris", "Stalker"). Die Atmosphäre des Abends, den Kühn als Anti-Festival-Veranstaltung zu Berlin sieht, sei ähnlich der einer Defa-Abnahme. Es gibt "Erstseher" und einige wenige, die schon vorab Arbeitsfassungen gesehen haben. Es sind weitere Regisseure dabei, unter anderem der Neuseeländer Vincent Ward ("Hinter dem Horizont", "Der Navigator"), Autoren, Schauspieler und Filmenthusiasten von Calau bis Lübbenau, von Cottbus bis Lübben.

Auf die weiße Wand am Kamin werden Bilder projiziert, die die Zuschauer vom ersten bis zum letzten in ihren Bann ziehen. Fast atemlos ist die Stille, dabei ist keines der Bilder neu. Kipping hat seine Kamera auf das gehalten, was seit Jahrzehnten täglich über den TV-Bildschirm ins Haus kommt. Er erlebt diese Bilder und setzt gegen sie die Poesie des Dichters Friedrich Hölderlin. Er hat die Kamera genommen, zeigt sein Gesicht, geht durch zerstörte Orte, schaut in die Glaskugel und stellt fest: "Nichts ist gewaltiger als der Mensch …" (nach Sophokles). Immer wieder Bilder der Zerstörung von Menschen, Behausung, Kulturgut. "'s ist leider Krieg - und ich begehre nicht schuld daran zu sein!", zitiert er das Kriegslied von Matthias Claudius. Mit dem Schlussbild, das die drohende Katastrophe ins Auge schweißt, stellt sich die Frage nach Pessimismus oder Willenskraft: "So weit darf es nicht kommen."

Über die Sicht auf dieses autobiografisch geprägte Werk diskutiert Jörg Foth, der der gleichen Defa-Regisseur-Generation angehörig wie Kipping und jüngst mit "Letztes aus der DaDaeR" in Groß Jehser zu Gast war, mit den "Abnehmern", den Zuschauern. Foth hatte den Fertigstellungsprozess begleitet. "Ich habe den Film drei- oder viermal gesehen und jedes Mal ging es mir anderes", stellt er fest. Wie kaum ein anderer Film zeigt "Der Obdachlose Hölderlin" Himmel und Hölle in einem - das ist die Tragödie der Welt.

"Der Film gibt die Stimmung wider, die ich aktuell erlebe. Dieses Werk berührt mich, es macht mich traurig. Aber es gibt auch eine Aussicht auf Hoffnung", sagt Petra Wilhelm und spricht offenbar auch anderen Zuschauern aus dem Herzen. Es geht an diesem Abend niemand ungerührt nach Hause, in privaten Runden wird noch lange darüber gesprochen. Der Regisseur, Autor, Darsteller Herwig Kipping ist still glücklich, wie seine Arbeit aufgenommen wird. Es sei ein Akt der Befreiung, bekennt er. "Von den Dingen, die uns erschlagen", ergänzt Jörg Foth.

Es bleibt die Hoffnung, dass es weitere mutige Veranstalter gibt, die diesen Film zeigen - dann könnte beim nächsten Mal die Zuschauerzahl vielleicht wieder verzehnfacht sein ...

Zum Thema:
Reinhild Steingröver arbeitet im Bereich der Geisteswissenschaften, der Germanistik und Filmwissenschaft an der Eastman School of Music, University Rochester/New York. Zu ihren Forschungsinteressen zählen Avantgarde-Filme, deutsche Filme, der Defa-Film. Sie veröffentlichte unter anderem das Buch "Spätvorstellung: Die chancenlose Generation der DEFA".Weitere Literatur zum Thema von Dietmar Hochmuth: "DEFA NOVA - nach wie vor? Versuch einer Spurensicherung." Hrsg.: Freunde der Deutschen Kinemathek. Berlin, 1993.Interview mit Herwig Kipping: www.lr-online.de