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Das ist die Sonnenseite der Calauer Schweiz

In Weißag hat nachbarschaftliches Miteinander noch einen besonderen Stellenwert. Ein Feierabendbier genießen Lutz Gaumer, Peter und Ulrike Raschke, Robert Kleemann und Ortsvorsteherin Petra Richter (v.l.n.r.) gemeinsam. Unter Aufsicht von Hündin Laika.
In Weißag hat nachbarschaftliches Miteinander noch einen besonderen Stellenwert. Ein Feierabendbier genießen Lutz Gaumer, Peter und Ulrike Raschke, Robert Kleemann und Ortsvorsteherin Petra Richter (v.l.n.r.) gemeinsam. Unter Aufsicht von Hündin Laika. FOTO: Uwe Hegewald
Weißag. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Weißag. Uwe Hegewald

Das verträumte Wohn- und Bauernhaus der Familie Kadatz zählt zu den beliebtesten Fotomotiven in den Bergdörfern der Calauer Schweiz. Mit seiner Feldsteinfassade, den historischen Fenstern und blühendem Vorgarten zieht das Gebäude gleichermaßen die Blicke auf sich.

Die Ursprünge liegen Hunderttausende Jahre zurück, als die Saale-Eiszeit der Calauer Schweiz ihr Profil gab und tonnenweise Baumaterial vor sich her schob: Feldsteine, auch Geschiebe genannt, die von den eiszeitlichen Gletschern aus Skandinavien antransportiert und beim Abschmelzen der Gletscher abgelagert wurden. "An fast allen älteren Häusern in Weißag sind zum Bau Feldsteine verwendet worden. Die meisten Gebäude, wie unseres, wurden jedoch inzwischen verputzt", erzählt Peter Raschke. Mit seiner Frau Ulrike bewohnt er ein Grundstück mit Bau- und Nutzungshistorie.

Auf dem Anwesen war einst der Kindergarten untergebracht und in den 1980er-Jahren eine Altstoff-Annahmestelle. Jüngstes Projekt ist eine 2005 errichtete, gemeinschaftliche Kläranlage. Mehrere Nachbarn haben sich zusammengeschlossen, "klärende Gespräche" geführt, einen Vertrag formuliert und sich das Vorhaben notariell bestätigen lassen. "Für alle die einfachste und kostengünstigste Variante", so Peter Raschke, der mindestens einmal im Jahr ein Doppelleben führt. Zum Zampern schlüpft er in kuriose Kostüme und Rollen, wie etwa vor zwei Jahren. Als Scheich Al Raschid verteilte er an der Seite von Scheich Al Ruschid alias Mario Ruckdäschel, Eintrittskarten für den neuen Aussichtsturm. Anliegen der beiden temporären Oberhäupter der arabischen Welt: das Vorhaben eines Ersatzbaus für den Weißager Aussichtsturm wach zu halten. Aufgrund technischer Mängel musste der 1999 errichtete, hölzerne Turm vor drei Jahren abgerissen werden. Ein Neubau in massiver Bauweise an einem geänderten Standort hing lange in der Luft und wurde nicht von allen Volksvertretern der Gemeinde Luckaitztal mitgetragen. Für Scheich Al Raschid und Scheich Al Ruschid Grund genug, der Sache mit komödiantischen Mitteln gehörig Nachdruck zu verleihen. "Der neue Turm kommt", sagt Ortsvorsteherin Petra Richter. "Fördergelder stehen bereit, die letzte behördliche Hürde ist genommen und Geld ist im Gemeindehaushalt 2018 schon für die Eröffnungsfeier eingestellt", informiert sie. Selbst ein Kosenamen ist dank Raschid und Ruschid bereits gefunden: der Plinse-Tower.

Die Bezeichnung kommt nicht von ungefähr, bildet Weißag doch mit Gosda und Zwietow das Plinsdörfer-Trio. Für Besucher und Touristen zu früheren Turmzeiten schon zum Ritual geworden: vor Gaumers Gasthaus parken, Buchweizen-Plinse bestellen, Kadatz Bauernhaus fotografieren, zum Aussichtsturm hin- und wieder zurückwandern und sich zur Krönung die Plinse munden lassen.

Vor 40 Jahren zog es sogar Bauleute in die Plinsestube, was Lutz Gaumer erklären kann: "Auf unserem Grundstück befand sich ein Blockhaus aus dem Baujahr 1810, in dem einst die durchreisenden Kutscher untergebracht waren. 1977/78 wurde das Haus Stück für Stück abgetragen und in Lehde wieder aufgebaut", erzählt er. Seitdem sorgt es als Kassenhäuschen im Freilandmuseum für einen Hauch Calauer Schweiz mitten im Spreewald. Und noch ein Gebäude haben die Einwohner von Weißag in ihr Herz geschlossen: das 1938 errichtete Schulgebäude mit der kunstvoll gestalteten Eingangspforte. Ornamente und der Schriftzug "Ohne Fleiß keinen Pries" sind hier aufs Mauerwerk aufgetragen. Viele Weißager haben das Zitat verinnerlicht - einstige Schüler und auch Hinzugezogene, so Petra Richter. Stellvertretend nennt die Ortsvorsteherin die Familien Peter Raschke, Robert Kleemann oder Lutz Gaumer. "Wenn Not am Mann ist, sind sie zur Stelle. Sie haben einfach das Talent, Probleme anzugehen oder diese einer Lösung zuzuführen", lobt sie. In einigen Fällen seien aber auch ihnen die Hände gebunden. Langsames Internet, mieser Handy-Empfang und eine ständig rollende Schwerlaster-Flotte zur Biogasanlage im benachbarten Schöllnitz. "Traktoren und Lkw gab es früher auch, inzwischen sind sie aber so groß, dass sie bei Begegnungen auf unserer Dorfstraße auf die Gehwege ausweichen und diese kaputtfahren", beklagen die Anwohner. "Ansonsten lebt es sich idyllisch in Weißag. Fast wie im Urlaub", beschreibt Ulrike Raschke die Alltagsmomente auf der Süd- und Sonnenseite der Calauer Schweiz. Wenn es doch mal auf Reisen geht, dann ans Meer. Ostsee, Boltenhagen inklusive Abstecher in ein Café mit dem besten Schoko-Eis überhaupt. Die Eiszeit zieht die Weißager also noch immer in den Bann.

Zum Thema:
Weißag zählt nach eigenen Angaben 49-einhalb Einwohner. Nachwuchs kündigt sich im Dorf an, das auch schon mehr als hundert Einwohner zählte. Der Höchststand datiert aus dem Jahr 1946 mit 135 Personen.Unternehmerisch tätig sind Gerda Gaumer mit dem gleichnamigen Gasthaus sowie Robert Kleemann, passionierter Kutschen- und Kremserfahrer. Am 31. März 2002 schloss sich Weißag mit acht weiteren Dörfern zur Gemeinde Luckaitztal zusammen.

Das Bauern- und Feldsteinhaus der Familie Kadatz zählt zu den beliebten Fotomotiven auf der Südseite der Calauer Schweiz.
Das Bauern- und Feldsteinhaus der Familie Kadatz zählt zu den beliebten Fotomotiven auf der Südseite der Calauer Schweiz. FOTO: uhd1