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Cross und Camping zwischen Baum und Borke

Endurosport im Gelände an der traditionsreichen Sandbahn in Hindenberg am vergangenen Wochenende.
Endurosport im Gelände an der traditionsreichen Sandbahn in Hindenberg am vergangenen Wochenende. FOTO: Henry Pfeiffer
Lübbenau. Ostern bleibt es ruhig auf den Motorsport-Anlagen im Lübbenauer Ortsteil Hindenberg. Die Sportler sehen das als Entgegenkommen. Denn der benachbarte Campingplatz fühlt sich genervt vom Motorenlärm – und nun hat sein Betreiber ein Kaufangebot für das Motorsport-Gelände unterbreitet. Jan Gloßmann

Man kennt sich, man duzt sich, man agiert in Rufweite - nur das Zuhören wird schwieriger. So geht es nicht weiter: Diesen Satz könnten beide Seiten - Campingplatz-Betreiber Marco Rähm und der Chef des Motorsportclubs "Jugend", Henry Pfeiffer - unterschreiben. Beide haben ihr Domizil im Lübbenauer Ortsteil Hindenberg, auf der einen Seite der Straße die legendäre Sandbahn und weitere Motocross-Anlagen, gegenüber idyllisch am See der Campingplatz.

Das erste Lübbenauer Sandbahnrennen gab es am 6. September 1970, Motocross kam erst später dazu. Der Campingplatz wurde zu Beginn des neuen Jahrtausends eröffnet.

Es gebe, klagt Pfeiffer, "immer wieder neue Forderungen seitens des Campingplatzes". Zwar genießen die Motorsportanlagen Bestandschutz und haben die nötigen Genehmigungen für Trainings- und Wettkampffahrten. Zudem, so Pfeiffer, verzichte man bereits auf Touren an Sonn- und Feiertagen "komplett"; Ausnahme ist nur der Sandbahn-Tag traditionell am 1. Mai. Das alles bringe "finanzielle Einbußen" mit sich. So langsam gehe das und letztlich auch der unentschiedene Zustand der Pachtverträge mit der Kommune an die Existenz des Vereins.

Die Stadt Lübbenau ist Eigentümer der Flächen; aufgrund noch ausstehender neuer Genehmigungen nach Bundesimmissionsschutzgesetz bleiben die Pachtverträge befristet. Die Genehmigung hat der Verein im vergangenen Jahr beantragt, um Ruhe in die Situation zu bekommen.

Die Existenz des Campingplatzes bedroht sieht Betreiber Marco Rähm: "Ich habe da draußen etwa 1,7 Millionen Euro investiert mit viel Mut. Ich bin nicht der, der den Motorsport kaputt machen will." Es müsse aber, so Rähms Sicht, die "Verhältnismäßigkeit gewahrt bleiben". Man streitet jedoch schon, ob denn nun "ausnahmslos jedes Wochenende" gefahren werde oder nicht. Rähm: "Dauercamper werden tagtäglich beschallt. Das kann ich dem Gast nicht mehr verkaufen."

Allerdings gibt es nach einer Eskalation vor sechs Jahren bereits ein Lärm-Gutachten: In diesem wird festgestellt, dass es nur bei ungünstiger Windrichtung eine Belästigung gibt. Doch auch hier hat jeder seine Erfahrungen. Selbst wenn gesetzliche Grenzwerte eingehalten werden, klingen die Geräusche in jedem Ohr anders. Die einen nennen es Musik, die anderen Lärm.

Letzteren monieren auch die Ortsvorsteher von Klein Radden, Manfred Mrose, und Hindenberg, Rico Angermann. Der sagt: "Bei Ostwind gehst du nicht in den Garten."

Motorsport-Chef Pfeiffer hält dagegen: Lediglich die großen Speedway-Maschinen würden an den gesetzlichen Grenzwerten kratzen. Die jedoch habe der Verein gar nicht selbst im Bestand. Die Maschinen für Kinder aber seien "leiser als ein Rasenmäher". Beim Enduro gebe es somit sogar Spielraum.

Die Stadt möchte nun "nicht den Richter spielen", sagt Bürgermeister Helmut Wenzel. Vereinbarungen beider Parteien untereinander seien nützlich. Die Verwaltung sei es jedoch auch "leid, jeden Montag angerufen zu werden, welchen Teil der eine oder der andere nicht eingehalten hat". Zwischen Baum und Borke fühlt sich die Verwaltung zudem aus einem weiteren Grund. Geht den Motorsportlern das Geld aus, ist's mit der Pacht nicht weit her - fehlen dem Campingplatz Gäste, schrumpfen die Einnahmen aus dem Kurbeitrag. Nicht von ungefähr hat die Stadt bislang satte 23 000 Euro ausgeben, so der Bürgermeister, um eine "sachliche Ebene" in der Diskussion herzustellen und zu einem Interessenausgleich zu kommen. Wenzel: "Wir versuchen alles, um beide Nutzungen mit gegenseitigen Kompromissen dauerhaft zu sichern." Die Motorsportler um Henry Pfeiffer fürchten, dass "es keine Win-Win-Situation geben wird". Bislang seien die Kompromisse immer so ausgegangen, dass auf deren Basis neue Forderungen gestellt wurden.

Marco Rähm hat als Lösung offenbar noch eine andere Variante ins Spiel gebracht - und die klingt in den MSC-Ohren nach Alarm und Horror. Der Camping-Chef hat Interesse angemeldet, zumindest Teile der Motorsport-Anlagen sowie das frühere Ferienspielzentrum unmittelbar daneben kaufen zu wollen. Soweit bestätigt das die Kommune als Eigentümer. Geplant, so heißt es nun, sei eine touristische Nutzung, ohne den Motorsport einzustellen. Im Gespräch ist beispielsweise wohl ein Tipi-Lager. Die Lübbenauer Feuerwehr könnte auf dem Gelände - wie schon mit dem MSC praktiziert - ihre Jugendlager abhalten. Stadtjugendwart ist, beim MSC hält man das für bezeichnend, Hindenbergs Ortschef Rico Angermann.

MSC-Vorsitzender Pfeiffer sagt, der Campingplatz könne durchaus vom Motorsport profitieren. Schließlich übernachtete dort mancher Aktive, und bei den Wettkämpfen werden Flyer verteilt, die auf die Angebote des Nachbarn hinweisen.

Wenzel fürchtet trotz aller Bemühungen, dass "die diametrale Interessenlage bleibt". Die Entscheidung über einen möglichen Verkauf liege bei den Stadtverordneten - und setzt ein tragfähiges, also wirtschaftliches Konzept voraus. Sollte es mehrere Bewerber geben, werde ausgeschrieben.

Zum Thema:
Seine 65. Auflage erlebt das Lübbenauer Sandbahnrennen am Freitag, 1. Mai. Auf dem 686 Meter langen Oval wird ein internationales Fahrerfeld erwartet. Im Rahmenprogramm starten nach Angaben des MSC Hindenberg als Veranstalter Nachwuchsklassen und Quadfahrer aus Österreich und Deutschland. Im vergangenen Jahr hatten etwa 2500 Zuschauer die Rennen besucht.