1962 hat es Rainer Kamenz durch den Umzug seiner Eltern nach Plessa verschlagen. Sein Herz aber ist in Groß Mehßow geblieben, dem Dorf seiner Kindheit. Als Schüler besuchte er seine Großmutter fortan jedes Wochenende. Einmal in der Woche zog es ihn nach Mehßow auch bis 1997. "Ich musste mich doch um meine Oma kümmern", sagt er. Und bis heute führen ihn seine Wege in das idyllische Dorf. "Schauen Sie sich doch um, wie schön es hier ist", sagt er und lässt seinen Blick über die Wiesen und Wälder schweifen.

Mal eine Chronik fürs Dorf

Die Liebe zu Groß Mehßow trieb den heute 60-Jährigen an, sich näher mit der Geschichte des Ortes zu befassen. "Außerdem habe ich mich immer gefragt, warum nur Städte und nicht auch Dörfer eine Chronik besitzen. 1985 fing ich dann an, Fakten über Mehßow zu sammeln", erzählt er. Die Türen zum Landesarchiv öffnete ihm der Kartograf Dr. Oskar August aus Halle, der irgendwann in der Werkstatt des jungen Mannes aufgetaucht war. Den nötigen Auftrag für eine Ortschronik holte sich Rainer Kamenz von Roswitha Reiche, die damals schon Bürgermeisterin war und heute Ortsvorsteherin ist. Zwei Jahre später war der Kartograf, zu dem der Ortschronist eine besondere Beziehung entwickelt hatte, verstorben. "Ich habe dann selbst wie ein Kleinkind weiter laufen lernen müssen. Um voranzukommen, erinnerte ich mich an seine Worte, ich müsse Kirchenbücher studieren", sagt er.

30 Jahre, in denen der zweifache Familienvater geforscht, gesammelt und aufgeschrieben hat, sollten vergehen, bis die 800 Seiten umfassende Chronik vorliegt. Er widmet sie jenem Kartografen, der ihm als 30-jährigen Handwerker für dieses Vorhaben Mut gemacht hatte. In der Chronik stecke nun alles, was er gefunden habe, sagt er und geht davon aus, dass der Ort Mehßow im Jahr 1346 erstmals urkundlich erwähnt wurde. Das schlussfolgere er aus der Meißener Bistumsmatrikel. Aufräumen könne Rainer Kamenz beispielsweise mit der Annahme, dass die Menschen auch in Mehßow vor Jahrhunderten nicht so alt wurden wie heute. "Jedoch hat es früher eine sehr hohe Kindersterblichkeit gegeben", räumt er ein. Sie habe etwa im 18. Jahrhundert bei 42 Prozent gelegen. In seiner Chronik beschreibt der Plessaer unter anderem, wie die Bewohner von Mehßow zwischen 1780 und 1810 gelebt und gearbeitet haben.

Besonderer Illustrator

Für seine Chronik habe er einen ganz besonderen Illustrator gefunden. "Er ist das jüngste von sechs Kindern des letzten ansässigen Pfarrers von Mehßow", erzählt er stolz. Rainer Kamenz wäre nicht der, der er ist, wenn er irgendwann nicht noch mehr Spannendes für Mehßow aus dem Ärmel schütteln möchte. Immerhin habe er in Potsdam zwölf Akten über den Ort noch nicht gesichtet. Der Hobbyfotograf und -filmer ist zudem begeistert davon, dass "sein" Mehßow eine eigene Hymne hat, die von dem Lauchhammeraner Heiner Hawran komponiert wurde und mit dem Crinitzer Chor vor zwei Jahren ihre Uraufführung erlebt hat. Anita Arndt und Doris Pielenz haben sich den Text ausgedacht. "Wir suchen nun einen Chor, der die Hymne mal singt", sagt Rainer Kamenz. Denn als poppige Version gibt es sie schon, zu hören im Internet auf www.gross-mehssow.de . Gern singt Rainer Kamenz die Hymne hin und wieder mal mit, denn schließlich schlägt sein Herz für Mehßow, das viel zu viele Kilometer, nämlich 45, von Plessa entfernt ist.

Die 800 Seiten umfassende Mehßower Ortschronik, auch mit Anmerkungen zu den Kirchdörfern Craupe, Radensdorf, Schrakau und Tugam, in historischer Fadenheftung gebunden, wird am 24. April mit einer Lesung in der Kirche von Groß Mehßow vorgestellt. An diesem Tag wird die Chronik auch erhältlich sein. Da es voraussichtlich keine Nachauflage geben wird, sollte jeder, der die aufwendige Chronik haben möchte, die Bestellung bis 5. März aufgeben bei Rainer Kamenz, Telefon 03533 5376, oder bei Viola Kasprick vom Landverein Mehßow, Telefon 03541 4145.