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Biber nagt sich Richtung Oberspreewald weiter

Biberfrass-Spuren an einem Baum, den der Wasser- und Bodenverband "Oberland Calau" fällen ließ.
Biberfrass-Spuren an einem Baum, den der Wasser- und Bodenverband "Oberland Calau" fällen ließ. FOTO: dpr
Lübbenau. Der geschützte Nager ist bei Naturschützern zugleich willkommen und gefürchtet – das zeigt eine Diskussion am Montag in Lübbenau. Daniel Preikschat

Die Fotos, die Jürgen Trakat gestern aus dem Landkreis Märkisch-Oderland mit zur 10. Spreewaldkonferenz nach Lübbenau gebracht hat, waren erschreckend: unterhöhlte Fahrbahndecken, Löcher im Deich, aufgestaute Gräben, mit Drahtzaun umwickelte Baumstämme, die trotzdem durchgenagt wurden. Vor geladenem Fachpublikum im Großen Sitzungssaal des Rathauses schilderte der Leiter der unteren Naturschutzbehörde, wie man im Odergebiet auf diese "Schadbilder" reagiert hat. In langer, konfliktgeladener Diskussion einigten sich Behörden und Betroffene im Odergebiet auf eine Allgemeinverfügung, die abgestimmt ist mit der Biberverordnung des Landes Brandenburg vom Mai 2015. Festgeschrieben ist dort unter anderem, in welchen Naturschutzgebieten unter welchen Umständen Biber vertrieben, ihre Bauten zerstört oder die Tiere gar getötet werden können.

Im Spreewald sind Biosphäre, Naturschutzbehörden, Wasser- und Bodenverbände noch längst nicht so weit, ähnlich zu agieren. Wobei die nunmehr 240 Tiere in 60 Revieren erheblichen Schaden anrichten entlang der Gewässer. Jörg Wiesner, Chef des Wasser- und Bodenverbands Nördlicher Spreewald, rechnet für 2017 mit einer Schadenssumme in Höhe von rund 100 000 Euro. Nur zum Teil bekommt der Verband vom Land finanzielle Unterstützung, weshalb die Mitgliedsbeiträge leicht erhöht werden müssten.

Fraglos ziehe der Biber auch Touristen an, so Wiesner. Es gebe Biberkahnfahrten und andere Angebote. Ob aber das Tier, das seit 2003 über Spree und Oder-Spree-Kanal in den Spreewald eingewandert ist, jemals heimisch war in der Fließlandschaft, sei noch ungeklärt. In den Archiven gebe es dafür keine Hinweise. Dem geschickten Holzburgbauer darüber hinaus mehr abgewinnen kann die Biber-Beauftragte des Landes Brandenburg, Carola Lenk. Biber räumen Totholz weg, lichten den Wald am Gewässerrand und sorgen damit für Naturverjüngung. Wenn Wasser durch Biberburgen aufgestaut und zurückgehalten wird, könne das auch von Vorteil sein. Schließlich erweitere der Neuankömmling die Artenvielfalt. Besonders im Oberspreewald werde der Bestand noch weiter zunehmen, weil er hier gute Bedingungen vorfinde, wagte Carola Lenk eine Prognose. Vor einer zu großen Population indes müsse sich niemand fürchten. Der Biber stecke seine Reviere jeweils für eine Familie ab. Neuankömmlinge werden vertrieben. Der Nachwuchs zieht aus, sobald er geschlechtsreif ist.

Erfolgreich werde in Brandenburg ein Sieben-Punkte-Bibermanagement umgesetzt. Dazu gehört unter anderem eine erlassene Biberverordnung, die Ausnahmen für den Schutzstatus der Biber zulässt. Weiter bekämen Gewässerunterhaltungsverbände ihren Mehraufwand aufgrund der Biber-Aktivitäten erstattet und es werden Präventionsmaßnahmen gefördert. Neben ihr als Bibermanagerin, so Carola Lenk, gebe es demnächst auch 30 geschulte ehrenamtliche Helfer. Alles in allem, sagte die Biber-Beauftragte, sei aus ihrer Sicht "die Verbreitung der Biber im Spreewald überschaubar und beherrschbar".

Die weitere Diskussion im Lübbenauer Rathaus-Sitzungssaal zeigte, dass der Biber polarisiert. Arnulf Weingart, Nabu-Vorsitzender im Spreewald, brach eine Lanze für die Tiere. Sie können wasserwirtschaftlich auch von Nutzen sein. Wo sich der Biber aufhält, gebe es nachweislich auch mehr Schwarzstörche. Weiter könnten Bäume wirksam vor den Nagezähnen geschützt werden, wenn man es nur richtig anstelle. Der Biber selbst schließlich sei gefährdet durch Schwarzwild, Wolf und Autos. Aus Sicht eines weiteren Nabu-Vertreters seien überhöhte Wild-Bestände für den Wald viel schädlicher als der Biber.

Werner-Siegwart Schippel, Vorsitzender des Kuratoriums der Spreewaldstiftung und einst Initiator der Spreewaldkonferenz, hielt dagegen: Eingezäunte Bäume entlang der Fließe seien ja wohl nicht das, was man sich für den Spreewald wünscht. Den Hinweis auf Biber fressende Wildschweine und Wölfe hielt Schippel für eine Provokation.

Zum Thema:
2003 erreichten die ersten Biber aus dem Oder-Gebiet den Spreewald. Die 1,40 Meter großen und 35 Kilo schweren Tiere können 20 Jahre alt werden. Die erste Biberburg wurde im Frühjahr 2008 nahe Lübben entdeckt. Eingewandert sind die Biber hier aber schon Jahre vorher. Im Raum Lübbenau fanden sich erste Nachweise im Sommer 2009 an Hauptspree und Bürgerfließ. Eine Biber-Familie hat bis zu vier Jungen, die nach drei Jahren geschlechtsreif sind und eigene Reviere begründen. Dafür ziehen sie bis zu 100 Kilometer weit.