ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:39 Uhr

BI "Altdöberner See" bleibt auf ihrem Kurs

Horst Lehmann von der Bürgerinitiative Altdöberner See.
Horst Lehmann von der Bürgerinitiative Altdöberner See. FOTO: Uwe Hegewald
Die Bürgerinitiative BI "Altdöberner See" hat im vergangenen Jahr erreicht, dass kein Eisenhydroxidschlamm (EHS) in den Altdöberner See eingebracht wird. Dennoch verschwenden die Mitglieder keinen Gedanken daran, sich entspannt zurückzulehnen. Inzwischen wird die BI regelmäßig von Personen kontaktiert, die sich mit der Thematik EHS auseinandersetzen. Horst Lehmann (Altdöbern) hält im Interview Rückschau und gibt einen Ausblick.

Um die BI ist es ruhig geworden. Keine Bürgerversammlungen mehr, kein Protest, und selbst die blauen Kreuze als Symbol der Protestbewegung verschwinden. Fällt die BI jetzt in einen dauerhaften Dornröschenschlaf?
Ziel war es, die LMBV davon abzuhalten, EHS in den Altdöberner See zu leiten oder es überhaupt in Erwägung zu ziehen. Als Solitärsee mit besonderen Gegebenheiten verfügt dieses Gewässer gegenüber fast allen anderen Seen im Lausitzer Seenland über optimale Wasserqualitäten. Mit dem Vorhaben, die Tiefe des einstmals wasserreichsten künstlichen Sees im Land Brandenburg als EHS-Lagerstätte zu nutzen, hätten die Bergbausanierer eine Linie überschritten. Wir haben auch immer gesagt, dass EHS in keinem anderen Gewässer etwas verloren hat. Nicht in den hiesigen Seen und Teichen, nicht in den Zuflüssen, nicht in der Spree und schon gar nicht im Spreewald.

Mit dieser Position ist es der BI schnell gelungen, Sympathisanten zu gewinnen. Hatten Sie mit einem solchen Schulterschluss von Anhängern und bekennenden Weggefährten gerechnet?
Wir wussten um einen starken Rückhalt innerhalb der Bevölkerung, der sich jedoch nicht allein auf Anrainer des Altdöberner Sees erstreckte. Von der Resonanz der Auftakt- und Bürgerversammlung im proppenvollen Schützenhaussaal am 5. März 2015 waren wir überrascht. Ich glaube auch, dass die Veranstaltung Wirkung auf unsere geladenen Podiumsgäste gezeigt hat.

Der Altdöberner Amtsverwaltung und den Gemeindevertretern wurde vorgehalten, die Bevölkerung zu spät über das Vorhaben der LMBV unterrichtet zu haben, obwohl diese davon Kenntnis hatten. Wie stellt sich für Sie die Situation dar, schließlich sind Sie selbst Gemeindevertreter?
Richtig ist, dass Amtsdirektor Detlef Höhl und Bürgermeister Peter Winzer (beide SPD) die brisanten Informationen von der LMBV erhalten hatten. Richtig ist aber auch, dass sich beide gegen das in Erwägung gezogene Einleiten von EHS ausgesprochen haben. Bei der darauffolgenden Gemeindevertretersitzung stand das Thema auf der Tagesordnung, wo sich alle Abgeordneten gegen EHS im Altdöberner See aussprachen. Die lokale Presse hatte zuvor von der Sache Wind bekommen und ist damit in die Öffentlichkeit gegangen. Das wiederum erweckte den Eindruck, Amt und Gemeinde halten Informationen zurück.

Am 1. Juli 2016 informierte die LMBV, dass sie von ihrem EHS-Vorhaben im Altdöberner See abrücken. Woran machen Sie das Einlenken fest?
Viele Gründe haben zum Erfolg geführt: der Rückhalt in der Bevölkerung, die überaus erfolgreiche Petition an den Brandenburger Landtag mit über 6000 Unterschriften weltweit, unsere informativen Stammtische mit namhaften Wissenschaftlern und die Argumente, mit denen wir dem Gutachten der LMBV entgegentreten konnten. Dipl.-Ing. Karl-Heinz Warren (Freienhufen) war Chefgeologe im damaligen Tagebau Greifenhain, dem heutigen Altdöberner See. Sein Wissen über hydrologische Zusammenhänge im See sollte sich als großer Trumpf erweisen. Durch eine bis Dahme/Mark reichende unterirdische, eiszeitliche Auswaschungsrinne drückt permanent Wasser in den See. Nach Flutungsende könnte sich dieser als neue, ergiebige Spreewaldquelle erweisen.

Alle Vorzeichen stehen auf eine hoffnungsvolle Zukunft am See. Warum macht die BI trotzdem weiter?
Das Problem ist noch nicht vom Tisch. Eisenhydroxidschlamm fällt in Größenordnungen an, und das nach derzeitigen Kenntnissen für Jahrzehnte. Deshalb unterstützen wir alle Personen, die sich mit dem Thema auseinandersetzen, es einer Lösung zuführen wollen. Die BI arbeitet mit der BTU Cottbus-Senftenberg und der TU Berlin zusammen.

Und wie sieht diese Zusammenarbeit aus?
Wir unterstützen Studentinnen bei ihrer Masterarbeit. Viktoria Böhm von der BTU Cottbus-Senftenberg setzt sich in ihrer Arbeit mit der Entwicklung am Altdöberner See (Masterplan) auseinander. Die Arbeit von Friederike Meier von der TU Berlin hat zum Inhalt, die Möglichkeit zu prüfen, EHS unter quantitativen, qualitativen sowie grundlegenden rechtlichen Aspekten als Zusatz für die Bodenverbesserung zu verbringen. Mitte November wurde in ihrem Beisein sowie in Begleitung von Professor Martin Kaupenjohann von der TU Berlin, Doktor Werner Kratz von der FU Berlin und Maike Mai von der TU Berlin eine Probenahme-Tour durchgeführt.

Wo führte diese entlang, und in welcher Form wurden Sie darin einbezogen?
Als Rentner, ehemaliger Bergmann und langjähriger Gästeführer im Lausitzer Seenland konnte ich die Wissenschaftler an die gewünschten EHS-belasteten Gewässer führen. Bei der Probenahme-Tour waren das das Vetschauer Mühlenfließ, Eichower, Buchholzer, Laasower und Greifenhainer Fließ/Kschischoka, das Koselmühlenfließ sowie die Spreevorsperre Bülow und die stark belastete Spree südlich von Spremberg.

Die LMBV gestattete uns, sogar die Grubenwasserreinigungsanlagen (GWRA) Rainitza-Großräschen und Vetschau in den Messprozess einzubeziehen. Das zeugt von einer Vertrauensbasis und davon, dass die Bergbausanierer an einem Dialog mit uns interessiert sind. Bezüglich der Kontakte mit Vattenfall und dem Nachfolgeunternehmen Leag besteht jedoch noch erheblicher Verbesserungsbedarf.

Kann das vielleicht daran liegen, dass die aktiven Bergbaubetreiber mit dem BI-nahestehenden BUND Brandenburg im Clinch liegen?
Fakt ist, dass Gewässer rund um den Tagebau Welzow-Süd seit Jahren sichtbar mit Eisenschlamm verschmutzt sind. Das abgepumpte Grundwasser aus dem Tagebau wird über die Grubenwasserreinigungsanlage Papproth an mehreren Stellen in die umliegenden Bäche eingeleitet, zum Beispiel an der Steinitzer Quelle, ins Petershainer oder Koselmühlenfließ. Der BUND Brandenburg und Greenpeace hatten im September 2014 Strafanzeige gegen Vattenfall wegen der Verunreinigung erstattet. Für uns nicht nachvollziehbar, wurde das Verfahren im vergangenen Jahr eingestellt. Was dort genau passiert und welcher gewissenlosen Praktiken sich der Konzern bediente und selbst zugab, ist auf der Website des BUND Brandenburg sehr gut nachzulesen. Dort kann sich auch der sehr aussagekräftige rbb-Klartext-Beitrag angeschaut werden, bei dem man nur den Kopf schütteln kann. Fakt ist aber auch, dass nicht nur der Bergbausanierer LMBV in der Verpflichtung steht, das Problem EHS konsequent anzugehen, sondern auch die Tagebaubetreiber.

Sie waren selbst im Bergbau tätig. Fühlen Sie sich bei Ihrem Standpunkt nicht in die Rolle des "Nestbeschmutzers" versetzt?
Zu DDR-Zeiten gab es nur die Kohle als Energieträger. Kein Bergmann oder Mitarbeiter der damaligen Energiewirtschaft muss sich heute Vorwürfe machen. Inzwischen hat sich das Bild geändert. Ich zähle mich zum Personenkreis, der einen vertretbaren Kohleausstieg begrüßt bei Berücksichtigung eines respektvollen Umgangs mit den Bergleuten. Nicht nachvollziehbar sind für mich Vorhaben, neue Braunkohletagebaue zu eröffnen oder neue Abbaufelder zu benennen. Die Umweltbelastungen sind enorm, und wir wissen bis heute noch nicht, wie lange sie anhalten und welche neuen Probleme auf uns zukommen.

Sind diese Probleme auch ein Thema, wenn Sie als Gästeführer Touristen durch das Lausitzer Seenland begleiten?
Besucher aus dem In- und Ausland fragen schon sehr gezielt, was es mit dem braunen Wasser auf sich hat. Wasserqualität ist für sie von enormer Bedeutung, um auch künftig hier Urlaub zu machen. Ich kann nur an alle Entscheidungsträger in Politik und Wirtschaft appellieren, alle Wasser-Belange im Auge zu behalten, um das zarte Pflänzchen Tourismus nicht zu zertreten. Auch das ist ein Grund, warum wir mit der BI auf Kurs bleiben.

Wie zeigt sich das weitere Dranbleiben der Bürgerinitiative?
In der Zusammenarbeit mit den Universitäten oder Mitstreitern des Bündnisses "Klare Spree". Wir führen alle zwei Monate öffentliche BI-Versammlungen durch, die nächste am 5. März, 15 Uhr, in der Bauernstube Lucbochow. Darüber hinaus sind wir in der Vorbereitung eines Forums mit der LMBV, um mehr über Vorhaben zu erfahren.

Mit Horst Lehmann

sprach Uwe Hegewald

Alle Interviews können Sie noch einmal nachlesen unter www.lr-online.de/interview

Zum Thema:
Horst Lehmann wurde 1950 in Neupetershain-Nord geboren. Von 1965 bis 2009 arbeitete er in der Kohleindustrie, zuletzt in Schwarze Pumpe. Seit 2014 ist er Gemeindevertreter für "Die Linke". Auch aufgrund seiner Tätigkeit als Gästeführer wurde Horst Lehmann als Verbandsrats-Mitglied in den "Zweckverband Lausitzer Seenland" gewählt. Dort vertritt er Altdöberner Interessen. Herzensangelegenheit ist ihm die Integration von Flüchtlingen. Horst Lehmann ist verheiratet, Vater einer Tochter und eines Sohnes sowie zweifacher Großvater.

Zum Thema:
Die BI wurde am 1. März 2015 gegründet. 52 Veranstaltungen wurden durchgeführt, darunter Stammtische mit Wissenschaftlern, Podiumsdiskussionen, Sternfahrten, Besuche im Bundestag und bei der EU-Kommission, Protestveranstaltungen/Demos.Weitere Informationen: www.altdoeberner-see.de

Zum Thema:
Kennen auch Sie Persönlichkeiten, die etwas zu sagen haben? Dann schlagen Sie uns Gesprächspartner vor: Lausitzer Rundschau, Straße der Jugend 54, 03050 Cottbus, oder perE-Mail an die Adresse:redaktion@lr-online.de