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| 17:37 Uhr

„Herzensmenschen“
Begleiterin auf dem Weg der Trauer

 Trauerrednerin Kathrin Schreier aus Lübbenau begleitet ehrenamtlich Eltern nach dem Verlust ihres Kindes.
Trauerrednerin Kathrin Schreier aus Lübbenau begleitet ehrenamtlich Eltern nach dem Verlust ihres Kindes. FOTO: LR / Daniel Preikschat
Die Lübbenauerin Kathrin Schreier ist Ansprechpartnerin für Mütter und Väter, die ihr Kind verloren haben. Von Daniel Preikschat

Petra Mayer (Name geändert) hat ihren Sohn Emil „still geboren“. Die Lübbenerin brachte ihn im sechsten Monat zur Welt mit dem Wissen, dass er in dieser Welt nicht aufwachsen wird. Sie wusste: Sein Geburtstag ist zugleich sein Todestag, und sie selbst wird fortan eine verwaiste Mutter sein, die Mutter von einem „Sternenkind“. An diesem Tag im Januar vergangenen Jahres, sagt sie, sei „erstmal eine Welt zusammengebrochen“.

Petra Mayer erzählt das mit einer beeindruckenden Gefasstheit, ja fast Gelassenheit. Ihre Hebamme, fährt sie fort, habe ihr damals den Kontakt vermittelt zu der Trauerbegleiterin Kathrin Schreier in Lübbenau. In dem auffälligen roten Bungalow nahe des städtischen Friedhofs arbeitet sie für ein Bestattungsinstitut als Trauerrednerin. Im Hauptberuf. Seit 2003 empfängt die Wahl-Lübbenauerin aus Leipzig in dem Haus aber auch Sternenkindmütter und -väter, verwaiste Eltern wie Petra Mayer.

Als Petra Mayer das erste Mal zum Gruppentreffen kam, hatte sie zuvor mit Kathrin Schreier zwei Stunden lang gesprochen. Ein sehr intensives Gespräch sei das gewesen, bei dem sie sich geborgen fühlte. Sie gewann in dem Gespräch das Zutrauen, sich der Gruppe anzuschließen. Es sei dann das erste Mal zwar „etwas komisch“ gewesen, andere Eltern so offen über ihre verstorbenen Kinder sprechen zu hören, aber auch tröstend. Es gebe außerdem Regeln, die es leichter machen: Alles darf gesagt werden, es darf auch geschwiegen werden. Und über alles ist Stillschweigen zu bewahren außerhalb des Raums. Petra Mayer kam fortan jeden Monat, manchmal mit ihrem Mann. Sie besuchten beide auch das Sommerfest Kathrin Schreiers in ihrem Garten und im Dezember das Kerzenleuchten in der Zerkwitzer Kirche im Gedenken an die verstorbenen Kinder, das weltweit stattfindet.

Wer Kathrin Schreier in ihrem Gruppenraum begegnet, kann gut nachvollziehen, was Petra Mayer über sie sagt. Kathrin Schreier vertieft sich in ihren Gesprächspartner, während sie ihm fokussiert zuhört. Sie unterbricht nicht, wählt die Worte mit Bedacht. Sie sagt zum Beispiel, dass sie sich dem, was sie macht, „ganz hingehörig“ fühle. Berufung sei das für sie – und „ein Traumjob“. Ein Trauerredner lerne Menschen sehr schnell ganz intensiv kennen. In ihrer Trauer zeigten sich Menschen authentisch, ließen einen ganz nah an sich heran.

Vielleicht seien ihre früheren Berufe – Kathrin Schreier war Streetworkerin in Weißwasser und hat später für die Rundschau in Lübbenau geschrieben – eine gute Vorbereitung. Jedenfalls habe sie schon damals mit vielen verschiedenen Menschen viel geredet, habe das Zuhören und Aufschreiben gelernt, Gesprächsführung. Sie mache viel aus dem Bauch heraus und damit offenbar richtig, doch sie habe sich auch ausbilden lassen. Beim Bundesverband verwaiste Eltern und trauernde Geschwister in Deutschland e.V., für den Kathrin Schreier heute Ansprechpartnerin in Brandenburg ist.

In dem angenehm beleuchteten Gesprächsraum fällt das schöne Tischgedeck mit dem kleinen trauernden Engel auf, vor allem aber die Fotos an den Wänden. Sie zeigen verstorbene Kinder. Es sind Babys zu sehen mit geschlossenen Augen, die still geboren wurden, aber auch Kleinkinder und Jugendliche, junge Erwachsene. Als Trauerrednerin erzählt Kathrin Schreier mit Blick auf die Fotos, lernte sie zwangsläufig auch Eltern kennen, die Kinder zu betrauern hatten und allein das große Unglück nicht verkraften konnten. Die große Hilfebedürftigkeit auf der einen Seite, Kathrin Schreiers Fähigkeit, Hilfe zu leisten auf der anderen Seite – das habe fast zwangsläufig zur Gründung einer Gesprächsgruppe geführt für verwaiste Eltern in der Region Spreewald. Wobei die Hilfesuchenden nach und nach bis aus Berlin, Cottbus und aus dem Elbe-Elster-Land nach Lübbenau kamen.

Allerdings merkte Kathrin Schreier irgendwann: „Eine Gesprächsgruppe allein wird dem Bedarf nicht gerecht.“ Eltern von nicht lebend geborenen Babys haben andere Bedürfnisse als Eltern von Kindern, die im jugendlichen Alter gestorben sind, stellte sie fest. So entstand 2009 eine zweite Gruppe für die Eltern der Sternenkinder. Und es ergab sich fast ganz natürlich und erfreulicherweise, erzählt die Trauerbegleiterin milde lächelnd, dass sogar noch eine dritte Gruppe aufgemacht werden musste. Für Eltern, die sich entschieden haben, wieder ein Kind zu bekommen. „Folgewundergruppe“ nannte Kathrin Schreier diese dritte Gruppe. Man trifft sich nur jeden zweiten Monat zum Frühstück, die Eltern in den anderen beiden Gruppen hingegen jeden Monat für zwei Stunden am Abend.

Mittlerweile also opfert Kathrin Schreier ungezählte Stunden ihrer freien Zeit für verwaiste Eltern. Warum sie das auf sich nimmt? Irgendwie beantwortet sich diese Frage im Gespräch mit ihr. Kathrin Schreier selbst drückt es so aus: „Ich mache das, weil ich es nicht nicht machen kann.“

In einer neuen Serie stellt die RUNDSCHAU jede Woche Herzensmenschen vor. Es geht um Männer und Frauen, die mit Leidenschaft und großem Engagement ihre Sache verfolgen – oder in ihrem Leben eine Herzensentscheidung treffen mussten, die nicht ohne Risiko war und vieles verändert hat.

 

Wenn Sie Vorschläge haben, wer im Rahmen dieser Serie vorgestellt werden sollte, wenden Sie sich gern an die LR, am besten per E-Mail an red.spreewald@lr-online.de.

 Herzensmenschen
Herzensmenschen FOTO: LR / Schubert, Sebastian
 Trauerrednerin Kathrin Schreier aus Lübbenau begleitet ehrenamtlich Eltern nach dem Verlust ihres Kindes.
Trauerrednerin Kathrin Schreier aus Lübbenau begleitet ehrenamtlich Eltern nach dem Verlust ihres Kindes. FOTO: LR / Daniel Preikschat