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Badewannen-Wettkampf geht in Geschichte ein

Es wurde ziemlich nass beim Badewannen-Wettrennen zwischen Ortsvorsteher Rainer Daniel und Vetschaus Bürgermeister Bengt Kanzler (v.l.) auf dem Dorffließ anlässlich der 700-Jahrfeier.
Es wurde ziemlich nass beim Badewannen-Wettrennen zwischen Ortsvorsteher Rainer Daniel und Vetschaus Bürgermeister Bengt Kanzler (v.l.) auf dem Dorffließ anlässlich der 700-Jahrfeier. FOTO: Becker/peb1
Naundorf. Der Landkreis Oberspreewald-Lausitz umfasst 1200 Quadratkilometer Fläche. Er ist Heimat für 114 000 Einwohner, die in neun Städten, 32 Gemeinden und deren Ortsteilen leben. Doch wer sind die Nachbarn? Die RUNDSCHAU geht auf Kreis-Reise. Die Station heute: Naundorf (Vetschau). Peter Becker / peb1 peb1

Zum Vetschauer Ortsteil Naundorf gehören die Spreewalddörfer Naundorf und Fleißdorf. Erst im vergangenen Jahr haben beide Ortsteile ihr 700. Jubiläum ordentlich abgefeiert. Der Badewannen-Wettkampf auf dem Dorffließ, das direkte Duell zwischen dem heimischen Ortsvorsteher Rainer Daniel und dem städtischen Bürgermeister Bengt Kanzler, dürfte in die Geschichte ebenso eingehen wie der große Festumzug durchs kleine Dorf. Es wurde gestemmt und rangeklotzt - fast jeder Dörfler hat sich eingebracht.

Hausschlachtenes statt Geld

Gründe zum Feiern gibt es bekanntlich immer viele, aber die Naundorfer scheinen noch einen mehr zu haben - die funktionierende dörfliche Gemeinschaft. Volkmar Schär, langjähriger Bürgermeister von 1970 bis 1994, blickt zurück: "Für mich als Zugezogenen war es nicht einfach, die Einheimischen davon zu überzeugen, dass es nur gemeinsam geht, nur im gemeinsamen Geben und Nehmen." Was wie eine Floskel klingt, bekommt im Konkreten Gestalt: Für die Ausbaggerung des Dorffließes, das Auskoffern der Wege, für die Technikstellung und für manche Handwerkerleistung gab es kein Geld, aber reichlich Hausschlachtenes, sogar ganze Schweine, Gurken und Spargel. Etwas fürs Gemeinwohl abzugeben, was gutes Geld in staatlichen Aufkaufstellen hätte bringen können, kostete den ansonsten sehr sparsamen Spreewäldern etwas Überwindung. Doch nur so kam letztlich Naundorf zu asphaltierten Straßen, zu Trinkwasser und zu weiteren größeren und kleineren Annehmlichkeiten.

Volkmär Schär verschlug es aus Sachsen, wie viele andere junge Leute in der DDR, dorthin, wo es eine gute Arbeit und Aussicht auf Wohnung gab. Kohle und Strom hießen damals die schlagkräftigen Zug-Argumente. Der junge Vermesser fand vorerst in Naundorf eine Bleibe und hatte Aussicht auf eine Neubauwohnung in Vetschau. Doch da kam die Liebe ins Spiel in der Person der jungen, hübschen Nachbarin. Mit ihr kamen ihr elterlicher Hof und zehn Hektar Landwirtschaft in die Ehe und damit viel Arbeit nach der Arbeit. Inzwischen war Volkmar Schär beim Bau des Nordumfluters voll eingespannt. Er hat der Naundorfer Feuerwehr auf die Beine geholfen und in dieser Eigenschaft auch für immer reichlich Wasser im Dorffließ gesorgt - durch Entkrautung und Entschlammung sowie Staustufen für den Wasserrückhalt. Man konnte ja nie wissen … ein guter Feuerwehrmann baut vor! Bezahlt wurde wie immer - siehe oben.

Diskussion über Winterdienst

Naundorf ist auch in der heutigen Zeit immer noch etwas Besonderes. So wollen sie sich nicht von der Stadt den Winterdienst machen lassen. "Das Geld geben wir lieber einem Einheimischen, der uns mit seiner Technik die Wege frei schiebt", so deren Argumente. Doch hier bröckelt die ansonsten geschlossene Einwohnerfront ein wenig. Nicht alle wollen dabei sein, manchen sind die 38 Euro zu viel Geld. Schwierig wird dann nur das Schneeschieben: am Grundstück hoch den Pflug und dann wieder runter. Irgendwie schwierig zu handhaben für Schieber, Anwohner und Straßennutzer. In der kürzlich stattgefundenen Einwohnerversammlung wurde beschlossen, diesen Kurs dennoch fortzusetzen und die ganz wenigen Verweigerer doch noch umzustimmen. Auch in der jährlichen Woklapnica ist das immer wieder ein Thema.

Die Woklapnica, das Abklopfen des alten Jahres, ist eine alte wendische Tradition in den Niederlausitzer Dörfern. Der Bürgermeister (heute Ortsvorsteher) muss Rechenschaft ablegen und die Zuzügler dürfen ihren Einstand geben. Nicht nur deshalb ist diese Versammlung immer bestens besucht. Ortsvorsteher Rainer Daniel versteht es gekonnt, seine Leute mitzunehmen, nimmt mal das eine oder andere auf die Schippe und sich selbst nicht so ernst. Es gibt anschließend Eierkuchen, gefertigt aus den Zampergaben, zubereitet im Ortslokal Storchennest.

Die Naundorfer pflegen die alten Traditionen des Winteraustreibens. Der Höhepunkt ist der Zapust, der Festumzug durchs Dorf. Dabei wird verdienstvollen Einwohnern für ihren Einsatz gedankt. Jedes Detail wird akribisch in der Dorfchronik festgehalten. Bis 2015 geschah das noch durch das Ehepaar Base. Nun hat Janine Bramer die Chronik übernommen. Die junge Gentechnik-Projektbearbeiterin ist auch eine Zugezogene, seit 2011, aber bereits voll im Dorfleben aufgegangen. Nicht nur Zuzügler haben sich in Naundorf niedergelassen, sondern auch Gewerbebetriebe. Im Gewerbeamt sind 13 registriert, darunter der Reetdachdecker Roland Dabow und die Hollerbusch-Pension der Familie Lewerenz mit ihren Yogaangeboten. Während der eine ein seltenes Handwerk ausübt, versucht sich der andere im immer stärker werdenden touristischen Bereich.

Zum Thema:
Aktuell leben 234 Einwohner in Naundorf und Fleißdorf. Der Ortsname Naundorf, wendisch Njabo{zcaron}kojce, steht vermutlich für eine "neue Siedlung an nichtsumpfiger Stelle". Andere Quellen verweisen auf eine Ableitung aus dem Personennamen Nebo{zcaron}ek (unglückliches Geschöpf, armer Tropf). Naundorf wurde 1315 erstmals erwähnt. In Richtung Burg Kauper und Burg Dorf bestanden bis ins 20. Jahrhundert nur Wasserstraßen. Vor der Trassierung der Landesstraße mitten durch das ehemalige Sackgassendorf erfolgte der Straßenanschluss über den westlichen Ausbau und den Weg nach Müschen. Seit 1850 wird eine gemeinsame Schule mit Fleißdorf erwähnt. Seit 1974 ist Fleißdorf ein Ortsteil von Naundorf. Beide Dörfer sind rein wendischen Ursprungs, was sich teilweise noch in der Sprache, in den Flurnamen und in den Bräuchen widerspiegelt. peb1