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| 18:15 Uhr

Senioren am Steuer
Auto fahren mit Demenz?

 Fahrtauglich oder nicht? Darüber, wann Senioren, die womöglich schon gesundheitliche Einschränkungen haben oder in der Reaktionsschnelligkeit abgebaut haben, nicht mehr fahrtüchtig sind, wird seit Jahren gestritten.
Fahrtauglich oder nicht? Darüber, wann Senioren, die womöglich schon gesundheitliche Einschränkungen haben oder in der Reaktionsschnelligkeit abgebaut haben, nicht mehr fahrtüchtig sind, wird seit Jahren gestritten. FOTO: picture alliance / Patrick Pleul / Patrick Pleul
Heideblick. 79-Jähriger aus Heideblick fährt Auto trotz offensichtlicher gesundheitlicher Einschränkungen. Tochter fordert Führerschein-Entzug.

Karl Schulz (Name geändert) ist im Januar 79 Jahre alt geworden. Er hat in seinem Leben mehr Kilometer hinterm Steuer zurückgelegt als viele andere in seinem Alter. Er war Berufskraftfahrer für die Deutsche Kleiderspedition und fuhr gern auch privat weite Strecken, zum Beispiel in den Urlaub. Der Senior, sagt seine Tochter, hält sich auch heute noch für einen sehr guten Autofahrer. Doch das sei er längst nicht mehr. Im Gegenteil stelle er hinterm Steuer mittlerweile eine Gefahr für sich und andere dar.

Im Dezember, erzählt die Frau aus der Gemeinde Heideblick, habe ihr Vater einen Unfall auf einem Einkaufsmarkt-Parkplatz verursacht. Es entstand nur Blechschaden. Allerdings geriet der Senior mit der Polizei aneinander, weil er kurzzeitig den Unfallort verließ. Kurzzeitig wurde ihm daraufhin der Führerschein entzogen. Mittlerweile aber hat ihn die Staatsanwaltschaft der Tochter wieder zukommen lassen.

Die 50-jährige Frau besitzt für ihren Vater eine Vorsorgevollmacht, korrespondiert für ihn mit Behörden, Vermieter, Krankenkasse, erledigt seine Bankgeschäfte, kocht für ihn und reinigt seine Wohnung. Vor fünf Jahren zog die gebürtige Berlinerin in die Gemeinde Heideblick, vor eineinhalb Jahren holte sie ihren Vater aus Berlin nach. Vater und Tochter sind Nachbarn seither und sehen sich täglich. Beide verstünden sich alles in allem auch gut. „Wie Kumpels“ seien sie.

Doch mitunter sei die Beziehung eben auch konfliktbeladen, weil ihr Vater seine Fähigkeiten maßlos überschätze. Nicht nur am Steuer. Er lehne es etwa auch ab, den Rollator zu benutzen und Fachärzte aufzusuchen. Dabei habe er kein Zeitgefühl mehr, so die Tochter, könne sich kaum mehr orientieren oder an etwas erinnern, irre oft ziellos umher. Den Führerschein werde sie ihm deshalb nicht aushändigen. „Weil ich mich verantwortlich fühle für meinen Vater.“

Da er aus freien Stücken auf den Führerschein nicht verzichten will und auch eine fachärztliche Untersuchung selbst auf Anraten seines Hausarztes verweigert, suchte die Tochter außerdem behördliche Unterstützung. Allerdings vergebens. Die 50-Jährige hat sich beim sozialmedizinischen Dienst beraten lassen, sie hat mehrfach bei der Gemeinde um Hilfe gebeten, sie hat die Führerscheinbehörde des Landkreises angeschrieben, sich sogar an die Staatsanwaltschaft in Cottbus gewandt. Jeweils in der Hoffnung, dass ihrem Vater der Führerschein entzogen oder zumindest eine fachmedizinische Untersuchung angeordnet wird.

Rein rechtlich, bestätigt Björn Blume, ein Rechtsanwalt aus Lübben, der viele Verkehrsrechtsfälle bearbeitet hat, gibt es für die Tochter keine Handhabe. Der Senior müsste sich schon einsichtig zeigen und den Führerschein freiwillig abgeben. Oder es müsste sich erst ein von ihm verursachter Unfall ereignen und die Polizei dies der Führerscheinstelle mitteilen. Die Behörde könnte daraufhin eine Fahrtauglichkeitsuntersuchung anordnen. In der deutschen Rechtsprechung sei die Freiheit des Einzelnen nun mal ein hohes Gut, sagt Blume. Mitunter erwachsen daraus Probleme.

Beim Landkreis Dahme-Spreewald, Sitz auch des Straßenverkehrsamtes samt der Führerscheinstelle, macht man zu dem konkreten Fall in der Gemeinde Heideblick keine Angaben. Es wird lediglich hingewiesen auf die rechtlichen Grundlagen. Maßgeblich sind Straßenverkehrsgesetz und Fahrerlaubnis-Verordnung. Entsprechend könne eine Fahrtauglichkeitsüberprüfung nur angeordnet werden, wenn die Polizei nach einem Unfall einen entsprechenden Hinweis gibt. Dieser werde dann geprüft, der Fahrer in der Behörde angehört. Daraufhin könne ein fachärztliches Gutachten eingeholt und der Führerschein eingezogen werden. Wogegen der Fahrer wiederum juristisch vorgehen kann. Am Ende entscheidet das Gericht.

Wie es aus Lübben weiter heißt, sind im Jahr 2017 im Landkreis 60 Führerscheine entzogen worden. Aus den verschiedensten Gründen, unter anderem auch aufgrund körperlicher oder geistiger Beeinträchtigungen. Nicht erfasst sei in der Statistik der Anteil von Senioren.

Hochbetagte Autofahrer, die ihr Fahrzeug besser nicht mehr bewegen sollten, seien jedoch immer häufig anzutreffen. Das sagt Frank Kuhnert, Leiter der Verkehrswacht in Dahme-Spreewald und bei der Verkehrspolizei tätig. Schon wer mit wachen Augen Auto fährt, bemerke, dass immer mehr ältere Menschen ihr Gefährt recht unsicher über die Straßen lenken. Auch die Statistik sagt, dass Senioren immer häufiger Unfälle verursachen. Das sei auch kein Wunder in einer Region, in der das Durchschnittsalter der Menschen immer höher wird und ein öffentlicher Personennahverkehr im ländlichen Raum mitunter kaum mehr zu gewährleisten ist.

Ebenfalls wenig erstaunlich sei daher, dass die Verkehrswacht immer mehr Anfragen für Verkehrsteilnehmerschulungen bekomme, sagt Kuhnert. Das Thema: „Fahren im hohen Alter“. Kuhnert habe darüber auch schon in der Geriatrie gesprochen. Ärzte und Pfleger hörten zu, die selbst teils gebrechliche ältere Menschen nicht daran hindern können, sich hinters Steuer zu setzen.

Ein älterer Mensch müsse ja nicht zwingend dement sein, um nicht mehr gut fahren zu können, so der Leiter der Verkehrswacht. Im hohen Alter lassen generell Reaktionsschnelligkeit und Auffassungsgabe nach, hinzu kommen können körperliche Einschränkungen. Dies werde in den Schulungen bei der Verkehrswacht – unter anderem durch Reaktionstests – versucht zu vermitteln. Die Einsichtsfähigkeit aber, sagt Kuhnert, sei bei betroffenen Senioren meist gering ausgeprägt.

Während seiner Zeit in der Verkehrswacht konnten immerhin zwei ältere Herren überzeugt werden, sich von ihrem Auto zu verabschieden. Dennoch gehe es nur mit Einsicht. Es sei ein wenig wie in der Politik. Es hilft nur reden, reden, reden. Wichtig dabei sei, den älteren Menschen zu vermitteln, dass sie ja nicht ihrer Mobilität beraubt werden sollen. Angehörige könnten zum Beispiel anbieten, nicht nur Fahrten zum Arzt oder zum Einkaufen zu übernehmen. Ausflugsfahrten müssten auch mal sein.

Der Tochter des 79-Jährigen aus Heideblick nützen diese Hinweise wenig. „Wir nehmen ihn doch schon überallhin mit und haben ihn schon zig Mal versucht zu überzeugen.“ Die 50-Jährige ist der Verzweiflung nahe. Sie fühlt sich verantwortlich für ihren Vater und in die Pflicht genommen. Den Führerschein bekomme er nicht wieder, sagt sie mit fester Stimme, nicht von ihr.