Von Uwe Hegewald

Anna Knaak ist einfach nur zu beneiden. Mit einem ansteckenden Lächeln prostete sie am Donnerstag ihren Gratulanten zu, plauderte mit Familienangehörigen und wusste mit ihrer Schlagfertigkeit die Stimmung ein ums andere Mal zu heben. Selbstverständlich ist das nicht, hat die Calauerin doch inzwischen das stolze Alter von 100 Jahren erreicht.

„Ich habe einige schwierige Zeiten durchlebt“, erzählte sie im Beisein von Bürgermeister Werner Suchner, Pfarrerin Kathrin Schubert und Alfredo Rehnus, Leiter des Calauer AWO-Seniorenwohnparks „Am kleinen Wald“. Sie zählten ebenso zu den Gratulanten, wie die Familienangehörigen, von denen einige bis aus dem fernen Freiburg und Basel (Schweiz) angereist waren.

Viele Jahrzehnte waren Besuche von Angehörigen äußerst selten, lebte Anna Knaak doch bis 2001 im Westberliner Stadtteil Steglitz. „Selbst zu unserer Hochzeit 1967 durfte sie uns nicht besuchen“, hadern Sohn Bernd und Schwiegertochter Erika Nitzschke noch heute.

Als Anna Knaak unbedingt ihre Enkeltochter sehen wollte, bediente sich die Familie einer List. Die Westberlinerin ließ sich als Hostess einer Berliner Rundfunkanstalt für diee Messe in Leipzig buchen, war aber zur Mitfahrt in einem Sonderzug verpflichtet. „Zwischenzeitlich haben wir uns von Bekannten einen Pkw ausgeliehen und Mutter aus Leipzig abgeholt. Wir haben sie quasi zum Zeigen ihrer Enkeltochter nach Werchow (Stadt Calau) entführt“, erzählt ihr Sohn, der heute darüber schmunzeln kann.

Als 15/16-Jährige hatte Anna Knaak ihr Geburts- und Heimatdorf Schönfeld bei Kittlitz in Richtung Berlin verlassen und zuerst als private Haushälterin gearbeitet. Später wechselte sie zum technischen Personal in eine Berliner Klinik. Ihre große Leidenschaft und die ihres verstorbenen Mannes war der Schrebergarten in Berlin Lankwitz. „Wir hatten Kartoffeln, Obst, Gemüse und Kräuter angebaut, besaßen mehrere Obstbäume, Beerensträucher und sogar vier Bienenvölker“, erinnert sich die Jubilarin. „Noch heute schwört sie auf ihre sieben Kräuter, die an einen Salat gehören“, ergänzt Schwiegertochter Erika.

In der gesunden, ausgewogenen Ernährung und dem regelmäßigen Pendeln mit dem Fahrrad zwischen Wohnung und Garten dürfte zumindest ein Geheimnis ihres hohen Alters liegen. „Leertouren gab es nicht. Wenn noch Platz auf dem Gepäckträger oder am Fahrradlenker war, wurde Brennholz für die Ofenheizung gesammelt“, so die Seniorin. Ihr Talent an der Nähmaschine und die handwerkliche Beflissenheit, Kleider, Blusen und Röcke selbst zu nähen, halfen zusätzlich, um sich im hektischen und teilweise teuren Berlin einen kleinen Wohlstand aufzubauen.

In den späten 1980er-Jahren durfte sogar Sohn Bernd ins westliche Berlin reisen, um seiner Mutter bei der Pfirsichernte zu helfen. „Wir begründeten das mit dem schlechten Gesundheitszustand der Mutter, sollten auf der Rückreise aber die sorgfältig verpackten Stiegen mit den mitgeführten Pfirsichen am Grenzübergang Friedrichstraße auspacken“, erzählt der Calauer. Er weigerte sich und räumte ein, das Obst dann am Grenzübergang stehen zu lassen. Da der Trolli-Rollwagen auch nicht durchs Röntgengerät passte, ließ man ihn schließlich passieren. „Wie dankbar waren wir alle, als plötzlich die Mauer fiel und gegenseitigen Besuchen nichts mehr im Wege stand“, betont die Familie mit den scheinbar besonderen Genen.

Bereits am Vortag hatte Anna Knaak, die sich mittlerweile über zwei Enkel und drei Urenkel freuen darf, Besuch von einer Cousine, die sie seit Ewigkeiten nicht gesehen hat. Mit noch immer vorhandener Berliner Keckheit berichtet sie, dass ihre Cousine genauso gut drauf sei und in einem halben Jahr ebenfalls ihren 100. Geburtstag feiert.