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| 02:50 Uhr

Auf einmal war das ganze Dorf verschwunden

Heinz Wolf (85) führt die Chronik zu den vor 50 Jahren devastierten Orten Kückebusch und Vorberg.
Heinz Wolf (85) führt die Chronik zu den vor 50 Jahren devastierten Orten Kückebusch und Vorberg. FOTO: Bernd Marx/bdx1
Lübbenau. Wirtschaftliche Entwicklung begeistert die Menschen. Doch manchmal kostet sie die angestammte Heimat. Die 282 Einwohner des Dorfes Kückebusch bekamen das vor 50 Jahren zu spüren. bdx1

Obwohl die Deutung des niedersorbischen Ortsnamens "Grozc" für das Dorf Kückebusch, südwestlich von Lübbenau gelegen, mit "Siedlung an einer kleinen Burg" übersetzt wird, gab es auch vor dieser strategischen Anlage und Aussage für die Bagger aus dem Braunkohle tagebau Seese-West kein Halten.

Stück für Stück fraßen die Großgeräte mit ihren mächtigen Schaufeln vor 50 Jahren den Ort weg. Der urkundlich 1557 erstmals erwähnte Ort Kückebusch wurde dem steigenden Energiebedarf in der DDR geopfert. Später folgten im Umland von Lübbenau noch die Dörfer Tornow (1967 bis 1969), Seese (1968 bis 1970), Teile von Lichtenau (1975), Schönfeld (1975/76), Teile von Bischdorf (1984), Teile von Groß Lübbenau (1986) und Dubrau (1988/89).

Während die Bevölkerung der Republik dem anvisierten Wohlstand mit Kohle, Strom und Wärme entgegenfieberte, überfielen der Einwohnerschaft von Kückebusch und dem im Jahre 1957 eingemeindeten Ortsteil Vorberg, niedersorbisch Barak, Ungewissheit und Ratlosigkeit. Und auch die Angst vor dem Kommenden machte die Runde in dem Dorf mit dem Flüsschen Klepna.

"Die Menschen wussten nicht, was auf sie zukommt und wie ihre Zukunft eines Tages aussehen wird", erinnert sich der heute 85-jährige Heinz Wolf aus dem Lübbenauer Ortsteil Bischdorf an die Geschehnisse vor über 50 Jahren.

Er kam im Jahre 1945 mit seiner Mutter Charlotte Wolf und den beiden Schwestern Hannelore und Margot als Flüchtlingskind nach Kückebusch. "Wir wohnten anfangs mit 18 Personen in einem einzigen Zimmer im Schloss", erinnert sich der spätere Reichsbahn-Oberrat. Das einst fremde Dorf am Rande des Spreewaldes wurde bald sein neues Zuhause. In seinem Gedächtnis haben sich das lang gestreckte Straßendorf mit den Teichen, Schloss, Wohnhäusern Scheunen, Kaufmannsladen, dem Spritzenhaus und der Gaststätte eingeprägt.

Seit über 60 Jahren hält Heinz Wolf die wechselvolle Geschichte von Kückebusch in Wort und Bild fest. Im Laufe der Jahrzehnte hat er ein umfangreiches Archiv vom devastierten Dorf angelegt. Noch heute kennt er die Familiennamen der Kückebuscher aus dem Effeff: Niepraschk, Löbert, Feldheim, Linke, Kullick, Schorradt, Schier, Bergmann, Ziegler, Mickai und all die anderen.

Alle zwei Jahre treffen sich die einstigen Einwohner von Kückebusch und Vorberg zu einem geselligen Wiedersehen.

Auch Gerda Grabitz, geborene Lubrich, jetzt im Lübbenauer Ortsteil Groß Lübbenau lebend, ist bei den Treffen immer mit ihrem Mann Reinhard mit von der Partie. Als Fünfjährige lernte das einstige Flüchtlingskind mit Kückebusch ihr neues Heimatdorf kennen. "Ich werde nie die prächtigen Bäume der Kastanienallee und die Parkanlagen von Kückebusch vergessen", so die heute 75-Jährige.

Es erscheint ihr, dass die Treffen der Kückebuscher Kinder und Jugendlichen an der örtlichen Milchrampe erst gestern zu Ende gegangen wären. Bis zum Jahre 1964 war das Dorf dann leergezogen.

Die einstigen 282 Kückebuscher und Vorberger suchten und fanden in Lübbenau, Vetschau, Calau, Brandenburg, Döbern, Boblitz, Groß Lübbenau und Bischdorf ihre neuen Wohnsitze.

Für Oktober 2015 bereitet das Organisationstrio Gerda Grabitz, Lothar Parlitz und Heinz Wolf das nächste Treffen der Kückebuscher und Vorberger im Bischdorfer Angerhof vor. Es gibt dann wieder viel von der "alten Heimat" zu erzählen, auch wenn Kückebusch und Vorberg vor etwa 50 Jahren für immer von den Landkarten verschwanden.