Im Gras an einer Pappel in Großräschen liegt eine Brille. Daneben ein Gebiss. Über einem älteren Herrn knieen zwei Rettungssanitäter. Sie versuchen ihn wiederzubeleben, massieren das Herz – vergeblich. "Maximaler Pupillenweitstand", diagnostiziert Dr. Dietrich Poppelbaum anscheinend ohne Regung. Nichts mehr zu machen, zu spät. Der Rettungsarzt schreibt die wichtigsten Daten auf, der Tote wird mit einem Tuch abgedeckt. Seine Identität ist unbekannt. Geschätztes Alter: um die 75. Offenbar hatte der Mann auf einem Radweg eine Mulde zuschaufeln wollen. Der Spaten liegt noch neben ihm. Beim Schippen hatte der Unbekannte wohl seinen letzten Atem ausgehaucht. Das Gesicht des Todes zieht Schaulustige an. Gaffer sind auch mit dabei. "Da kommt sicherlich gleich eine alte weinende Frau", sagt Rettungsassistentin Kerstin Stein. Ihre Stimme klingt, als ob ihr gerade ein unbehaglicher Schauer über den Rücken läuft bei dem Gedanken, die traurige Botschaft überbringen zu müssen. Mitleid, vielleicht auch ein bisschen Angst sind auch mit dabei. "Herzinfarkt?", fragt ein neugieriger Passant, der sein Fahrrad ganz nah an den Toten heranschiebt, und wirkt, als würde er am liebsten das Tuch wieder lüften. "Sie wissen doch, die ärztliche Schweigepflicht", antwortet Kerstin Stein. Der Mann errötet, weicht aber erst nach zweimaliger Aufforderung einige Schritte zurück. Die dreiköpfige Crew des Rettungshubschraubers Christoph 33, der seinen Standort in Senftenberg hat, weiß: Bei jedem Einsatz, den sie fliegt, muss sie damit rechnen, selbst ohnmächtig zu sein. Immer geht es um Minuten, manchmal um Sekunden. "Alle hier sind Individualisten, starke Charaktere", erklärt Kerstin Stein. Und trotzdem geht es nur als Team. "Die Kommunikation darf niemals abreißen, sonst entstehen Fehler." Jeder weiß sofort: Fehler bestraft das Leben mit dem Tod. ADAC-Stationsleiter und Pilot Ingolf Bartzok, der ungefähr 4700 Flugstunden auf dem Buckel hat, besitzt dafür eine feine Antenne. "Befindlichkeiten können wir uns nicht leisten. Mir hat mal ein alter Kollege gesagt: Du musst selbst wissen, ob gerade einer in deiner Crew in Scheidung lebt. Notfalls müssten wir sonst die Teams wechseln."Der Kopf muss frei sein Keine Gefühle im Kampf gegen den Tod? Bartzok schüttelt den Kopf. "Machen wir uns nichts vor. Als ich den ersten Toten gesehen habe, hat mich das berührt", holt er aus. "Aber damit kann man sich nicht beschäftigen, denn da kommt bestimmt schon bald der nächste Notruf und da musst du den Kopf frei haben." Doch wirklich vergessen kann wohl niemand aus den Crews die Bilder, zumindest nicht nach Dienstschluss. Bartzok hat mit ansehen müssen, wie vor ihm eine Frau in einem Auto verbrannt ist. "Das wirst du nicht los." Ein Piloten-Kollege war indes einmal zu einem verunglückten Flugzeug in Schwarzheide gerufen worden. "Der wusste selbst nicht, ob seine Frau da drin sitzt." Auch Rettungsassistentin Kerstin Stein war schon "einmal ganz anders", nachdem ein junger Mann in Ortrand bei einem Einsatz auf sie zugestürzt war und sie immer wieder angetippt hatte. "Später erfuhr ich, dass er gerade seine Mutter erstochen hatte. Der konnten wir nicht mehr helfen." Und da sind immer wieder auch die Unfälle mit Kindern, die der Crew unter die Haut gehen. "Das ist äußerst schlimm", sagt Bartzok. Selbst hartgesottenen Notärzten geht das an die Substanz – obwohl Dietrich Poppelbaum kein menschliches Elend fremd ist. Als ehemaliger diensthabender Stationsarzt der Notaufnahme in einem Berliner Krankenhaus, heute verantwortlich für die Notarzt-Planung in Lübbenau, Lauchhammer, Senftenberg und für den Hubschrauber-Notdienst, hat er so gut wie alles schon gesehen. "Natürlich sind wir cool und professionell, aber bei Kindern ist da ein Tick mehr Emotion im Spiel", sagt er. "Es könnte ja das eigene sein." Es war im Spreewald. Rettungsassistent René Perschnick hat die Bilder noch vor Augen, als wäre es gestern gewesen; Ein Kind mit einem Roller, eine Straße, der kleine Körper auf dem Apshalt, angefahren. "Eine Stunde habe ich versucht, das Kind wiederzubeleben – vergeblich. Und die Eltern standen die ganze Zeit daneben. Das geht schon an die Nieren", sagt er. Manchmal brauchen selbst Engel Hilfe. Zuhören, reden, verarbeiten. Es gibt am Standort Senftenberg einen psychologisch geschulten Kollegen. Pilot Ralf Hartmann hat seine Frau – eine Ärztin. "Das, was ich dienstlich erlebe, versuche ich mit ihr gemeinsam aufzuarbeiten, um dem Ganzen den Druck zu nehmen", sagt Hartmann, der in Uelzen stationiert ist und derzeit nur als Vertretung in der Region fliegt. Eigene Bewältigungsstratgien Jeder in der Crew entwickelt seine eigene Strategie, mit der Situation zurechtzukommen. "Wir sind darauf trainiert, Gefühle am Einsatort rauszuhalten, sonst könntest du nicht mehr professionell handeln", sagt Kerstin Stein, die im Jahr durchschnittlich 180 bis 190 Einsätze fliegt. Die Abläufe bei der Erstversorgung hat sie verinnerlicht. Punkt für Punkt, ganz automatisch spult sie sie ab. Pilot Ralf Hartmann (47) – "Ich habe kein dickes Fell" – hat Tage, an denen er vor Ort an der Unfallstelle mit anpackt, "weil jede helfende Hand eine wirkliche Hilfe ist, selbst wenn ich nur der Infusionsständer bin". Doch dann gibt es auch Stunden, in denen er die Distanz sucht, "weil man irgendwann irgendwie unvorbereitet in Situationen kommt, die einen zu überrollen drohen. Dann muss man erkennen, dass das über die eigene Leistungsgrenze hinausgeht und sich da herausziehen. Wir sind Piloten, keine Rettungsassistenten oder Ärzte." Und die müssen fliegen, immer, und zwar sicher. "Da kann man nicht mit jedem mitsterben. Man erkennt aber, wie wertvoll jede Minute ist, die du selbst lebst." Zeit zum Nachdenken Der Pieper geht. Eine Herz-Kreislauf-Schwäche in Altdöbern. Fünf Minuten später Entwarnung: Notarzt Poppelbaum entscheidet vor Ort, den älteren Herrn mit dem Notarztwagen ins Krankenhaus bringen zu lassen. Zurück auf dem Landeplatz in Senftenberg, bleibt Zeit zum Nachdenken. "Es gibt schon Situationen, in denen ich deprimiert bin", sagt Kerstin Stein und holt Luft. "Wenn es uns zum Beispiel mehrfach hintereinander nicht gelingt, jemanden zu retten." Erfolgserlebnisse sind da Balsam auf die Seele. "Wenn jemand eine Hand, die er sich abgetrennt hatte, wieder benutzen kann, dann freut mich das", sagt die Rettungsassistentin. Ein Lächeln huscht über ihr Gesicht. Damals, als plötzlich eine Frau mit ihren Zwillingen, die sie mit dem Hubschrauber zur Entbindung geflogen hatten, vor der Tür gestanden hatte, um sich zu bedanken, "das war schön". Und dann gibt es da auch noch die Briefe. Zum Beispiel den von einer Mutter aus dem Spreewald, die aus dem Blickwinkel ihres Babys den Einsatz nochmals geschildert hatte. Oder die, "in denen sich Menschen bei uns bedanken – obwohl der Patient verstorben ist", sagt Kerstin Stein, während die Piloten die Wetterdaten studieren. Ein Acht-Stunden-Tag liegt bereits hinter Ingolf Bartzok und Ralf Hartmann. Das Wetter schlägt um. "Auch Ärzte fallen vom Himmel", sagt Poppelbaum. Zuletzt ist Ende September ein Rettungshubschrauber der DRF bei Stuttgart abgestürzt. Die drei Crew-Mitglieder, die junge Patientin – alle tot. Ingolf Bartzok tankt den Hubschrauber voll. Eine Frau muss aus Perleberg nach Rostock verlegt werden: akutes Nierenversagen und Lungenödem. Eigentlich hatte sich Bartzok mit Bekannten abends verabredet. Gestrichen. Fünf Stunden Flug liegen noch vor ihm. Der nächste Notruf: Eine Verlegung aus der Klinik Lübben nach Frankfurt (Oder). Auch der zweite Hubschrauber hebt ab in den Abendhimmel hinein. Die Crews machen Überstunden. Denn der Tod kennt keinen Feierabend.