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| 14:07 Uhr

Integration
An einem Tisch Deutsch lernen

Lehrerin Edeltraut Lessing (l,) übt spielerisch mit syrischen deutsche Redewendungen.
Lehrerin Edeltraut Lessing (l,) übt spielerisch mit syrischen deutsche Redewendungen. FOTO: LR / Stephan Meyer
Lübbenau. Eine Lübbenauer Lehrerin unterrichtet in den Sommerferien Migranten am Gleis 3. Von Stephan Meyer

„Ich lege das Klebeband unter das Tuch“, wiederholt Suha die Worte ihrer Lehrerin Edeltraut Lessing. Spielerisch üben sie Vokabeln und den Aufbau von Sätzen. Zusammen mit Maryam, Fadwa und Majeda besucht sie einen Deutschkurs für Migranten im Kulturhof vom Gleis 3. Das Angebot ist freiwillig, kostenfrei und richtet sich an jeden Deutsch-Anfänger, egal aus welchem Land.

Die vier kommen aus Syrien. Ursprünglich war der Kurs ausschließlich für Frauen wie sie gedacht. Aber die Nachfrage sei so groß gewesen, dass er nun allen offen steht, erklärt Queenie Nopper vom Projektbüro Lübbenaubrücke. Im Rahmen der Bürgerinitiative Buntes Lübbenau stellt das Kulturzentrum Gleis 3 einen Raum für die Deutsch-Klasse zur Verfügung. 16 Teilnehmer lernen inzwischen gemeinsam. Darunter auch Polen und Tschetschenen. Menschen, die schon jahrelang hier leben und arbeiten und ihre Deutschkenntnisse verbessern wollen.

Am jüngsten Donnerstagvormittag ist der Kurs nicht vollzählig. Wegen der Hitze, aber auch weil einige arbeiten müssen, so Edeltraut Lessing. Die Lübbenauerin ist pensionierte Lehrerin. „Eigentlich mag ich die Formulierungen ‚pensioniert’ oder ‚in Ruhestand’ nicht“, erklärt sie. Schließlich unterrichte sie ja nach wie vor. An Lübbenauer Schulen betreut sie weiterhin Kunstprojekte und für den Sommersprachkurs verzichtet sie auf ihren Urlaub.

Ihr Alter wollen sowohl die vier Syrerinnen als auch Edeltraut Lessing nicht verraten. „Das fragen wir die Damen hier nicht“, scherzt die lebhafte Frau mit Schleife im Haar. Es ist nicht der erste Deutschkurs von Maryam, Fadwa, und Majeda. Im Februar wohnen sie drei Jahre in Lübbenau. Bereits kurz nach ihrer Ankunft in Kittlitz wurde den Geflüchteten Deutschunterricht angeboten. Schon damals war Edeltraut Lessing ihre Lehrerin. Nun geht es darum, das Erlernte zu zu festigen und die Deutschkenntnisse zu erweitern.

Außerhalb des Sommerangebots gibt es aktuell keinen Sprachkurs für sie in Lübbenau. In der Provinz mangele es an Lehrern, erklärt Edeltraut Lessing. Der nächstgelegene Kurs wird in Lübben angeboten. Auch wenn sie von der Stadt nur eine sechsminütige Zugfahrt trennt, ist die Strecke eine riesige Hürde für sie. Die meisten Teilnehmerinnen des Kurses haben kleine Kinder, die in ihrer Abwesenheit betreut werden müssten. Für den Sommerkurs hat das Gleis 3 eine Betreuerin gefunden, die sich währenddessen um die Kleinsten der syrischen Frauen kümmert. Die etwas älteren Kinder haben die Möglichkeit, die kostenfreien Ferienangebote des Kulturzentrums zu nutzen. Suha hat zwar keine Kinder, dennoch ist es auch für sie schwer, nach Lübben zu fahren. Sie ist noch nicht so lange wie die anderen in Deutschland und kam durch den Familiennachzug nach Lübbenau. Ihre Deutschkenntnisse sind nicht so gut, wie die der anderen. Alleine mit dem Zug zu fahren, traut sie sich noch nicht.

Die Herausforderung für Edeltraut Lessing ist das unterschiedliche Sprachniveau ihrer Kursteilnehmer. Von Vorteil ist, dass sie teilweise verschiedene Muttersprachen haben. Dadurch müssen sie sich im Unterricht zwangsläufig auf Deutsch unterhalten. Einige von ihnen bereiten sich auf eine Prüfung für das B1-Sprachzertifikat des Goethe-Instituts vor. Es bestätigt eine selbstständige Verwendung der deutschen Sprache. Für die Aufnahme in ein deutsches Studienkolleg ist das Zertifikat meist Grundvoraussetzung.

Innerhalb ihrer Familien unterhalten sich die Frauen nach wie vor in ihrer Muttersprache. „Das ist ganz natürlich“, erklärt Edeltraut Lessing. Wir selbst würden das auch nicht anders machen, wenn wir in einem anderen Land leben müssten, ist sie überzeugt. Im Alltag wenden sie bereits erfolgreich das Gelernte an. Vor allem beim Einkaufen oder beim Arztbesuch. Am Mittwoch widmeten sich die Kursteilnehmer dem Schreiben von Briefen. „Das fällt ihnen noch etwas schwer“, gesteht die Lehrerin. „Sie müssen das aber können für die B1-Prüfung.“

Die Schülerinnen sind sehr zufrieden mit ihrer Lehrerin. „Sie ist sehr nett“, so die Einschätzung von Maryam. Edeltraut Lessing unterrichtet nach dem Motto Fördern und Fordern. „Aber Spaß muss der Unterricht auch machen“, wie sie  erklärt. In zwei Wochen endet der Kurs. Dann gibt es vorerst keine Möglichkeit für die Neu-Lübbenauerinnen, ihr Deutsch zu verbessern.