Nach wenigen Minuten erreicht Hubert Frey die Uhrenstube. Diffuses Licht mogelt sich durch vier kleine runde Fenster und beleuchtet die meterlangen Wellen, die an den Deckenbalken angebracht sind. "Das sind die Achsen, die vom Uhrwerk nach außen zu den vier Wellen mit ihren Zeigern führen", erzählt er. Sofort erinnert sich der Altdöberner an die spektakuläre Aktion, als er im Jahr 1969 durch eine DIN A5-blatt-große Öffnung die Zeiger montierte und die Minutenwellen zur Aufarbeitung in eine Greifenhainer Werkstatt brachte.
"Die Bergleute hatten damals ein unverwüstliches Graphit-Lager aufgezogen, das auch knapp 30 Jahre später kaum eine Spur von Verschleiß zeigte", so der Uhrmachermeister. 1997 waren dann alle vier Ziffernblätter samt Welle und Zeiger komplett ausgetauscht worden. Eine kleine Erinnerungstafel in Höhe der Aussichtsplattform erinnert daran, dass die Erneuerung vor nunmehr zehn Jahren von der Deutschen Stiftung Denkmalschutz gefördert wurde. Was den zeitablesenden Betrachtern jedoch verborgen bleibt, ist das Turmuhren-Herzstück. Das befindet sich in einem rund 1,50 Meter breiten und 1,60 Meter hohen Uhrenschrank und beeindruckt mit einer faszinierenden Mechanik. Bedächtig öffnet Hubert Frey die zweiflügelige Tür. Das 1919 von der Firma J. F. Weule aus Bockenem (Harz) gebaute Uhrwerk wird von Hubert Frey als ein technisches Denkmal geehrt. Nichts erinnert da an Serienproduktion. Beim Bestaunen, wie die einst handgefertigten, einzeln gefrästen und polierten Zahnräder ineinander greifen, glaubt man, dass der Spruch vom "reibungslosen Lauf eines Uhrwerkes" hier oben seinen Ursprung haben muss. "Das Gehwerk der Uhr und die zwei Schlagwerke für den Stunden- und den Viertelstundentakt arbeiten noch immer wie vor mehr als 80 Jahren. Einzig das Aufziehen der Uhr ist in den Jahren 2001 bis 2003 elektrifiziert worden", berichtet Hubert Frey. Davor seien die drei Werke per Seilzug und Gewichte am Laufen gehalten worden, was ein wöchentliches Aufziehen und damit verbundenen Turmaufstieg beinhaltete. Dank eines Elektromotors und ausgeklügelten Antriebsystems über eine endlose Kette reduzieren sich diese zwecks Umstellung auf Sommer- oder Winterzeit auf jäh rlich zwei Kirchturmerklimmungen. Oftmals zieht es den Uhrenspezialisten auch zwischendurch an "sein" (Uhr-) Werk, um sich an dessen Nostalgie zu erfreuen, die Aussicht über die Dächer der Gemeinde zu genießen oder kleinere Korrekturen vorzunehmen. "Da die Pendelstange aus Holz besteht, bleiben Schwankungen nicht aus. Hervorgerufen werden sie durch unterschiedliche Luftfeuchtigkeit, was auch erklärt, warum die Kirchturmuhr im Sommer gern etwas vorgeht und im Winter der Zeit minimal hinterherläuft", erzählt Hubert Frey.
Dann tastet er in die Mechanik, aktiviert eine kurze Leerlaufphase und verhilft dadurch den Zeigern zum sekundengenauem Kreisen.
Im Ort geboren, bezeichnet sich der 68-Jährige selbst als U(h)r-Altdöberner. Auf die Frage, wie lange er sich denn schon der Kirchturmuhr widmet, muss er dann doch kurz überlegen: "1957 habe ich die ehrenamtliche Tätigkeit von Walter Giese übernommen", antwortet er und staunt dann selbst, dass er in diesem Jahr auf 50 Jahre im Dienst der Altdöberner Kirchturmuhr zurückblicken kann. Eigentlich ein Anlass intensiver zurückzublicken und angemessen zu feiern, aber dafür fehlt dem Uhrmachermeister einfach die Zeit.