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| 02:32 Uhr

Als Lehrer am "Schwarzbau" zur Maurerkelle griffen

Interessiert blättern Günter Lange und Annemarie Scholtyssek in Fotodokumenten vom Turnhallenbau vor 50 Jahren. Annemarie Scholtyssek war für Günter Lange zuerst Lehrerin und später seine Kollegin.
Interessiert blättern Günter Lange und Annemarie Scholtyssek in Fotodokumenten vom Turnhallenbau vor 50 Jahren. Annemarie Scholtyssek war für Günter Lange zuerst Lehrerin und später seine Kollegin. FOTO: Uwe Hegewald/uhd1
Altdöbern. Mit festlichen Reden und viel Applaus ist im November 1963 das Altdöberner Schulgebäude eingeweiht worden. Selbst die "Kapelle Harry Müller" wurde verpflichtet, um der Feier zusätzlichen Glanz zu verleihen. Überschattet wurde die Einweihung vom Baustopp der dringend benötigten Schulsporthalle. Uwe Hegewald/uhd1

Dass in der Turnhalle bereits zwei Jahre später Mädchen und Jungen ihren Bewegungshunger stillen konnten, ist auch ein Verdienst von Günter Lange. "Wir waren alle glücklich über das neue Schulgebäude aber ebenso bedrückt vom Fehlen der Turnhalle", blickt der Altdöberner zurück. Das Unverständnis erhielt zusätzliche Nahrung, da ein Großteil des Baumaterials bereits vorhanden war. "Selbst die Fundamente waren schon gegossen, teilweise jedoch wieder mit Bodenmassen zugeschoben worden", so der 80-Jährige.

Beim damaligen Schulleiter Manfred Scholtyssek fanden Günter Lange und Fritz Jordan - beide ehemalige Lehrer für Sport und Werken - Gehör. "Der Direktor gab uns grünes Licht, den Bau der Turnhalle auch ohne amtliche Baugenehmigung in Eigenregie fortzusetzen", erzählt Günter Lange. Das in diesem Falle illegale Vorgehen habe dazu beigetragen, dass dem Turnhallenprojekt bis heute der Makel "Schwarzbau" anhängt.

Für Lange und Jordan erwies es sich als Vorteil, dass sie über handwerkliches Geschick verfügten. Beide hatten zuvor als Zimmermänner gearbeitet und sind aufgrund des Lehremangels seinerzeit als Quereinsteiger zu Pädagogen profiliert worden. Günter Lange erinnert sich noch sehr genau, wie sie vor 50 Jahren am Bau Einschalungsarbeiten ausführten oder der hinzugezogenen Altdöberner Baubrigade Koch & Stöckel zur Hand gingen. Bemerkenswert: Wurde zupackende Hilfe während der Unterrichtzeit benötigt, so sind die Stunden ohne Zögern von Kollegen übernommen worden.

Der mauernde Pädagoge, der von 1957 bis 2001 an der Altdöberner Schule unterrichtete, weiß noch einen weiteren Grund, warum das Kollegium und die Gemeinde hinter dem vermeintlichen Schwarzbau standen: Im Ort war das Lehrerbildungsinstitut untergebracht und die Altdöberner Schule als kooperative Bildungseinrichtung auserkoren. "Wir bekamen ständig Besuch von Studentinnen und Studenten, die bei uns hospitierten. Auch ihnen wollten wird angemessene Bedingungen bieten", rechtfertigt Günter Lange bis heute das Fortführen des Bauprojekts.

Den Funktionären blieben die Aktivitäten an der Altdöberner Schule nicht verborgen. Beeindruckt von der Kollegialität lenkten sie schließlich ein, erteilten eine nachträgliche Baugenehmigung und beorderten eine Baufirma aus Finsterwalde zum Turnhallenprojekt, die bereits das Hauptgebäude errichtete. Etwas aufgebracht vom Alleingang der Lehrer im gallischen Altdöbern zeigten sich die Funktionäre dennoch: Die Übergabe der Turnhalle erfolgte ohne Festreden und ohne Kapelle.

Zum Thema:
Günter Lange war als Zimmerer bei der Bau-Union angestellt und von dieser für einen Tag pro Woche freigestellt, um an der Altdöberner Schule Sport und Werken zu unterrichten. Als der Bedarf aufgrund der Schülerzahlen anwuchs, entschloss sich Günter Lange zu einer Lehrerausbildung (Fernstudium), für die er 1960 die Prüfung ablegte. Er war damals schon ein aktiver Turner und Leiter einer Kinderturngruppe. Seine Jahrzehnte währende Sportleidenschaft sind dem rüstigen 80-Jährigen noch heute anzumerken. Insbesondere im Männergesangsverein 1874 Altdöbern weiß man sein zweites Lungenvolumen zu schätzen.

Die mit rund 400 000 Euro komplett sanierte Schulsporthalle ist 2011 erneut eingeweiht worden.
Die mit rund 400 000 Euro komplett sanierte Schulsporthalle ist 2011 erneut eingeweiht worden. FOTO: Hegewald/uhd1