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| 17:11 Uhr

Regionale Geschichte
Als es noch die „sieben Riesen“ gab

„Die sieben Riesen von Lübbenau“. Die Schornsteine des einstigen Braunkohlenkraftwerks geben der Ausstellung in der Rathaus-Galerie ihren Titel.
„Die sieben Riesen von Lübbenau“. Die Schornsteine des einstigen Braunkohlenkraftwerks geben der Ausstellung in der Rathaus-Galerie ihren Titel. FOTO: AG Zeitgeschichte
Lübbenau. Detailreiche Ausstellung zur Geschichte der Kraftwerke Lübbenau-Vetschau noch bis Anfang November zu sehen.

Das Lübbenauer Rathaus ist seit Donnerstag auch ein Haus der Industriegeschichte. Wohl noch nie wurden dort in einer Ausstellung so viele Exponate ausgestellt, so viele historische Fotos gezeigt und Dokumente, so viel Faktenwissen vermittelt. Und wohl noch nie hatten so viele Besucher einen persönlichen Bezug zum Gezeigten.

5000 Menschen haben 1957 bis 2017 im Kraftwerk Lübbenau-Vetschau gearbeitet. Eine Neustadt wurde gebaut, um den Familien ein Zuhause zu bieten. Zunächst freilich, erinnerte sich Ausstellungsbesucher Karl Volkmer, habe er mit Frau und Kindern mit einer „Zwischenbelegung“ vorlieb nehmen müssen. In der Straße der Jugend teilte sich der Lehrmeister für Maschinisten mit seiner Familie eine Wohnung mit anderen Kraftwerkern. 1962 zogen die Volkmers in die Brechtstraße, wo das Ehepaar heute noch wohnt.

Am 14. Juni 1999 sackte das Hauptgebäude des Werks I in Lübbenau in sich zusammen. Werk III wurde ebenfalls 1999 gesprengt, Werk II erst 2010.
Am 14. Juni 1999 sackte das Hauptgebäude des Werks I in Lübbenau in sich zusammen. Werk III wurde ebenfalls 1999 gesprengt, Werk II erst 2010. FOTO: AG Zeitgeschichte

Volkmer und andere ehemalige Kraftwerker erkannten auf den Fotos etliche Kollegen. Aberhunderte Beschäftigte sind abgebildet, unter anderem das Kollektiv A-Schicht im Werk II, die Fernmeldeabteilung „Philipp Reis“ oder die Brigade Wärmetauscherreparatur und -instandhaltung. Jedes Gebäude, jede Industrieanlage auf zwei Quadratkilometern Kraftwerkgelände scheint für die Ausstellung fotografiert worden zu sein. Maschinenhaus und Verwaltungsgebäude, Kulturhaus „Holzoper“ und Zahnarztpraxis, Betriebsrestaurant, Laborgebäude und Kinderkrippe. Hans-Jürgen Fröschke, einst Mitarbeiter der Elektroabteilung, erfreute sich am Anblick des roten Sterns am Werkstor: „Er leuchtete bei Planerfüllung.“

1996 fielen die Schornsteine eins bis drei im Kraftwerk in Vetschau.
1996 fielen die Schornsteine eins bis drei im Kraftwerk in Vetschau. FOTO: AG Zeitgeschichte

Die Macher dieser Ausstellung mit 500 Exponaten auf drei Etagen sind die Mitglieder der AG Zeitgeschichte, bei denen sich Bürgermeister Helmut Wenzel bei der Eröffnung bedankte. Die Mannschaft um den stellvertretenden Vereinsvorsitzenden Hans-Joachim Nemitz bekam zahllose Texte und Fotos von Lübbenauern und Vetschauern angeboten. Ein halbes Jahr wurde das Material gesammelt, gesäubert, geordnet, gerahmt und beschriftet. Drei Tage dauerte es, im Rathaus alles aufzubauen  und anzubringen, so AG-Mitstreiter Peter Lenz.

Für die rund 70 Besucher, von denen viele selbst im Kraftwerk gearbeitet haben, gab es in der Ausstellung viel zu entdecken. Erinnerungen wurden in den Gespräch aufgefrischt.
Für die rund 70 Besucher, von denen viele selbst im Kraftwerk gearbeitet haben, gab es in der Ausstellung viel zu entdecken. Erinnerungen wurden in den Gespräch aufgefrischt. FOTO: LR / Daniel Preikschat

Im Erdgeschoss bekommen Besucher Zahlen, Daten und Fakten vermittelt. In der ersten Etage ist Aufbau, Inbetriebnahme und das Arbeitsleben im Kraftwerk Thema. In der zweiten Etage wird der Rück-
bau dokumentiert, der Personalabbau, aber auch die Nachnutzung heute durch 50 Firmen, die 1600 Mitarbeiter haben. Die Entscheidung sei hart aber richtig gewesen, das Kraftwerkgelände zügig freizuräumen, drei Werke mit 16 Kraftwerksblöcken und sieben Schornsteinen zurückzubauen, so Nemitz. Das Gewerbegebiet wäre sonst nicht so gut ausgelastet.