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Alpinisten und Industriekletterer holen in Reddern Kirchturmkugel herunter

Den Alpintechnikern und Industriekletterern Pierre Konzag (Schwarzheide) sowie Luise und Michael Mütze (von l./Neustadt in Sachsen) ist es gelungen, beide Hälften der Redderner Kirchturmkugel zu bergen.
Den Alpintechnikern und Industriekletterern Pierre Konzag (Schwarzheide) sowie Luise und Michael Mütze (von l./Neustadt in Sachsen) ist es gelungen, beide Hälften der Redderner Kirchturmkugel zu bergen. FOTO: Hegewald
Reddern. Ein vor sechs Jahren begonnenes Projekt ist in der vergangenen Woche in Reddern abgeschlossen worden. Bei einer abenteuerlichen Aktion in 40 Metern Höhe ist es Industriekletterern und Höhenrettern aus Neustadt in Sachsen und Schwarzheide gelungen, die Kirchturmkugel der Redderner Flachskirche zu bergen. uhd

"Ich habe schon beim bloßen Zusehen weiche Knie bekommen", schildert Günter Winkler die Momente auf der Kirchturmspitze von Reddern (Gemeinde Altdöbern). Um 8 Uhr hat der 78jährige die Kirche aufgeschlossen und das Vorhaben bis zum Abschluss am späten Nachmittag verfolgt. Erleichterung macht sich bei dem Mitglied der Kirchengemeinde breit, als das kupferne Objekt, am Mittwoch, gegen 15 Uhr zu Boden gelassen wird. Im Oktober 2010 musste ein erstmaliger Versuch abgebrochen werden. Damals gelang es jedoch mit einer Hubschrauber-Aktion, zumindest die absturzgefährdete Wetterfahne zu bergen.

"Wir gehen kein unnötiges Risiko ein", beteuert Michael Mütze während der Lagebesprechung in der Aussichtskuppel. Der 54-jährige Alpintechniker aus Neustadt in Sachsen gilt als erfahrener Höhenarbeiter, der zwecks Inspektionen oder Reparaturen deutschlandweit bereits über 100 Kirchturmspitzen erklommen hat. Darunter die Kreuzkirche in Dresden oder die Luther-Kirche in Leipzig - inklusive unerwünschter Bekanntschaft mit einem aggressiven Turmfalken. "Das Tier war permanent damit beschäftigt, mein Seil zu attackieren", so der Experte.

1995 zählte er zum Team, das im Auftrag des Künstlerehepaars Christo und Jeanne-Claude den Berliner Reichstag verhüllte. Zentimeter um Zentimeter hangelt sich Michael Mütze nach oben, ohne zu wissen, ob sich aufgrund maroder Balken ein Rückzug erforderlich macht. "Der letzte Meter der Spitze ist stark in Mitleidenschaft gezogen. Es war höchste Zeit, die Kugel zu bergen", beurteilt er.

Bereits der nächste schwere Sturm hätte die Kugel von der Spitze fegen können und dabei das Kirchengebäude oder gar Personen schaden können. Starker Wind war auch die Herausforderung der Bergungsaktion. "Mir hat es manchmal fast das Werkzeug aus den Händen geweht", erzählt der Alpintechniker. Mittels Dreifach-Sicherung ist er für den Fall gewappnet, falls doch einmal irgendetwas schief gehen sollte. "Meine Tochter Luise (21) ist dann in der Lage, mich aus misslicher Situation zu befreien und bis auf den Boden abzuseilen", erklärt Michael Mütze. In seinen Worten klingt Vaterstolz mit: Bereits im Alter von 18 Jahren habe sie ihren Höhenarbeiterschein absolviert, der es ihr auch erlaubt Höhenrettungen vorzunehmen."

Dritter im Bunde ist Industriekletterer Pierre Konzag aus Schwarzheide. "Das Bergen einer Kirchturmkugel ist für mich eine Premiere", so der 31-Jährige, der in der Regel als Service-Techniker für Windkraftanlagen seine Brötchen verdient. Im Umkreis von 200 Kilometern, es habe aber auch schon Einsätze in Polen oder Südfrankreich gegeben.

Am Nachmittag zählt er zum Kreis der Staunenden, die im Inneren der Kugel zwei weitere Blechschatullen entdecken. Zum Glück unversehrt, weist doch die Kugelhülle vier Einschüsse auf, von dem ein Projektil noch im Mantel steckt.

Verfallende Leinenschriftstücke und Silbermünzen in drei verschiedenen Größen kommen zum Vorschein. Anke Gaumer empfiehlt, es dabei beruhen zu lassen. "Experten sollen die Fundstücke analysieren und die Kirchenleitung darüber entscheiden, wie mit diesen weiterverfahren wird", so das Mitglied des Gemeindekirchenrates. "Nach der Aktion mit der Wetterfahne vor sechs Jahren wussten wir, dass die Kugel offen und jeglichen Witterungseinflüssen ausgesetzt ist. Keiner hat damit gerechnet, im Inneren überhaupt noch etwas Historisches zu entdecken", sagt sie. Überstrahlt werde die Freude von der Feststellung, dass die Kirchturmspitze erhalten bleibt. Selbst ein teilweiser Abriss musste anfangs ins Kalkül gezogen werden.