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| 01:03 Uhr

Alejandra freut sich auf den ersten Schnee

Luckau.. Sie sehen sich überhaupt nicht ähnlich – die eine ist blond, die andere hat pechschwarze Haare. Trotzdem sind sie Geschwister – Schwestern auf Zeit: Caroline Riedel (21) und Alejandra Cornejo Cordova (18) wohnen gemeinsam im Luckauer Haus der Familie Riedel. Alejandra kommt aus Ecuador. Die Austauschschülerin bleibt bis Juli in der Berstestadt und freut sich vor allem auf eines: den ersten Schnee ihn ihrem Leben. Von Tilo Winkler

„Danke, Mutti“ , sagt die 18-Jährige zu Gabriele Riedel und greift zu. Die 52-Jährige hat ihrer Gasttochter gerade ein Stück Schokolade gereicht. Alejandra mag deutsche Schokolade - und Kuchen. Selbst vom dunklen Brot ist die Ecuadorianerin begeistert. „Alejandra hat beim Bäcker schon nachgefragt, ob sie mal gucken darf, wie das Brot gebacken wird“ , erzählt Gabriele Riedel.
Alejandra Cornejo wohnt seit August in Luckau und hat sich inzwischen eingelebt - jedoch nicht ohne Überraschungen. „Ich habe mich gewundert, dass die Leute hier bereits 22 Uhr schlafen gehen. Zu Hause sitze ich bis Mitternacht und erledige Hausaufgaben“ , erzählt die 18-Jährige, die einmal Zahnärztin werden will oder „etwas mit Sprachen studieren“ möchte. „Sie hat sich dem Rhythmus angepasst“ , bestätigt Gabriele Riedel. „Mein Mann ist Kraftfahrer und muss morgens früh raus.“ Deswegen fielen die Abende kürzer aus.
Alejandra bringt Abwechslung in Riedels Alltag, „manchmal zu viel Leben“ , sagt Caroline Riedel mit einem Schmunzeln. Aber sie ist froh, eine Schwester auf Zeit zu haben. Ihre richtige Schwester Stephanie ist längst ausgezogen - nach München. „Ich wollte nicht so allein sein“ , sagt die 21-jährige, die sich gerade zur Erzieherin ausbilden lässt.
Nach Deutschland wollte die junge Ecuadorianerin, „weil ich perfekt Deutsch lernen und die Kultur kennen lernen möchte“ . Und weil hier nächstes Jahr die Fußball-Weltmeisterschaft stattfindet. „Ecuador nimmt daran teil. Vielleicht bekommen meine Eltern zu Hause Eintrittskarten“ , so Alejandras Hoffnung. Dann könnten sie sich nämlich gemeinsam ein Spiel ansehen, wenn Martha und Carlos Cornejo ihre Tochter nächstes Jahr abholen.
Dass es sie ausgerechnet nach Luckau verschlagen hat, darauf hatte die 18-Jährige keinerlei Einfluss. Die Entscheidung fällt die Austauschorganisation. „Es ist eine kleine, aber schöne Stadt“ , sagt Alejandra über Luckau. Es ist nicht weit nach Berlin oder Cottbus, wo zwei weitere Ecuadorianerinnen ein Jahr verbringen. Alejandra war zudem in Görlitz und Dresden. Und in Langengrassau zum Erntedankfest auf dem Höllberghof. „Im Winter fahren wir nach München“ , ergänzt Gabriele Riedel. Spätestens dort wird Alejandras größter Wunsch in Erfüllung gehen: Zum ersten Mal in ihrem Leben wird sie es schneien sehen.
Die Luckauer haben dafür gesorgt, dass die Ecuadorianerin ihr Bild über das Gastgeberland grundlegend geändert hat. „Ich dachte, die Deutschen können nicht lachen, sind immer nur ernst“ , so die junge Frau. „Aber die Leute sind nett, freundlich und liebenswürdig.“
In Riedels Nachbarschaft ist Alejandra bekannt. „Auch in den Einkaufsmärkten wird sie begrüßt“ , sagt Caroline. „In einer Kleinstadt geht es eben familiär zu“ , erklärt die Mutter. So familiär, dass Alejandra sogar vom Bürgermeister empfangen wurde. Nur die katholische Kirche von Luckau ist Alejandra eindeutig zu klein. In Ecuador sind die Gotteshäuser größer.
In der Gastfamilie wird sich auf Deutsch unterhalten. Schließlich will Alejandra die Sprache lernen. „Sie versteht recht gut“ , bestätigt Gabriele Riedel. „Beim Sprechen passieren die normalen Fehler. Die deutsche Grammatik ist schwer.“ Die Gastmutter muss es wissen. Sie ist Englisch-Lehrerin an der Oberschule Golßen. Wenn es also doch Schwierigkeiten gibt, wird auf Englisch ausgewichen.
Mit ihrer Muttersprache Spanisch punktet Alejandra am Luckauer Gymnasium. Dort besucht sie die Klassenstufe elf, lernt aber Deutsch in der achten Klasse - umgeben von Schülern, die Spanisch als Fremdsprache gewählt haben. „Sie fragen mich, wie etwas richtig heißt“ , sagt Alejandra.

Zum Thema Ecuador
  Ecuador liegt in Südamerika und grenzt an Kolumbien und Peru. Das Land ist etwa ein Fünftel kleiner als Deutschland. Hauptstadt ist Quito. Zu Ecuador gehören die 1000 Kilometer entfernten Galapagos-Inseln.

Rund 13 Millionen Menschen leben in Ecuador, die meisten von ihnen sind katholischen Glaubens.

Die Provinz Azuay, in der die Familie von Alejandra Cornejo lebt, liegt im Andenhochland und ist eine von 22 Provinzen. Provinzhauptstadt Cuenca ist mit rund 275 000 Einwohnern die drittgrößte Stadt Ecuadors.