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Abschied von der Kohle

Ungewohnt: Walter Karge als Hobbygärtner. Der 63-Jährige hat jetzt Zeit, um sich Haus und Hof zu widmen.
Ungewohnt: Walter Karge als Hobbygärtner. Der 63-Jährige hat jetzt Zeit, um sich Haus und Hof zu widmen. FOTO: Foto: Steffen Rasche
Senftenberg.. Rosemarie Karge öffnet die Tür. „Mein Mann schält noch Kartoffeln“ , sagt sie und zeigt wie zur Entschuldigung auf ihren rechten Arm – der steckt bandagiert in einer Schlaufe. Darum muss ihr Walter Karge in den nächsten Wochen im Haushalt zur Hand gehen. „Eigentlich hatte ich mir das Rentnerleben ja ein bisschen anders vorgestellt“ , sagt er, als er aus der Küche kommt und guckt dabei gespielt genervt. Vor wenigen Tagen hatte der LMBV-Chef für Brandenburg seinen letzten Arbeitstag. Von Dörthe Hückel


 „Die Leute werden wieder verschwinden.“
 Walter Karge


Ein bisschen orientierungslos ist er noch, weiß nicht so recht, wohin mit sich, erklärt der 63-Jährige. Er sitzt auf der Terrasse vor seinem Haus in Senftenberg, in Poloshirt und Freizeithosen. Jetzt, wo sich das Leben nicht mehr um den Job dreht, muss er sich einen neuen Platz suchen. Traurig sei er nicht, sagt er. „Es gibt mehr im Leben als Arbeit.“ Als wolle er sich Mut machen. Fast fünf Jahrzehnte in der Kohle - die sind nicht innerhalb von wenigen Tagen wegzuwischen.

Keine guten Ratschläge
Die letzte Amtshandlung für die LMBV: eine Dienstberatung mit der ganzen Mannschaft. Übergabe. Nicht etwa, um gute Ratschläge mit auf den Weg zu geben oder wichtige Instruktionen. Seinen Abgang hat Karge langfristig vorbereitet. „Sowas macht man nicht in den letzten fünf Minuten, das muss geplant werden.“ Seinen Nachfolger, Wolfgang Kolba, hat er seit Jahren unter seinen Fittichen gehabt, „überall mitgeschleppt“ , weil man nur so lernen kann. „Mit dem Auge klauen“ , nennt es Walter Karge. Sorge, dass er eine Lücke hinterlässt und der Laden ohne ihn nicht läuft, hat er nicht.
Als der Termin für seinen Ruhestand beschlossene Sache war, da wurde er gefragt, ob er nicht weiter für die LMBV arbeiten wolle, als Berater. Karge hat abgelehnt. Und das passt zu ihm. Ganz oder gar nicht, dazwischen hat es für ihn nie etwas gegeben. Sollten seine ehemaligen Mitarbeiter allerdings seinen Rat brauchen, dann steht er zur Verfügung.
Das Geschäft wird er selbstverständlich weiter beobachten. „Ich war immerhin daran beteiligt, die Weichen zu stellen.“ Vielleicht wird er auch wieder mitmischen, auf der anderen Seite. Er kann sich vorstellen, den Nabu dabei zu unterstützen, die Sanierungsfläche um Klettwitz-Nord zum Naturschutzgebiet umzuwandeln. „Vielleicht aber auch nicht. Mal sehen, ich lasse alles auf mich zukommen.“ Dass er komplett die Finger vom Thema Bergbau lässt, glaubt er wohl selber nicht. Zu sehr hängt sein Herz daran.
Dabei war es gar nicht abzusehen, dass er mit 14 Jahren seine Berufslaufbahn als Schlosser-Lehrling an der Förderbrücke beginnt. Seine Eltern hatten etwas ganz anderes geplant. Sein Vater, ein Friseurmeister, besaß einen großen Laden im Senftenberger Zentrum. „Wäre das Geschäft im Krieg nicht runtergebrannt, wäre ich vielleicht Friseur geworden“ , sagt Karge. Der stattliche Mann mit den markanten Augenbrauen als Coiffeur: Karge guckt auf seine großen, kräftigen Arbeiter-Hände und muss selber lachen. Überhaupt lacht er viel, spitzbübisch, wie ein Junge.
Jedenfalls ist er nach der Lehre bei der Kohle geblieben. Nach dem Studium arbeitete er als Ingenieur, später im Bergamt. Ab 1986 war er Leiter des Stammbetriebs, über 5000 Leute, wurde dann Betriebsdirektor der Tagebaue Meuro und Klettwitz-Nord. Ab 94 war er bei der LMBV für den Rückbau verantwortlich. Bis zu zwölf Stunden Arbeit pro Tag, auch am Wochenende. Sein Durchhaltevermögen hat er vom Boxen, sagt er. Den Sport hatte er für den Beruf aufgegeben. „Aber ich habe da viel gelernt: Fairness, Teamgeist, mich nicht hängen zu lassen.“

Große Chance
Dass der aktive Bergbau in der Region nur noch eine Nebenrolle spielt, findet Karge ein bisschen schade. „Ich bin dafür, die Lagerstätten solange abzubauen, wie es sich lohnt. Das ist Arbeit für die Leute.“ Auf der anderen Seite sieht er in dem, was die LMBV schafft, eine große Chance: „Wir müssen die Seenkette vernünftig nutzen, das wird ein hervorragendes Wassersportrevier.“ Karges Augen fangen an zu leuchten, als er von dem spricht, was in ein paar Jahren von den Gruben übrig sein wird - und was ja auch sein Werk ist. Aber ausreichend Arbeitsplätze würde der Tourismus nicht bringen, da macht er sich nichts vor. „So wie die Leute hergekommen sind, als der Bergbau groß wurde, so schnell werden sie wieder verschwinden.“
Für seine Zeit als Ruheständler hat Karge viele Möglichkeiten in seinem Kopf. Reisen will er viel. Auf seine Bücher freut er sich. Im Regal stehen Dostojewski, Heine und Karl May. Dann will er wieder boxen. „Ich will fit werden.“
Und das Haus. Garage und Waschküche müssen renoviert werden. Gattin Rosemarie ist jedenfalls froh. „Hier ist so viel liegen geblieben in den Jahren, jetzt wird mein Mann hier zu Hause gebraucht.“