ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 16:46 Uhr

Hilfseinsatz
Abschied aus Bangladesch

Im größten Krankenhaus der Stadt teilen sich mehrere Patienten ein Bett.
Im größten Krankenhaus der Stadt teilen sich mehrere Patienten ein Bett. FOTO: Ute Arend
Chittagong. Die Vetschauerin packt ihren Koffer: der Hilfseinsatz endet. Ute Arend berichtet über ihre Eindrücke.

Mein Einsatz für die German Doctors ist mit dem Wochenende zu Ende. Es wird noch lange dauern, bis ich all das, was ich hier in den sechs Wochen erleben durfte, verarbeitet habe.

Über 1000 Patienten habe ich behandelt. Alles wird genau abgerechnet. Täglich werden Listen geführt, wie viele Patienten kommen, wie alt sie sind, welche Diagnose gestellt wurde und welche Medikamente sie bekommen. Bei Medikamenten ist die Auswahl sehr begrenzt. Aber in der Regel kommen wir damit aus und können auch chronische Erkrankungen wie Diabetes, Bluthochdruck, chronische Lungenerkrankungen und Schlaganfall behandeln.

Leider ist kein Insulin da. Ich kann Diabetikern nur raten, sich streng an die Diät zu halten und für Bewegung zu sorgen. Aber mit der Bewegung ist das hier so eine Sache. Die Kinder haben ja noch ihre Sportplätze und die Rikschafahrer bekommen nur selten Diabetes bei der körperkich harten Arbeit. Für die Frauen wird es schwierig. Die Straßen sind zu voll. Viele wissen nicht, wie sie Gymnastik machen sollen. Ich habe morgens vor der Sprechstunde einige Übungen gezeigt.

Es stimmt mich traurig, wie schlecht die Bildung unserer Patienten ist. Nur ganz wenige haben die Schule besucht. Kaum jemand kann lesen oder schreiben. Die Geldscheine erkennen sie an den Farben.

Die German Doctors betreiben in einem Slum eine kleine Schule, in der 50 Kinder täglich zwei Stunden lernen können. Ich war dort. Alle waren ganz neugierig. Etwa 20 weitere Kinder, die nicht die Möglichkeit haben, zur Schule zu gehen, standen in den Türen und schauten zu. Das staatliche Schulprogramm ist lückenhaft. Beim staatlichen Impfprogramm ist es etwas besser. Jedes Kind hat die Möglichkeit, im ersten Lebensjahr die Impfungen kostenlos zu erhalten. Die meisten Mütter folgen, aber die letzte Impfung wird oft vergessen, und wer zu spät kommt, muss zahlen. So sind viele Kinder nicht gegen Masern geimpft. Während meiner Zeit hier hatte ich gleich drei Masernfälle in einer Woche. Zwei musste ich wegen einer schweren Lungenentzündung ins Krankenhaus schicken.

An einem Nachmittag, sind wir einmal mit Charles, unserem Verbindungsmann zu den Krankenhäusern, in die größte Klinik der Stadt, dem Chittagong Medical College Hospital, gefahren. Es ist ein riesiger Bau. Ich war total erstaunt, über wie viele verschiedene Stationen es verfügt. Sogar ein Herzkathederlabor ist vorhanden. Doch ansonsten kann man es mit unseren Einrichtungen nicht vergleichen. Jede Station verfügt in der Regel über zwei Räume; für Männer und Frauen. Es sind aber eher Säle mit vielleicht 50 Betten im Saal. Bei den Kindern müssen sich zwei Kinder samt Mütter ein Bett teilen. Ein Tuch für die Matratze muss jeder selbst mitbringen. Da die Betten nicht reichen, liegen überall zwischen den Betten und auf den Gängen weitere Matratzen auf dem Boden. Die Luft in den Zimmern ist zum Schneiden. Aber niemand klagt.

Den beiden Kleinen mit den Masern geht es deutlich besser. Sie haben Antibiotika per Infusion bekommen, mussten aber extra noch einmal zu uns kommen, um ein Röntgenbild und Blutbild zu machen. Der Aufenthalt im Krankenhaus inclusive Verpflegung und zumindest einiger Medikamente ist kostenlos. Für Laborleistungen müssen Patienten zahlen. Je Schicht sorgen drei Ärzte und vier Krankenschwestern für beispielsweise 172 Kinder. Die Pflege übernehmen Angehörige.

Es fällt mir schwer, diese Bilder aus meinem Kopf zu verbannen. Zum Glück musste ich nur selten Patienten ins Krankenhaus schicken. Doch ich erinnere mich an eine Frau mit heftigen linksseitigen Oberbauchbeschwerden. Wir waren gerade in unserer Sprechstunde im Slum und dort habe ich keinerlei technische Untersuchungsmöglichkeiten. Mir war klar, dass etwas nicht stimmt, und so habe ich sie gleich ins Krankenhaus geschickt. Leider wurde sie nicht aufgenommen und mit Schmerzmitteln und Magentabletten wieder nach Hause geschickt. Sie hatte Vertrauen zu uns und so kam sie am nächsten Tag wieder in unser medizinisches Zentrum. Mittels Ultraschall und EKG musste ich feststellen, dass sie einen akuten ausgedehnten Herzinfarkt erlitten hat. So habe ich sie erneut ins Krankenhaus geschickt.

Diesmal hat man sie behalten und: Sie hat überlebt. Zum Glück!

Als sie das nächst Mal kam, war sie so dankbar.

Diese Erfolge und kleinen Gesten unsere Patienten sind es, die mich meine Arbeit hier trotz aller Widrigkeiten gerne machen lassen. Der Einsatz in Chittagong war für mich emotional der Schwerste bisher. Es ist eine andere Kultur, die Rolle der Frauen in dieser Gesellschaft ist für mich nur schwer zu ertragen.

Dennoch: Es gab auch wunderschöne Stunden. Ich konnte ein wenig von dem „anderen“ Bangladesch erleben. So habe ein Wochenende am weltlängsten Naturstrand in Cox Basar verbracht. Es war schön an der frischen Luft zu sein und im Sand spazieren zu können.

Besonders hat es mir im Nordosten Bangladeschs, in Srimongol, gefallen. Hier konnten wir in einem Naturreservat einige der letzten noch lebenden Hoolook Gibbons beobachten und zwischen Teefeldern und Ananasplantagen spazieren gehen. Wir sind mit dem Zug dorthin gefahren und selbst die sieben Stunden Fahrt waren ein besonderes Erlebnis. Überall die Reisfelder und die kleinen Dörfer. Nie vergessen werde ich meine Einladung zu einer hinduistischen Hochzeit. 1000 Gäste waren geladen. Ich wurde wie ein Ehrengast behandelt. Alles war so farbenfroh und unkompliziert.

Die Braut allerdings wirkte traurig und angespannt. Sie hat ihren Ehemann bisher nur ein einziges Mal sehen dürfen. In Bangladesch werden sämtliche Ehen von den Eltern arrangiert.

Ich könnte noch so viel über das Leben hier in Bangladesch erzählen. Ich musste soviel Armut erleben und habe dennoch auch so viel Schönes erlebt. Ich habe viele liebe Menschen getroffen, die dankbar waren und immer bemüht, uns Weißen zu helfen, wenn sie merkten, dass wir nicht weiter wussten.

Nach diesem vierten Einsatz für die German Doctors brauche ich jetzt ein wenig Zeit, mich zu erholen und für meine Familie da zu sein.

Ich weiß noch nicht, ob ich noch einmal zu einem Einsatz fahren werde. Allerdings haben die German Doctors im Norden der Philippinen ein neues Project bei den Ureinwohnern eröffnet. Das würde mich reizen...

Die Vetschauer Ärztin Ute Arend.
Die Vetschauer Ärztin Ute Arend. FOTO: Ute Arend
Im Nordosten des Landes sind ausgedehnte Teeplantagen zu finden.
Im Nordosten des Landes sind ausgedehnte Teeplantagen zu finden. FOTO: Ute Arend