ANZEIGE
ANZEIGE
ANZEIGE
| 02:47 Uhr

Abrechnung mit fragwürdiger Agrarindustrie

Ute Scheub.
Ute Scheub. FOTO: uhd1
Reuden. "Gruselkabinett Agrarindustrie" ist der Titel einer Ausstellung in Reuden (Stadt Calau). Bei begleitenden Vorträgen oder Buchlesungen sprechen sich Umwelt- und Naturschützer für eine Kehrtwende in der Landwirtschaft aus. Uwe Hegewald / uhd1 uhd1

Der Stolz war Marc Herzer-Kisters anzusehen. Mit Dr. Ute Scheub war es dem dreifachen Familienvater und Mitglied der Bürgerinitiative "Lebenswertes Reuden" gelungen, eine renommierte Politologin und Autorin für eine Lesung zu gewinnen. Sie las aus ihrem Buch "Ackergifte? Nein Danke!" und rechnete schonungslos mit der "Chemieindustrie-Lobby ab, die mit Giften Riesenprofite erzielt".

Scheub berichtete von "Schatten des Todes", die auf Feldern und Farmen liegen und von einer "schleichenden Seuche, die einen bekannten Namen trägt": Krebs. "Die Krebsraten sind in allen westlichen Staaten in die Höhe geschnellt", so die promovierte Politikwissenschaftlerin. "Jede vierte Todesfolge bei Erwachsenen ist auf Krebs zurückzuführen, bei Kindern ist es inzwischen jede fünfte." Sie macht dafür auch den Einsatz von "Agrargiften" verantwortlich. "43 000 Tonnen kommen jährlich auf unsere Äcker. Das entspricht neun Kilogramm Pestizide pro Hektar landwirtschaftlich genutzter Fläche", beklagte sie.

Nach ihrer Erfahrung gebe es "viele Landwirte, die sich scheuen, ihre Bedenken zu teilen oder sich von Bauernverbänden und Behörden allein gelassen fühlen", erzählt sie. Dem gegenüber stünden Menschen, die sich für eine enkeltaugliche Landwirtschaft einsetzen. Scheub verwies auf die Einwohner aus Mals (Südtirol), die ihren Ort zur ersten pestizidfreien Gemeinde Italiens erheben möchten.

In ihrem Buch schildert die Autorin, dass aufgrund des Gifteinsatzes, wie etwa des Totalherbizide Glyphosat, Feldhamster, Rebhühner oder Feldlerchen immer seltener werden, Schwalben ihre Jungen aus den Nestern werfen, weil sie nicht genügend Insekten finden. Sie spricht von einem "stummen Frühling" und sorgt sich, dass "stumme Jahre" folgen könnten. Anhand des Schweizer Insektenforschers Hans Rudolf Herren zeigt Ute Scheub, dass sie mit belastbaren Alternativen aufwarten möchte. Herren, der als Pionier biologischer Schädlingsbekämpfung gilt, bekämpfte in den 1980er-Jahren erfolgreich Schmierläuse, die das in Afrika bedeutende Grundnahrungsmittel Maniok bedrohten. "Er hat entscheidend dazu beigetragen, eine Hungersnot zu verhindern und so rund 20 Millionen Menschen das Leben gerettet", so die Autorin.

Bezüglich einer Wende in der Landwirtschaft zeigt sie sich zuversichtlich. Ihr Protest richte sich nicht gegen konventionelle Bauern, sondern gegen die Bedenkenlosigkeit der Chemiekonzerne. Heiner Lütke-Schwienhorst kann dieser Aussage nur zum Teil folgen. "Konventionelle Betriebe haben es selbst in der Hand, über den Einsatz von Pflanzenschutzmitteln zu befinden. Sie dürfen sich nicht aus der Verantwortung stehlen", bemerkte der Biobauer von der Höfegemeinschaft Gut Ogrosen.

Das Buch "Ackergifte? Nein Danke!" (128 Seiten) kann übers Internet für einen Preis von zehn Euro bezogen werden (gebraucht 5,95 Euro). ISBN: 978-3-927369-87-0.

Zum Thema:
In der "Alten Gaststätte Reuden" wird am heutigen Donnerstag (20 Uhr) Prof. Monika Krüger (Uni Leipzig) zum Vortrag "Das Pflanzengift Glyphosat - Unser täglich Brot" erwartet. Am Samstag, 8. August, (10 Uhr) wird mit dem Privatdozenten und 2. Vorsitzenden des NABU Brandenburg/FU Berlin, Dr. Werner Kratz, eine Feldbegehung vorgenommen. Thema: "Konventioneller Gemüseanbau im Spreewald - wo sind die Probleme für den Umwelt- und Naturschutz und was kann der ökologische Landbau besser."Zum Abschluss der Ausstellung "Gruselkabinett Agrarindustrie" wird am Sonntag, 16. August (Einlass 19 Uhr) der Ökofilm "Farmer John" gezeigt. Der Eintritt zur Ausstellung und zu den Veranstaltungen ist frei. uhd1