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Abgekupfert: Erstaunliches über regionale Kirchenbilder

Hartmut Bott (r.) vom Vorstand des Fördervereins Wendische Kirche bedankt sich bei Rudolf Bönisch für den Vortrag.
Hartmut Bott (r.) vom Vorstand des Fördervereins Wendische Kirche bedankt sich bei Rudolf Bönisch für den Vortrag. FOTO: Peter Becker/peb1
Vetschau. Martin Luther lehnte die Götzen- und Bilderanbetung eigentlich ab, aber beim christlichen Abendmahl schien er zu Zugeständnissen bereit. Den zumeist des Lesens Unkundigen seiner Zeit könnte so das Leiden Christi bildhaft vor Augen gebracht werden, so Luthers belegte Auffassung. Peter Becker / peb1

Das Abendmahl mit seinen zwölf Jüngern, darunter der Verräter Judas Ischariot, steht nach christlichem Glauben für die Kreuzigung und Auferstehung.

Zwischen 1575 und 1745 entstanden Hunderte Abendmahlgemälde, eines der jüngsten in der Kirche Lübbenau. Einer, dem das besonders auffiel, ist der Lübbenauer Rudolf Bönisch. In Großräschen 1953 als Sohn eines Tischlers - und Hobbyforschers - geboren, kam er bei den Reisen seines Vaters Fritz Bönisch durch die Kirchen der Niederlausitz schon als kleiner Junge mit Gemälden, Skulpturen und christlicher Symbolik in Berührung. Doch erst um 2010, Rudolf Bönisch leitete inzwischen die Arbeitsgruppe Geologie bei der LEAG, kam das väterliche Forschungsgen voll zum Ausbruch. Er erinnerte sich besonders an das Bildnis des Judas, des Verräters mit dem Geldsack in der Hand.

"Mich erstaunte, dass der Judas mit seinen roten Haaren und dem gelben Gewand in oft weit voneinander gelegenen Kirchen fast immer so gemalt wurde. Wie ist das möglich, dass verschiedene Maler ihn in verschiedenen Zeiten nahezu gleich darstellten, manchmal auch ganz anders?", fragte er sich.

Der Forscherdrang nahm seinen Lauf, fast alle Kirchen der Niederlausitz und angrenzenden Gebiete wurden aufgesucht und die insgesamt 550 Abendmahlbildnisse abfotografiert. Daheim, am Rechner, wurden die Details vergrößert und miteinander verglichen - Erstaunliches trat zu Tage. "Ich konnte alle Bildnisse letztlich auf etwa sieben Kupferstichvorlagen zurückführen. Diese entstanden nach Gemälden von da Vinci, Cranach, Tizian und anderen bekannten Größen dieser Zeit, die ihre Interpretation der biblischen Geschichte verarbeiteten. Das Thema, das Abendmahl, blieb gleich, die Figuren, wie der Judas, wiesen je nach Maler Unterschiede auf", fasste Bönisch beim Vortrag in Vetschau seine Erkenntnisse zusammen. Die Kupferstecher kopierten die Gemälde. Aus den Stichen konnten oft hunderte Drucke "abgekupfert" werden.

Von den regionalen Malern, wie etwa dem Lübbener Michael Scharbe (1650 - 1723), konnte nun von der "Kopie" erneut eine "Kopie" des Abendmahlgemäldes angefertigt werden. Dass es dabei Unterschiede in der Qualität und Detailtreue geben musste, liegt je nach Maltalent und -vorlage, dem Kupferstich, auf der Hand - die "Handschrift" des Malers eben.

Gut drei Dutzend Zuhörer in der Vetschauer wendischen Kirche lauschten in dem wegen der besseren Beamerprojektion abgedunkelten Gotteshaus der Bönisch-Stimme, die aus der Dunkelheit die Fotokopien der Gemälde erläuterte.

Die Gäste der Veranstaltung wurden auf eine Reise durch die Kirchen der Niederlausitz ebenso mitgenommen wie in eine Zeit, in der das Kopieren schwer war und zu "Fehlern" führte, die objektiv bedingt waren. Rudolf Bönisch wunderte sich, dass gerade in der Vetschauer deutschen Kirche kein Abendmahlgemälde zu sehen ist.

"Ich will das nicht ganz glauben, denn der Altar ist von 1693 und wäre bestens dafür geeignet gewesen. Wer weiß, vielleicht finden es einmal die Restauratoren unter den dicken Farbschichten", erwähnte er eher beiläufig.

Aber gerade dieser beiläufige Satz enthielt eine wichtige Information für die Vetschauer. Lony Lieschewsky nach dem Vortrag: "Wir haben den erst 1989 restaurierten Altar, damals erbaut von Jäger aus Doberlug, noch nicht zeitlich einordnen können, heute erfahren wir das eher zufällig. Dafür sind wir Ihnen sehr dankbar."