Von Daniel Preikschat

Lübbenau, Flensburg, Neunkirchen und Dresden haben seit Kurzem etwas gemeinsam. Alle vier Städte sind zu „Utopolis“-Städten erklärt worden. Bedeutet, sie werden seit September und noch bis Dezember 2023 vom Bund dabei unterstützt, Bürger in den Wohnquartieren mehr als bisher an Kunst und Kultur teilhaben zu lassen. Was abstrakt klingt, versuchte Frank Thorhauer vom Kulturhof in Lübbenau, diese Woche im Fachausschuss für Bildung, Kultur, Jugend und Sport begreiflich zu machen.

Dabei wurde deutlich, dass Kunst und Kultur nicht mehr länger nur von Bunter Bühne, Lübbenaubrücke, Bibliothek oder eben dem Kulturhof in die Neustadt hineingetragen werden sollen. Die Neustädter sollen Kunst und Kultur selbst erschaffen, nach dem Motto. „kultur.lokal.machen“. Entsprechend hat der Kulturhof auch sein Projekt genannt, das er beim Utopolis-Fachbeirat erfolgreich beantragt hat.

Wobei es Hilfsmittel gibt, die eigenen Ideen und Vorstellungen aus den Neustädtern herauszukitzeln. Thorhauer nannte hier den „Neustadtwagen“. Worunter ein Lastenfahrrad zu verstehen ist mit Ausstattung zum Selber-Filmemachen. In Lübbenau gebe es ein Jugendtheater, warum nicht auch ein Theater für Ältere. Es sollen aber auch Musiker in Privaträume kommen können, um mit den Bewohnern Musik zu machen. Auch denkbar: eine Literaturwerkstatt, in der Bewohner der Neustadt eigene Texte lesen. Weitere Ideen: Wünschewerkstätten in leer stehenden Geschäftsräumen, eine „Tafel für alle“, in der gemeinsam gekocht und gespeist wird.

Es sei eben wichtig, erst mal herauszufinden, was die Neustädter wollen. Eine Ideen-Schmiede mit Vertretern der Vermieter WIS und GWG, der Lübbenaubrücke oder auch der AWO und Caritas könnte helfen. Die Fäden in der Hand halten bei dem Projekt indes soll eine hauptamtliche Kraft, die auch schon gefunden ist, so Thorhauer. Daria Rüttimann, Fachfrau für visuelle Kommunikation, besetzt eine 30 Stunden-Stelle, die der Fördermittelgeber finanziert. Insgesamt, so Thorhauer auf Nachfrage im Ausschuss, stelle der Bund 440 000 Euro bis Ende 2023 zur Verfügung.

Erste Reaktionen bei Abgeordneten und sachkundigen Einwohnern waren unterschiedlich. Das Wort „genial“ fiel, Ausschussvorsitzender Marian von Stürmer (AfD) indes schlug vor, erst mal die bestehenden Kultureinrichtungen voll auszulasten. Seine Frage, warum nur die Neustadt so unterstützt werde, beantwortete der stellvertretende Bürgermeister Reiner Schamberg. Da die Neustadt einst „sozialer Brennpunkt“ war mit einer Arbeitslosenquote von 20 Prozent, profitiere sie bis heute vom Städtebauförderprogramm „Soziale Stadt“. Auch in ländlichen Regionen, so die Idee damals, sollten besonders vom Strukturwandel gebeutelte Wohngebiete unterstützt werden. Das Miteinander zu stärken und das Verständnis füreinander durch Soziokultur im Quartier sei nach wie vor das Anliegen, auch beim Utopolis-Modellvorhaben. Vor allem in der Neustadt und wohl weniger in der Altstadt oder in den Ortsteilen, so Schamberg, dürften heute beispielsweise viele der oft polnischstämmigen Kaufland-Logistiker leben oder Neu-Lübbenauer aus Syrien.

Frank Thorhauer kündigte an, dass weiter informiert werde. Darum gehe es jetzt zunächst mal. Im nächsten Jahr, so der geplante Ablauf, sollten erste Teilprojekte starten, 2022 Kooperationen aufgebaut werden. 2023 könnte eine künstlerische Dokumentation entstehen.