Von Daniel Preikschat

Menschen mit Koffern werden sich am kommenden Freitag auf dem Außengelände des Kulturzentrums Gleis 3 einfinden. Nur ein paar Meter entfernt vom Bahnhof Lübbenau auf der gegenüberliegenden Seite der Gleise. Hier könnten sie vor Kurzem angereist sein. Aus fernen Ländern kommend vielleicht, ihr fremdländisches Aussehen zumindest könnte darauf schließen lassen.

Tatsächlich jedoch wird es sich um fünf Tänzer der Tanzkompanie golde g. aus Cottbus handeln, die ein 60-minütiges Stück namens „In Zeiten wie diesen...“ zeigen. Die Choreografie reflektiert die Lebenssituation, den Alltag in südbrandenburgischen Provinzstädten, erklärt Tanzkompaniegründerin Golde Grunske. Gezeigt wurden die symbolkräftigen getanzten Bilder bereits in Forst, Hoyerswerda, Cottbus, Großräschen und Guben. Diese Woche ist Lübbenau dran, in der darauffolgenden Woche abschließend noch Luckau.

Golde Grunske selbst hat in Cotbus rund 50 Interviews mit Menschen verschiedenen Alters und verschiedener Herkunft geführt. Umgetrieben hatten die Künstlerin die fremdenfeindlichen, teils rassistischen Stimmungen in ihrer Wahlheimat Cottbus, aber auch die kontroversen Diskussionen über den Strukturwandel wegen des bevorstehenden Ausstiegs aus der Kohleverstromung. Fragen, die sie unter anderem stellte: Was ist für dich Heimat? Wie stellst du dir einen respektvollen Umgang miteinander vor? Spielt der Strukturwandel für dich eine besondere Rolle? Hast du selbst Krieg und/oder Vertreibung oder ähnliche Situationen erlebt?

Die Fülle der Antworten hat die Choreografin zu einem zeitgenössischen Tanz verarbeitet, der möglichst viele Menschen erreichen, bei ihnen Reaktionen und Emotionen auslösen will. Deshalb auch, so die 1975 in Leipzig geborene Tänzerin, wollte sie ihre Choreografie am liebsten im öffentlichen Raum zeigen, an möglichst belebten zentralen Plätzen in mehreren Städten Südbrandenburgs.

Nicht in jeder der genannten Städte ließ sich das bisher auch so umsetzen. In Cottbus etwa musste eine der Aufführungen wegen Regens im Stadthaus stattfinden. Statt in Großräschen am IBA-Studierhaus hätte Golde Grunske lieber im größeren Senftenberg tanzen lassen. In Lübbenau zeigte man sich dem Vorhaben im Rathaus aufgeschlossen, erzählt die Wahl-Cottbuserin. Den Kirchplatz in der Altstadt kannte sie schon, da ihre Kompanie dort die Tanzperformance für das Spreewaldatelier beigesteuert hatte. Den Kirchplatz habe ihr die Stadt dann zwar leider nicht anbieten können. Doch der Platz am Gleis 3 sei auch sehr schön und am 18. Oktober wegen des Herbstfestes sicher belebt. Davon geht auch Rathaus-Mitabeiterin Johanna Beuckert aus: „Die Tanzperformance soll das Highlight unseres Herbstfestes in der Interkulturellen Woche sein.“

Einmal wurde am Gleis 3 auch schon geprobt. Der Untergrund sei o.k. für die Tänzer, der Platz ausreichend groß, sagt die Choreografin. Um eine etwa zehn mal zehn Meter große Fläche herum wolle man noch Sitzbänke aufstellen. Für den Freitag selbst sei noch eine Generalprobe geplant. Dann gehe es um 17 Uhr los. Der Tanz wird musikalisch begleitet von Javid Kooravand und Konrad Jende, die Setar und Konga spielen.

Nach der Performance bietet Golde Grunske ein Gespräch an mit den Zuschauern. Ein Angebot, das in den anderen Städten gern wahrgenommen wurde. Zumeist, so die Cottbuserin, wertschätzten die Zuschauer, dass sich hier Künstler ernsthaft an ihrer konkreten Lebenssituation und Geschichte interessiert zeigen. Ältere Menschen fühlten sich auch an ihre Kriegs- oder Vertreibungserfahrungen erinnert. In Cottbus gab es unter dem Sachsendorf-Zelt jedoch auch rechte Störrufe. Sogar eine Plastikflasche flog auf die Tanzfläche. Umso positiver war, dass sich die meisten Zuschauer schützend um die Tänzer stellten.

Die Reaktionen, Hinweise und Äußerungen nach den Vorführungen möchte Golde Grunske wiederum in einer Choreografie verarbeiten. „Vielleicht“, sagt sie, „gibt es ja im nächsten Jahr eine zweite Staffel von ,In Zeiten wie diesen’...“ Vielleicht auch wieder zu sehen in Lübbenau.