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| 02:43 Uhr

Zur Feier des Unterschieds

Musiker um Oud-Spieler Nabil Arbaain umrahmen den Eröffnungstag von Rohkunstbau im Schloss Lieberose. Hier im Raum mit der Arbeit "Imaginary Friends", ausgedachte Freunde, von Jeanno Gaussi aus Afghanistan. Die Eröffnung wurde von einem Kunstmarkt auf dem Schlossgelände begleitet.
Musiker um Oud-Spieler Nabil Arbaain umrahmen den Eröffnungstag von Rohkunstbau im Schloss Lieberose. Hier im Raum mit der Arbeit "Imaginary Friends", ausgedachte Freunde, von Jeanno Gaussi aus Afghanistan. Die Eröffnung wurde von einem Kunstmarkt auf dem Schlossgelände begleitet. FOTO: Schirling
Lieberose. Ein farbenfrohes Fabelwesen tanzt im Schloss, schaut selbstvergessen in den Park. Ob es weiß, dass es mit seinen bunten Farben, seinem langen Hals, der wackligen Pirouette einen frappierenden Kontrast zu den geraden Wegen und den akkurat geschnittenen Buchbaumkugeln bildet? Zwei glänzende Ritter umkreisen sich, ihre Pferde beäugen sich kritisch. Ingvil Schirling

Die Figuren sehen sich ähnlich. Sie halten zwei Enden desselben Banners. Ziehen sie gleich gemeinsam in die Schlacht? Oder gehen sie mit Wucht aufeinander los?

Charaktere wie diese beleben bis September das Lieberoser Schloss. Sie sind Teil der XXIII. Rohkunstbau-Ausstellung, die unter dem Titel "The Beauty of Difference - die Schönheit im Anderen" am Samstag eröffnet worden ist.

Diese "motiviert zu einer positiven Auseinandersetzung mit der Integration Geflüchteter", sagte Brandenburgs Kulturministerin Martina Münch (SPD) während der Eröffnung. Sie motiviere aber auch "zu Weltoffenheit und einem positiven Blick auf Anderssein".

Wer weiß schon am Ende, was das tanzende Fabelwesen wirklich denkt, wie die Geschichte der beiden Ritter ausgehen mag oder was im Kopf des Künstlers vorging, als er diese Persönlichkeiten schuf. Darauf kommt es auch nicht an. Entscheidend ist, was ihr Anblick im Betrachter zum Klingen bringt. "You are what you see - you see what you are", schreibt ein von Geisterhand geführter Füllfederhalter im Inneren eines muschelbesetzten Kopfes auf kariertes Papier. Der "Vodunaut", so heißt die Arbeit des 1979 geborenen Emo de Medeiros, hält uns den Spiegel vor. Wir sind, was wir sehen, und wir sehen, was wir sind - so ziehen wir unsere Kreise und graben uns dabei womöglich immer tiefer ein. Die Künstler setzen Fragen dagegen, machen Vorschläge für andere, ganz andere Sichtweisen.

"Imaginary Friends", ausgedachte Freunde, hängt beispielsweise Jeanno Gaussi (1973, Afghanistan) in einen der Gewölbesäle. In der Ecke sitzt Oud-Spieler Nabil Arbaain mit seiner arabischen Laute, begleitet von Flöte und Percussion, und bringt wunderbare Schwingungen in diesen Raum. So fremd die Gebilde aus Holz, Baumwolle und Plastik sein mögen - sie wirken wie Zuhörer der Musik, die miteinander in Kontakt sind.

Und das Lieberoser Schloss spielt mit. Seit der Aquamediale-Sommernacht 2016 weiter gealtert, fällt noch mehr Putz von den Wänden, sind Wege gesperrt, begegnet dem Gast der Charme des Verfalls, die Erinnerung an die Vergänglichkeit an jeder Ecke. Der Kontrast zu den frisch aufpolierten Kunstwerken ist manchmal groß, erweitert um eine Doppelbödigkeit im möglichen Bedeutungsspektrum.

LDS-Kulturdezernent Carsten Saß erinnerte daran, dass Kunst seit 2015 regelmäßig ehemalige Herrenhäuser in der Region aufschließt, beginnend in jenem Sommer mit Golßen. "Letztlich stärkt es die Region, stärken wir damit die Region", begründete er. "Wir können nicht darauf setzen, dass Oberzentren als Ankerpunkte hierher ausstrahlen, sondern es ist wichtig, dass diese Orte selbst zu Ankerpunkten werden, und das ist sicher hier gegeben."

Ganz leicht machte es das Schloss der Ausstellung allerdings nicht, ging aus den Äußerungen von Inka Thunecke als Geschäftsführerin der Heinrich-Böll-Stiftung in Brandenburg hervor, unter deren Dach Rohkunstbau angesiedelt ist. Handwerker aus Lieberose und Umgebung halfen beispielsweise bei der Stromversorgung für einige Kunstwerke, "ein professionelles Provisorium herzustellen", formulierte sie. Es gab weitere Helfer aus der Region, ergänzte Lieberose-Oberspreewalds Amtsdirektor Bernd Boschan im Gespräch mit der LR und nannte neben der Feuerwehr auch den Förderverein.

Sehr verschiedene Akteure trugen also dazu bei, dass die Besucher bis 10. September die Schönheit im Anderen feiern dürfen. Vielleicht geht es ihnen wie dem Künstler Simon English, 1959 in England geboren: "Unterschiedlichkeit ist ein ausgesprochen wichtiger Teil meiner Arbeit", sagte er während der Eröffnung. "Teil einer Ausstellung zu sein, die an diesem Ort die Verschiedenartigkeit feiert, nährt mich als Künstler."

Zum Thema:
ist Mark Gisbourne, Vorsitzender des Vereins Freunde des Rohkunstbau Arvid Boellert. Geöffnet ist die Ausstellung samstags und sonntags von 12 bis 18 Uhr. www.rohkunstbau.de www.lieberose-niederlausitz.de