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| 18:04 Uhr

Weltflüchtlingstag
„Es sind Struktur und Stabilität eingekehrt“

Anna Lorej und Elisa Molla betreuen Geflüchtete im Lübbener Übergangsheim. Zum Tag des Flüchtlings ziehen sie Bilanz über ihre Erfahrungen in den vergangenen dreieinhalb Jahren.
Anna Lorej und Elisa Molla betreuen Geflüchtete im Lübbener Übergangsheim. Zum Tag des Flüchtlings ziehen sie Bilanz über ihre Erfahrungen in den vergangenen dreieinhalb Jahren. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Lübben. Morgen ist Weltflüchtlingstag der Vereinten Nationen. Das Übergangswohnheim in Lübben gibt es seit dreieinhalb Jahren – eine Bilanz. Von Ingvil Schirling

„Ich bin sehr zufrieden damit, dass Ruhe und klare Strukturen eingekehrt sind.“ Mit diesem Satz bringt Anna Lorej die Entwicklung von dreieinhalb Jahren in der  Lübbener Unterkunft an der Jahn-Straße auf den Punkt. „Diese Stabilität ist für die Bewohner wichtig – auch, um sich durch den Dschungel der Anforderungen bei den Behörden zu finden.“

Besonders froh ist die Leiterin der Einrichtung über den Aufbau eines festen Netzwerks in der Spreewaldstadt. „In Lübben gibt es alles“, sagt sie, „vor allem ein funktionierendes Netzwerk und eine gute Zusammenarbeit mit allen“. Bestes Beispiel sei das Sommerfest, das am 1. Juli stattfindet und nicht nur vom Übergangswohnheim und seinen Bewohnern, sondern vom Netzwerk „Miteinander für Lübben“ organisiert wird.

Im Februar 2015 wurde das jetzige Übergangswohnheim geöffnet, um Geflüchtete unterzubringen. Der Schwerpunkt lag damals auf der Beherbergung von Familien. Zuvor war es ein Lehrlingswohnheim gewesen. Es war die Zeit, in der immer mehr Menschen auf die Flucht gingen, auch nach Deutschland. 54 Plätze wurden zunächst eingerichtet. Doch der Landkreis stand unter großem Druck, mehr und mehr Geflüchtete aufzunehmen. Im Oktober wurde das zweite Haus, bis dahin Kreisbildstelle, hinzugenommen. 30 weitere Plätze entstanden, und dort zogen zunächst vor allem junge Männer ein.

„Natürlich waren wir am Anfang vorsichtig, aber sämtliche Befürchtungen haben sich nicht bestätigt. Schwierige Fälle hatten wir zwar, doch das waren Einzelfälle“, sagt Elisa Molla, die als Sozialarbeiterin bei der Betreuung der Bewohner mitarbeitet. „Wir hatten zudem immer Unterstützung von anderen Männern.“

Weit mehr beschäftigte die beiden, dass zu Anfang der Aufnahme Geflüchteter große Unsicherheit herrschte – bei allen Beteiligten, wie so oft, wenn etwas Neues bewältigt werden muss. „Am Anfang war alles neu und schwierig“, erinnert sich Elisa Molla. „Jetzt sind die Dinge geregelt, wir kennen die Leute und Wege, alles funktioniert komplikationslos.“

Während sie das sagt, herrscht Stille auf den Fluren der beiden Etagen. Es ist das genaue Gegenteil der Gesprächssituationen aus der Anfangszeit. Keine fünf Minuten vergingen, ohne dass ein Bewohner den Kopf ins Büro steckte, mehr oder weniger aufgeregt in der einen oder anderen Sprache wichtige Fragen stellte. „Alle sind bei der Arbeit, machen einen Sprachkurs oder ein Praktikum“, kommentiert Elisa Molla die vormittägliche Ruhe.

Zwei Anbieter für Sprachkurse gibt es, ergänzt Anna Lorej, die dort vor Ort stattfinden. Eine Dozentin der Volkshochschule Dahme-Spreewald kommt dreimal pro Woche in die Gemeinschaftsunterkunft für diejenigen, die nicht dort hinfahren können. Alphabetisierung und Sprache stehen auf dem Stundenplan. „Und das ist gut besucht“, sagt Elisa Molla.

Die Bandbreite der gefundenen Arbeit, Praktika und Ausbildungen ist groß. Zwei Beispiele: Ein junger syrischer Zahnarzt arbeitet inzwischen in einer Lübbener Praxis und strebt seine Approbation an. Ein ungelernter Arbeiter ohne Schulabschluss, der mit seiner Frau und drei Kindern ankam und im Heim lebt, fährt jeden Tag in einen Landwirtschaftsbetrieb.

Rund 300 Menschen, schätzt Anna Lorej ein, haben seit Anfang 2015 in dem Übergangswohnheim eine Zuflucht gefunden, mancher kürzer, manche länger. Im Lauf des Jahres 2017 kamen immer weniger. Heute gibt es kaum noch Neulinge, und wenn, dann sind es Umverteilungen aufgrund von neuer Arbeit oder Ausbildung. Voll belegt sind die beiden Häuser nicht.

Mit Unterstützung von Anna Lorej, Elisa Molla und vielen weiteren Helfern müssen die Neuankömmlinge ihren Weg zu Ausbildung und Arbeit selbst finden. „Wir helfen, aber die Ideen müssen sie selbst bringen.“ Die werden besprochen und mit Hilfe von Beratungsstellen konkretisiert. Die Kinder, sind sich beide einig, haben es am leichtesten, sich in das neue Leben einzufinden. Über sie laufe sehr häufig die Integration.

„Für die jungen Leute gibt es viel Hoffnung“, heißt es. Ein bisschen schwieriger werde es für die älteren ab etwa 40 Jahren, die sich mit dem Sprachenlernen schwerer tun und auch oft schon eigene Berufe haben, sich eine dreijährige Ausbildung manchmal nicht gleich vorstellen können. Eine Zukunft gebe es nur für die gut Ausgebildeten – und das würden nicht alle gleich verstehen. Anna Lorej aber erzählt von einem Fall, in dem ein Junge eine Klasse wiederholen musste. „Danach reichte es ihm, und er hat sich richtig angestrengt“, sagt sie. „Ich freue mich für jeden Menschen, auch über kleine Erfolge“, sagt Elisa Molla.

Präsent sind beiden zudem die Feste. Einen Höhepunkt mit dem ersten großen Auftritt nach draußen habe es Ende Mai 2016 gegeben beim Familienfest in der Breiten Straße. „Wir waren mitten in der Stadt, alle zusammen und konnten das vorstellen, was anders und schön ist“, sagt Elisa Molla. Arabischer Kaffee und Leckereien, die Aufgabe, seinen eigenen, deutschen Namen auf arabisch zu schreiben (gar nicht so einfach) – Anknüpfungspunkte für Begegnungen gab es zahllose. Kein Krümel Essen sei übrig geblieben, erinnern sich die beiden schmunzelnd.

Oder das Kahnstechen im August 2016, bei dem Anna Lorej die Trommlerin war. „Es war eine Herausforderung ein Team zusammenzustellen“, erinnert sie sich. „Man braucht große, starke Männer, und wir hatten gar nicht so viele.“

Zweimal durfte trainiert werden. Sie starteten an der Brücke nahe dem Lübbener Gymnasium. „Ich war zuerst eine sehr schlechte Trommlerin, und ein Gast auf der Restaurantterrasse kommentierte das. Aber ich konnte ja noch einmal üben.“ Am Ende wurde es eine „sehr coole“ Erfahrung.

Dreieinhalb Jahre nach dem Beginn der Unterbringung Geflüchteter in dem Komplex bilanzieren beide übereinstimmend: „Ich würde es genauso wieder machen.“ Auch unter den Geflüchteten würden viele sagen: „In Lübben ist es eigentlich schön.“