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| 13:24 Uhr

Lübben/Hohendorf
Wühlen im Humus der Historie

Micha Brendel (vorne links) aus Hohendorf bei Golßen stellt seit dieser Woche im Lübbener Landratsamt aus. Unter dem Titel „täglich alphabeten“ beschäftigt er sich mit Schrift.
Micha Brendel (vorne links) aus Hohendorf bei Golßen stellt seit dieser Woche im Lübbener Landratsamt aus. Unter dem Titel „täglich alphabeten“ beschäftigt er sich mit Schrift. FOTO: LR / Ingvil Schirling
Lübben/Hohendorf. Micha Brendel stellt Arbeiten zum Thema Schrift in Lübben aus. Von Ingvil Schirling

Wenn Micha Brendel etwas macht, dann gründlich. Der Künstler aus Hohendorf bei Golßen liebt es, ein Thema zu durchdringen und bis in die kleinsten Verästelungen, bis ins Abwegige zu bespielen. Seine aktuellen Arbeiten zum Thema Schrift sind seit Mittwoch in der Flurgalerie „Horizontale“ des Lübbener Landratsamtes zu sehen. Unter dem Titel „täglich alphabeten“ ist Tiefgründiges und Witziges, Kommentierendes und Faszinierendes entstanden.

Da wäre zum Beispiel die Arbeit „Aktengelage“, aufgehängt in den Fluren eines Verwaltungsgebäudes eine kleine Provokation. Buchstaben um Buchstaben, völlig inhaltsentleert, kommen dem Betrachter entgegen, in Schwarz und Rot sich ergießend, scheinbar ohne Bezug zur Wirklichkeit, in der Masse aber so überwältigend, als wolle die schiere Anzahl den Inhaltsmangel übertönen.

Oder die „Fluchtgedanken“: In der Mitte ein beigefarbener, kreisförmiger Fleck, von dem aus winzig kleine Buchstaben zentrifugieren. Kreisen die Gedanken um andere Themen, weg vom Unsäglichen, Unsagbaren? Und warum befindet sich im Zentrum des Bildes kein einziges Wort?

Derlei sind die Fragen, die man sich als Betrachter der Bilder stellen kann. „Was mich an den 5000 Jahren der Schrift interessiert“, sagt Micha Brendel, „ist, wie einerseits ein hoher Abstraktionsgrad erreicht wurde, andererseits die Bildsprache erhalten blieb“, nennt er Beispiele aus verschiedenen Kulturen. Dabei entwickelt sich die computerbasierte Spracherkennung rasant, sodass die Schrift möglicherweise irgendwann nicht mehr gebraucht werde. Zwischen diesen beiden Polen – der reichen Kulturgeschichte der Schrift und ihrem „langsamen Verdämmern“ – bewegt sich der Künstler.

Micha Brendel nimmt Zeichen in sich auf, empfindet sie nach, ohne ihren Inhalt bedeutsam werden zu lassen, und lässt so aus Schrift ein Bild entstehen. Eines, das auch emotionale Strömungen wiedergibt, mit am stärksten ausgeprägt durch zwei Arbeiten mit dem Schrifttyp Schaftstiefelgrotesk, unverkennbar aus der Zeit des Nationalsozialismus, Aggressivität ausstrahlend und anprangernd.

Die Werke spielen damit, „dass wir es so gewohnt sind, Schrift zu entziffern“, sagt Micha Brendel. Unwillkürlich nähert sich der Betrachter dem Bild, versucht zu lesen, ist irritiert, schüttelt den Kopf, lacht – so kommt Interaktion zustande.

Zu jedem Werk gibt es einen Titel. „Darauf lege ich großen Wert“, betont er im Künstlergespräch mit Kulturdezernent Carsten Saß (CDU) zur Eröffnung. „Damit versuche ich, das, was sich auf dem Blatt entwickelt hat und aufspannt, emotional zu fassen, spiele mit der Welt des Sprache, der Schrift, des Schreibens.“ Heraus kommen Titel wie „Ohr Akel“ und andere Wortspiele.

Grundlage für alles ist ein intensives Studium der Kulturgeschichte. „Historisches zu kennen, ist für mich ganz wichtig. Es ist wie der Humus, in dem ich wühle.“ Was daraus erwachsen ist, lässt sich in den Räumen der Landkreisverwaltung an der Lübbener Reutergasse 12 bis zum 3. Oktober besichtigen.