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| 18:00 Uhr

Vor 100 Jahren endete der Erste Weltkrieg
Alle hatten einen Namen

Am Gräberfeld des deutschen Soldatenfriedhofs in Vladslo (Belgien/Westflandern) steht die Skulptur „Trauerndes Elternpaar“ von Käthe Kollwitz. Mehrere Jahre setzte sich die Künstlerin mit dem Thema auseinander, ihr einziger Sohn Peter fiel 1914 im Ersten Weltkrieg.
Am Gräberfeld des deutschen Soldatenfriedhofs in Vladslo (Belgien/Westflandern) steht die Skulptur „Trauerndes Elternpaar“ von Käthe Kollwitz. Mehrere Jahre setzte sich die Künstlerin mit dem Thema auseinander, ihr einziger Sohn Peter fiel 1914 im Ersten Weltkrieg. FOTO: Wolfgang Klaue
Lieberose/Cottbus. Wolfgang Klaue forscht nach den Schicksalen von deutschen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Von Ingrid Hoberg

Wie viele Generationen braucht es, ehe ein Mensch in seiner Familie vergessen ist? Wolfgang Klaue weiß wenig über seinen Großvater, der 1961 gestorben ist. Der in Lieberose Geborene war damals selbst noch ein Kind, gerade fünf Jahre alt. Heute lebt er in Cottbus und wollte gern seiner Familie mehr von der eigenen Geschichte vermitteln. So begann er nachzuforschen.

Die Generation seines Großvaters gehörte zu denen, die den Ersten Weltkrieg erlebte und oft nicht überlebte. „Mein Großvater war auch Soldat, er ist wiedergekommen. Doch sein Cousin aus Hollbrunn ist in Frankreich gefallen“, hat Wolfgang Klaue recherchiert. Vor kurzem hat er auch das Grab seines Berliner Urgroßvaters lokalisieren können, der im August 1915 kurz vor der heutigen weißrussischen Grenze gefallen war. Und er ist bei seinen Nachforschungen nicht bei seiner Familie stehengeblieben, er hat umfangreiches Material über Lieberoser gesammelt. „Der erste Lieberoser Gefallene des Ersten Weltkriegs war Arthur Hans Walter Hille, Sohn des Kaufmanns Otto Hille und seiner Frau Marie“, sagt er. „Arthur Hille war Unteroffizier in der dritten Kompagnie des 5. Ostpreußischen Infanterie-Regiments Nr. 41 aus Tilsit. Er kehrte von einer Patrouille am 28. August 1914 in der Nähe des Ortes Malgaofen nicht mehr zurück und galt seitdem als vermisst“, sagt Wolfgang Klaue. Das Vorwerk lag in den Wäldern Masurens. Ein Grab konnte nicht zugeordnet werden. Das hat er recherchiert.

„Eine Tafel in der Ruine der Stadtkirche Lieberose zeigt 59 mehr oder weniger lesbare Namen von Gefallenen, die damals zur Kirchengemeinde gehörten. Hinzu kommen 60 Namen der Gefallenen der Landgemeinde – also aus den umliegenden Dörfern“, so der Familien- und Heimatforscher. Doch ein Anspruch auf Vollständigkeit könne nicht erhoben werden. Das sei schon nicht bei der Herausgabe des Lübbener Heimatkalenders 1920 gelungen, in dem eine Liste der Gefallenen veröffentlicht worden war.

Doch damit hat sich Wolfgang Klaue nicht abgefunden. Er begann, in Archiven zu forschen. Eigentlich wären alle Angaben in den Akten des preußischen Heeresarchivs zu finden – auch die Stammrollen aller preußischen Soldaten des Ersten Weltkriegs. Doch im April 1945 wurden bei einem Luftangriff auf Potsdam fast alle Akten der Preußischen Armee vernichtet, die nicht zuvor ausgelagert worden waren. „Als einzige Quelle verbleibt neben lokalen Publikationen das Armee-Verordnungsblatt“, sagt Wolfgang Klaue. Seit Kriegsbeginn seien zunächst monatlich, später häufiger, Verwundeten- und Gefallenenlisten veröffentlicht worden. Inzwischen seien diese Listen im Internet für eine Online-Recherche verfügbar – ebenso könne die Universität in Posnan (Polen) angefragt werden. Doch auch im Kreisarchiv Luckau gebe es Personen- und Sterberegister, die zu Rate gezogen werden können. „Da ist allerdings die alte Schrift oft ein Problem“, stellt er fest.

Der Volksbund Deutsche Kriegsgräberfürsorge ist ein wichtiger Ansprechpartner. „Wir erhalten immer wieder Anfragen zu Toten aus dem Ersten Weltkrieg“, sagt Pressesprecherin Diane Tempel-Bornett. Der Bund kümmert sich um die Pflege von Kriegsgräbern im Ausland unter dem Motto „Versöhnung über den Gräbern – Arbeit für den Frieden“.

Oliver Breithaupt, Landesgeschäftsführer Volksbund Brandenburg, kennt solche Anfragen und das Bedürfnis der Menschen, auch heute noch den familiären Bindungen nachzugehen. Und er verweist auf eine „Trauer ohne Tote“, denn die Fronten verliefen außerhalb der damaligen Reichsgrenzen. Dort sind auch heute noch Gräber, gepflegte wie verfallene Friedhöfe zu finden. Die meisten Denkmale sind in den 1920er-Jahren gebaut worden. „Es handelt sich auch um die Kultur dieser Zeit, die sich in den verwendeten Symbolen und in der bildhauerischen Umsetzung zeigt“, sagt er und verweist auf die Skulptur „Trauerndes Elternpaar“, die Käthe Kollwitz ihrem 1914 gefallenen Sohn Peter widmete. Die zweiteilige Figurengruppe befindet sich auf dem Gräberfeld des deutschen Soldatenfriedhofs in Vladslo (Belgien/Westflandern).

„Die Denkmale, die damals in vielen Orten errichtet wurden – finanziert überwiegend aus Spendengeldern – stellen ein Stück Identität mit der Heimat her“, sagt Oliver Breithaupt. So habe es nach der Wende auch viele lokale Initiativen gegeben, diese Denkmale wieder zu restaurieren. „Jedes Denkmal ist ein Stück Zeitgeschichte“, betont er. Zur Erinnerungskultur der 1920er-Jahre gehört auch der Volkstrauertag, der 1919 vom Volksbund vorgeschlagen und 1925 zum ersten Mal begangen wurde.

Wolfgang Klaue, der bei seinen Urlaubsreisen durch Europa immer wieder auch Friedhöfe mit Gräbern deutscher Soldaten besucht, ist bewegt: „Alle hatten einen Namen, hatten Familien.“ Ob noch Grabstätten zu finden sind, hängt von vielen Faktoren ab – vom Kriegsschauplatz, vom Zustand der Gräber damals, von der Pflege der Friedhöfe bis heute. So hat er recherchiert, dass Karl Gustav Boschan aus Groß Liebitz, Sohn des Lehrers Carl Boschan und seiner Frau Johanna, am 24. November 1914 beim Dorf Wszeling (heute Wszeliwy ) kurz vor der Weichsel gefallen war. „Der Friedhof existiert noch, Grabsteine sind jedoch nicht erhalten, das Areal ist verwahrlost“, sagt er. Der Friedhof des Feldlazaretts, in dem Kurt Thielemann am 6. Dezember 1914 starb, wird wieder gepflegt, doch es seien nur noch wenige Namen auf den Betontafeln lesbar.

Beim Umgang mit den Zeugnissen der Geschichte muss nicht andernorts auf Nachholbedarf geschaut werden. Wolfgang Klaue verweist darauf, dass es in Cottbus während des Ersten Weltkriegs zwei Gefangenenlager gegeben hatte. In Sielow auf der Rennbahn waren zum größten Teil russische Kriegsgefangene untergebracht. „Es gab mehr als 500 Tote“, sagt er. Daran erinnere heute keine Tafel, kein Stein. Nicht einmal in der Bodendenkmalliste der Stadt sei die Fläche des Gefangenenfriedhofs noch verzeichnet. „Schon im Versailler Vertrag von 1919 ist unbeschränktes Ruherecht für die Gräber festgelegt worden, zuletzt 1992 aktualisiert im deutsch-russischen Kriegsgräberabkommen“, stellt er fest.

„In Merzdorf gibt es noch einen Friedhof – zwischen Bauschutt und Schrott. Dorthin kann die Stadt keinen Vertreter einer Partnerstadt bei einem Besuch in Cottbus führen“, stellt Wolfgang Klaue fest. Auf einem Grab habe jemand ein Abzeichen der Sowjetarmee abgelegt. „Das ist doch ein Zeichen, dass noch an die Toten gedacht wird.“

Für das Lieberoser Stadtjournal hat Wolfgang Klaue einmal aufgeschrieben, welche Informationen er zu den Lieberoser Gefallenen des Ersten Weltkriegs zusammengetragen hat. Er könnte sich vorstellen, dieses Wissen dort an jüngere Generationen heranzutragen – an Schulen oder anderen Einrichtungen.