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| 17:07 Uhr

Diskussion um Wohnungen
Wohnraum fehlt – warum Abriss?

Lübben. Abriss dreier Mehrgeschosser in Lübben-Nord treibt RUNDSCHAU-Leser noch immer um.

Im Jahr 2015 hat eine Abrissbirne drei „Neubauten“ aus der Wendezeit in Lübben-Nord klein gemacht. 104 Wohnungen am Eichengrund lagen in Schutt und Asche. Angesichts der Diskussion um Wohnungsmangel kommt die Frage nach dem „Warum“ des Abrisseshoch. RUNDSCHAU-Leser Siegfried Grohmann treibt die Frage um. Bei „Anruf Reporter“ sagte er kürzlich seine Meinung.

Für den Lübbener sind zwei Argumente ausschlaggebend. Erstens: Die Einwohnerzahl von Lübben wächst. Entgegen der damaligen Prognosen des Rückgangs – sei das damals schon absehbar gewesen. Zweitens: Die drei Mehrgeschosser hätten durchaus saniert können.

In beiden Punkten wird er mit Stadtverwaltung und Wohnungsgenossenschaft nicht überein kommen. Die Mehrgeschosser waren im Besitz der Wohnungsbauunternehmen GWG und LWG. Die GWG, die anders als die LWG ein unabhängiges Unternehmen ist, keine städtische Tochtergesellschaft und als Genossenschaft auch ganz anders organisiert, sieht damals wie heute keine Zukunft für die Bauten, vor allem aufgrund ihrer Substanz.

„Wir haben keinen Bautyp, bei dem das so gravierend war“, sagt Nicole Jaegers, Vorstandsmitglied der GWG. Die Kamine seien gerissen gewesen. Es habe lediglich eine Forster Etagenheizung gegeben. Die funktioniere letztlich nur, wenn die Häuser mit Mietern voll belegt seien. Zuletzt aber habe darin teilweise nur ein Mieter pro Etage gelebt. In diesem Zustand und ohne Wärmedämmung hätte man die erforderlichen Temperaturen im Inneren einfach nicht mehr hinbekommen. Alternativ-Angebote hätten Mieter gerne angenommen, sagt sie.

Gegen eine Sanierung habe neben all diesen substanziellen Gründen aber auch noch eine weitere Überlegung gesprochen: „Die modernen Grundrisse, die heutigen Wohnbedürfnissen entsprechen, wären in einem der alten Häuser nie machbar gewesen“, schätzt sie ein. Letztlich, argumentiert sie aus wirtschaftlicher Sicht, hätten sich die Kosten in der Höhe eines Neubaus bewegt — obwohl man im Ergebnis nie die Qualität eines Neubaus erreicht hätte.

Aus Sicht der Stadtverwaltung wiederum war der Bevölkerungsanstieg in Lübben damals so nicht absehbar – zumal die Anträge für den Abriss entsprechend des damaligen Entwicklungskonzepts schon Jahre vorher gestellt worden waren. „Grundlage der Entscheidung war das Insek 2011“, hat Sprecherin Dörthe Ziemer auf LR-Nachfrage nochmals zusammengetragen. „Insek“ steht für „Integriertes Stadtentwicklungskonzept“ - genau das, was in diesem Jahr ganz neu aufgelegt wurde aufgrund der komplett veränderten Voraussetzungen. Abgeschlossen werden soll es voraussichtlich mit Beschluss der Stadtverordneten noch in diesem Jahr.

Die Pläne des Insek 2011 – vor 6 Jahren beschlossen  trafen 2013/14 auf ein Förderprogramm des Landes, mit dem solche „Rückbauten“, wie der Abriss im Behördendeutsch heißt, finanziell unterstützt wurden.

Bei der Berechnung vor sechs, wahrscheinlich – rechnet man die Zeit der Erarbeitung dazu – eher vor sieben Jahren kam heraus, dass laut Prognosen im Jahr 2020 – also in drei Jahren – etwa 1000 Wohnungen in Lübben leer stehen würden. Als „Überhang“ wurde das damals gesehen.

Wer das heute liest, wird wahrscheinlich ungläubig den Kopf schütteln, sind doch schon aktuell, 2017, kaum noch Wohnungen auf dem Markt zu finden. Der Stadtteil Lübben-Nord, auch das steht im Insek 2011, sollte voraussichtlich etwa ein Viertel seiner Einwohner verlieren. Zitat aus dem damaligen Papier: „Nach Abstimmung mit den Wohnungsmarktakteuren wurde von diesen für den Zeitraum ab 2011 ein Rückbauvolumen von 397 Wohneinheiten adressscharf benannt.“

Nun kostet ein Abriss auch Geld, und so schien der Fördertopf des Infrastrukturministeriums gerade richtig zu kommen. Lübben stellte den Antrag und bekam im August 2014 die Bewilligung von 436 000 Euro. Von den Stadtverordneten wurde das Vorhaben mit einem entsprechenden Beschluss untersetzt. Ein Blick in die Protokolle, auch des vorbereitenden Bauausschusses, zeigt: Der Abriss an sich war unstrittig.

Erst mit der Ankunft von geflüchteten Menschen wurde das Thema kontrovers diskustiert. Ab August 2015 - also ein Jahr nach der Fördermittelzusage - kamen erste Stimmen, auch aus der Bevölkerung, ob die drei Mehrgeschosser nicht als Unterkünfte genutzt werden konnten. Doch offenbar zu spät: „Zu diesem Zeitpunkt waren die Fördergelder für den Abriss bereits ausgereicht, die Aufträge für den Abriss vergeben. Die Häuser waren zu diesem Zeitpunkt nahezu leergezogen und von sämtlichen Medien abgeschnitten“, heißt es aus der Stadtverwaltung. Für eine Nutzung hätte es einer umfassenden Sanierung bedurft - siehe oben.

Aus heutiger Sicht sei die Entscheidung daher richtig, argumentiert die Stadtverwaltung. Abgesehen von der damaligen Situation werde heute „vor allem guter Wohnraum“ benötigt, „der den Markterfordernissen gerecht wird, sowie Möglichkeiten für altersgerechtes Wohnen“. Der Abriss bedeute zudem, dass das Wohnumfeld der verbliebenen Häuser in Lübben-Nord heute deutlich aufgewertet werden kann.

Ob Siegried Grohmann all das überzeugt? „Wir waren damals 20 Mann, die protestiert haben“, erinnert er sich noch immer. Einziger Trost dürfte sein, dass statt der empfohlenen 397 Wohnungen „nur“ 104 tatsächlich abgerissen wurden.