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| 15:51 Uhr

Woche der seelischen Gesundheit
Sucht, Seele und „potente Mittel“

 Michael Leydecker (l.), hier im Gespräch mit zwei Suchtberaterinnen aus Forst, ist psychologischer Psychotherapeut und leitet die Suchtberatungsstelle Tannenhof in Dahme-Spreewald.
Michael Leydecker (l.), hier im Gespräch mit zwei Suchtberaterinnen aus Forst, ist psychologischer Psychotherapeut und leitet die Suchtberatungsstelle Tannenhof in Dahme-Spreewald. FOTO: Ludwig
Lübben/Luckau. Die große Crystal-Welle ist zwar durch, schätzt Michael Leydecker ein, wenn es um Abhängigkeit und ihre Auswirkungen auf die Psyche geht. Der Suchtberater würde aber gern nochmal ganz woanders als bei Modedrogen ansetzen. Von Ingvil Schirling

Michael Leydecker kann Beispiele erzählen, da zieht es einem die Schuhe aus. Natürlich anonym, dafür meist unerwartet, oft schockierend. Leydecker arbeitet seit 1998, also seit gut 20 Jahren, für die Suchtberatung Tannenhof Berlin-Brandenburg, die wiederum dieses Jahr ihren 40 Geburtstag feiert und mit Beratungsstellen in Südbrandenburg gut vernetzt ist. Mitte September bekam sie vom Landkreis Dahme-Spreewald, der seit 1996 mit ihr kooperiert, erneut den Zuschlag, die Aufgabe der Suchtberatung zu übernehmen. Neben dem Hauptstandort in Wildau sind die fünf Mitarbeiter auch in Lübben und Luckau präsent. Sie arbeiten eng zusammen mit dem sozialpsychiatrischen Dienst – was Leydecker zufolge gerade auf dem Land die suchtbezogene Arbeit deutlich erleichtert.

Abgemagert, Pickel, Haarausfall

 seelische Gesundheit
seelische Gesundheit FOTO: LR / Lehmann, Sebastian

Und da gibt es auch deutliche Unterschiede zum Stadtleben. Dass Abhängigkeiten und seelische Gesundheit sich gegenseitig beeinflussen, dürfte auf der Hand liegen – besonders deutlich sichtbar wird das bei der Modedroge Crystal Meth. Fotos von abgemagerten, pickeligen Menschen mit leeren Augen und gravierendem Haarausfall gingen um die Welt – sicher nicht ganz unabsichtlich, wie Michael Leydecker einordnet. Persönlich kennt er den Fall eines Berliners gut, der Anfang 20 begann, mit dem Stoff zu dealen. Er kaufte ihn in Tschechien, verkaufte ihn in Senftenberg – und brachte den Gewinn über Tage ohne Schlaf in Spielhallen durch. Denn das künstlich hergestellte Methamphetamin wirkt aufputschend und energetisierend, ohne das Gefühl der Abhängigkeit zu vermitteln. Spielhallen sind deshalb laut Leydecker ideale Aufenthaltsorte für Crystal Konsumenten, weil sie Beschäftigung bieten, ohne wirklich etwas zu tun. Junge Mütter, hat er beobachtet, sind ebenfalls ein Klientel für die Droge, denn sie gibt augenscheinlich die Energie, um beides zu stemmen: Das Kleinkind und den Beruf oder das Studium. Doch die verlängerte Wachzeit und Energie wird eben oft, beobachtet er, in Beschäftigung ohne großen Effekt umgesetzt: hingebungsvolles Bügeln, Geräte aus- und wieder zusammenbauen nennt er als Beispiele.

Seinen Zahlen zufolge „ist die Welle, von der man 2014/15 wirklich sprechen konnte, am abflauen“ in Bezug auf die Modedroge. Exakt 722 Menschen hat die Suchtberatung Tannenhof allein in LDS 2018 gesehen, davon 527 mehrfach. 66 Angehörige Suchtkranker suchten Rat und Hilfe. Knapp 24 Prozent sind weiblich, 23 Prozent unter 27 Jahre. Doch nur 49 Personen kamen, weil sie von Amphetaminen abhängig geworden waren, generell aufputschenden Drogen, zu denen beispielsweise auch Ecstasy gehört, etwa die Hälfte hatte Probleme mit Crystal Meth. Das ist weniger als 2015 mit 35 Crystal-Fällen.

Sucht und Seele

 Die Partydroge N-Methylamphetamin (Meth oder Crystal) unterdrückt Müdigkeit, Hungergefühl und Schmerz.
Die Partydroge N-Methylamphetamin (Meth oder Crystal) unterdrückt Müdigkeit, Hungergefühl und Schmerz. FOTO: Thomas_Frey

Das ist zwar ein Zeichen, dass die Modedroge nicht mehr so verfängt, doch es ist nicht das Hauptanliegen von Michael Leydecker. Dem erfahrenen Suchtberater ist es ein Herzensanliegen, ganz grundsätzlich früher ansetzen zu können. Denn je länger die Sucht besteht, desto schwerwiegender die Auswirkungen auf die Seele.

Wenn die Crystal-Welle 2011/2012 an die Medien kam und damit quasi aufflog, bedeute das, „dass die Menschen schon vier bis acht Jahre lang die Droge konsumiert haben“, rechnet er vor. Und das sei bei einer altbekannten „Droge“ eher noch viel schlimmer: „Bei einem Alkoholabhängigen kann es acht bis zwölf Jahre dauern, bis er beispielsweise im Krankenhaus erkannt wird.“ Leydeckers Kummer ist, „dass wir die Menschen relativ spät erreichen“. Dafür sieht der Psychologe unter vielen Faktoren auch eine verbesserungswürdige Zusammenarbeit mit Hausärzten und anderen Beratungsbereichen als Ansatzpunkte.

Die potente Mischung aus Arbeit und Schlafmangel

Und auch wenn zumindest in Süd-LDS der Crystal-Konsum „auch durch die gute Arbeit der Polizei“ zurückgeht, so Leydecker, bleiben andere Süchte, die ebenfalls lange unentdeckt und damit unbehandelt bleiben können. Gut 200 Menschen, die 2018 zur Suchtberatung kamen, waren nicht von einer „Substanz“ abhängig geworden, sondern zum Beispiel vom Zocken auf dem Handy oder der Playstation beziehungsweise vom Medienkonsum an sich. Und noch eine Kombination hält Leydecker für ein „potentes Suchtmittel“ – nämlich die aus zu viel Arbeit und zu wenig Schlaf. „Man kommt in einen, wenn man es mal pathologisiert, fast manischen Fluss, fühlt sich gleichzeitig hochkonzentriert und sehr präsent“, beschreibt er – doch damit setzt auch ein erheblicher Realitätsverlust ein. „Alles, was diesen Fluss stört, blendet der Betroffene aus.“ Was Empathie angehe, Mitgefühl mit anderen, sei die Person fast nicht mehr ansprechbar.

Die körperliche Belastung führt schließlich – und auch das kann Jahre dauern – zu Erschöpfungszuständen. Die Katze beißt sich in den Schwanz, wie bei so vielen Abhängigkeiten: Das, was die ursprünglich oft vorhandene, latente Depression beheben sollten – Ablenkung durch viel Arbeit und wenig Schlaf – führt am Ende ins Ausbrennen, neudeutsch: den Burnout, „was nichts anderes ist als eine Depression“, ordnet der Suchtberater ein.

„Er ist jetzt clean“

Gespräche mit Profis können helfen. Gerade in dieser Woche hatte Michael Leydecker ein Abschlussgespräch mit einem lange Jahre Crystal-Abhängigen, der mit dem Stoff im Raum Lübben/Lübbenau gehandelt hatte. „Er ist jetzt clean“, schätzt der Suchtberater ein. Und hat gelernt, sich körperlich und seelisch auch ohne Droge gut zu fühlen.