Frau Stuth, jeder hat mal einen Tag, an dem er nicht so gut drauf ist. Wo ist die Grenze beispielsweise zu einer Depression, einer Erkrankung, bei der man sich Hilfe holen sollte?

Stuth Viele denken bei einer depressiven Erkrankung, dass man ständig weint. Aber so ist es gar nicht. Die Krankheit äußert sich eher in einer ständigen Müdigkeit, Antriebslosigkeit, man kann sich nicht motivieren, und eigentlich ist einem alles vollkommen egal. Das sind die ersten Anzeichen. Wichtig zu wissen ist, dass es dafür gar keinen äußeren Anlass braucht.

Sollte man denn dann zum Arzt gehen? Oder reicht es, mal mit einem Kumpel zu reden und sich zusammenzureißen?

Stuth Ich vergleiche eine Depression gern mit einem Ermüdungsbruch. Sie kommt genauso schleichend. Und jemandem mit einem gebrochenen Bein würde man ja auch nicht mit dem Tipp, er solle sich mal zusammenreißen, zum Hürdenlauf schicken. Die Tendenz, psychische Einschränkungen oder Erkrankungen abzutun, wegzuschweigen oder auszugrenzen, kann beim Betroffenen bis zum Selbstmord führen. Er weiß irgendwann einfach nicht mehr ein noch aus.

Sie kommen in der Region viel herum, haben über ihre Arbeit beim ASB viele Kontakte. Sind Depressionen, Angst- und andere Störungen die Ausnahme oder häufig?

Stuth Nach offiziellen Zahlen sind psychische Erkrankungen eher nicht so häufig, verglichen mit körperlichen Krankheiten. Aber meiner Erfahrung nach ist die Dunkelziffer sehr hoch. Wenn man alle akuten und chronischen Einschränkungen auf seelischer Ebene zusammen nimmt, ist das Vorkommen aus meiner Sicht weit verbreitet.

Wenn jemand in solch einer Situation über sich selbst nachdenkt und zum Schluss kommt, sein Befinden einmal mit einem erfahrenen Gegenüber besprechen zu wollen – auch, um einschätzen zu können, ob solches Unwohlsein eben vorkommt oder konkret behandelt werden muss und kann – an wen könnte dieser Mensch sich wenden?

Stuth Es muss nicht immer gleich ein Psychotherapeut sein. Termine sind ohnehin nach wie vor in unserer Region schwer zu bekommen. Die sozialen und sozialpsychiatrischen Beratungsstellen in Dahme-Spreewald sind sehr gute Anlaufstellen für den ersten Schritt. Die Kolleginnen und Kollegen sind sehr fit und können absolut einordnen, ob es jemandem nur phasenweise schlecht geht, weil es beispielsweise ein schweres Ereignis gab oder ob diese Person dauerhaft überfordert ist. Sie helfen dann bei der Vermittlung zum Facharzt, können aber keine Medikamente verschreiben. Und diese sind manchmal wichtig, um den psychischen Zustand erst einmal wieder in eine Balance zu bringen. Das tolle an unseren Beratungsstellen ist weiter, dass sie Hausbesuche machen. Die Mitarbeiter haben wirklich einen guten Blick dafür, ob und wann die Familien eingebunden werden können und sollten. Natürlich kann man auch zu uns ins Mehrgenerationenhaus kommen.

In Großbritannien gibt es die von den Royals ins Leben gerufene Aktion „Heads together“ (Köpfe zusammenstecken) gegen Vorurteile gegenüber Menschen mit psychischen Erkrankungen und für mehr Reden miteinander. Ursprung war, dass Prinz Harry schwer am Tod seiner Mutter Diana zu tragen hatte, aber lange nicht darüber sprechen konnte. Gibt es so eine ähnliche Bewegung auch in Deutschland?

Stuth Nicht in dem Maß, aber das Bewusstsein schwappt zu uns herüber. In den Städten tun sich die Menschen im Moment noch etwas leichter im Umgang mit psychischen Erkrankungen als auf dem Land. Aber auch die Woche der seelischen Gesundheit findet mehr Beachtung wie jetzt hier in der LR. Dennoch sehe ich beispielsweise mit Sorge, dass es viel weniger Selbsthilfegruppen zu psychischen Einschränkungen im Landkreis gibt als zu körperlichen. Es gibt nach wie vor diesen Makel, sich nicht genug angestrengt zu haben. Wenn man aber darüber spricht, kann man selbst und das Umfeld daran wachsen. Es entsteht ein größeres Verständnis füreinander.

Mit Katrin Stuth
sprach Ingvil Schirling