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| 13:47 Uhr

Erste Einblicke in die Praxis fürs Handwerker-Abi
Probe aufs Exempel im Lehrbauhof


In der Zimmerei des Lehrbauhofs Großräschen  ging es auch praktisch  zur Sache. Unter Anleitung von Paul Lehmann, Lehrling in der  Heinrich-Hörnig Hoch- und Holzbau  GmbH  Lübben, übten sich Maja Kubiczek, Frederike Anders und Anne Roske (v.l.n.r.)  im Aufrisszeichnen für eine traditionelle Holzverbindung für den  Dachstuhl.
In der Zimmerei des Lehrbauhofs Großräschen ging es auch praktisch zur Sache. Unter Anleitung von Paul Lehmann, Lehrling in der Heinrich-Hörnig Hoch- und Holzbau GmbH Lübben, übten sich Maja Kubiczek, Frederike Anders und Anne Roske (v.l.n.r.) im Aufrisszeichnen für eine traditionelle Holzverbindung für den Dachstuhl. FOTO: Beate Möschl / LR
Lübben/Großräschen. Was hat das Handwerker-Abitur nun mit Handwerk zu tun? Auf dem Lehrbauhof Großräschen der Handwerkskammer Cottbus gab es in dieser Woche ganz praktische Antworten für Schülerinnen und Schüler des Oberstufenzentrums (OSZ) Lübben. Von Beate Möschl

Elf Lehrwerkstatt-Stationen in zwei Stunden für einen Überblick über elf klassische Handwerksberufe und kleine praktische Übungen in der Zimmerer-Halle — das sollte kein Problem sein für Gymnasiasten der 11. Klasse. In jedem Fall ist es „cool“. Denn genau das ist es, was die Schülerinnen und Schüler des Beruflichen Gymnasiums plus Handwerk am Oberstufenzentrum Lübben suchen, wie ihre Tutorin Manuela Bertin sagt: Der erlebbare Bezug zum Handwerk. In der Theorie ist der Bezug klar: Im Rahmen der Spezialisierung Wirtschaft können sie ab der 12. Klasse die theoretischen Teile der Meisterausbildung absolvieren. Damit haben sie nicht nur mehr Wissen in der Tasche, sondern auch die Chance auf eine um ein Jahr verkürzte Berufsausbildung im Handwerk. Das heißt, sie können eher Geld verdienen. Das Studium steht ihnen immer offen.

Der Bildungsweg ist neu und vorerst nur an den vier Oberstufenzentren in Südbrandenburg möglich. Initiator ist die Handwerkskammer Cottbus, die auf diesem Weg motivierten und fachlich versierten Nachwuchs fürs Handwerk in der Lausitz zu gewinnen hofft. Auf dem Lehrbauhof Großräschen konnten sich deshalb in dieser Woche Schülerinnen und Schüler des Oberstufenzentrums Lübben erstmals mit der Ausbildung im Handwerk bekannt machen. Im Lehrbauhof absolvieren künftige Handwerksgesellen die überbetriebliche Ausbildung in den Berufen Maurer und Betonbauer, Trockenbauer, Stuckateur, Maler und Lackierer, Zimmerer, Straßenbauer, Fliesen-, Platten- und Mosaikleger, Dachdecker, Gebäudereiniger, Metallbauer und Bürokauffrau/mann. Einige konnten die Gymnasiasten live bei praktischen Arbeitsaufgaben antreffen. Darunter Dachdeckerlehrlinge, die in dieser Woche in der überbetrieblichen Ausbildung die Aufgabe hatten, eine eingebundene Biberschwanz-Kehle fachgerecht herzustellen, oder Maler- und Lackiererlehrlinge bei der Gestaltung eines Treppenaufgangs nach eigenen Entwürfen oder Gebäudereiniger beim Teppichreinigen. „Das Teppichreinigen ist nur ein Bruchteil der Aufgaben unseres Fachs. Auch an Fassaden sind Gebäudereiniger gefragt. Da muss man schon höhentauglich sein“, gab Ausbilderin Marion Brömmel-Hartmann Einblick. In dem Beruf sei immer Kondition gefragt, aber auch gute Chemie- und Werkstoffkenntnisse. In der Straßenbauhalle demonstrierte Kevin Kaiser, Lehrling bei der Firma Striemann aus Kolkwitz, Pflasterarbeiten. „Hier wird viel vermittelt fürs spätere Leben und fachlich nicht nur für den Straßenbau, sondern auch Beton- , Mauerwerks- und Holzbau, das bringt echt was“, sagt er auf Nachfrage.

In der Straßenbauhalle waren die Lehrlinge beim Pflastern — und gaben quasi praktischen  Anschauungsunterricht für die Schüler des OSZ Lübben auf ihrer Exkursion durch die Werkstätten im Lehrbauhof Großräschen der Handwerkskammer Cottbus.
In der Straßenbauhalle waren die Lehrlinge beim Pflastern — und gaben quasi praktischen Anschauungsunterricht für die Schüler des OSZ Lübben auf ihrer Exkursion durch die Werkstätten im Lehrbauhof Großräschen der Handwerkskammer Cottbus. FOTO: Beate Möschl / LR

Viele Fragen gibt es nicht auf Schüler-Seite bei der ersten Begegnung mit dem Handwerk. Die Elftklässler konzentrieren sich aufs Informationen aufnehmen. „Im ersten Lehrjahr sind sie 20 Wochen hier, im zweiten 13 und im vierten Lehrjahr vier Wochen“, erzählt Hendrik Schulz, Mitarbeiter Berufsorientierung bei der Handwerkskammer und inzwischen schon gut bekannter Ansprechpartner für die am Handwerker-Abi interessierten 33 Schülerinnen und Schüler am OSZ Lübben und OSZ Cottbus, in der Zimmer-Halle. Hier hat auch der erfahrene Ausbilder und Handwerksmeister Michael Reinold schnell Aufmerksamkeit und Sympathie gewonnen. Es ist die sechste Station im Lehrbauhof, auf der die Schüler erfahren, dass nur auf Holz klopfen nicht hilft, sondern in erster Linie gute Kenntnisse in Mathematik gefragt sind, und die erste Station, an der sie an der Stelle auch mal humorvoll lachen können. über das Déjà-vu-Erlebnis, und weil Dachdeckermeister Michael Reinold augenzwinkernd sagt: „Und Winkelfunktionen muss man als Dachdecker beherrschen. Am Ende muss alles passen. Sinus, Cosinus. Aber das sollte ja kein Problem sein für Euch, oder? Am Gymnasium da kann man doch so was.“ Wie Dachdeckermeister Reinold lassen es sich auch alle anderen anwesenden Dozenten und Meister der Lehrwerkstätten nicht nehmen, die Gymnasiasten vom OSZ Lübben persönlich bekannt zu machen mit den Berufsbildern und ihnen praktische Beispiele zu zeigen — ein Ausdruck der Wertschätzung und des Interesses, solche aufmerksamen und motivierten jungen Leute nach dem Abitur auch im Handwerk als Lehrling, später als Meister und vielleicht sogar Firmenchef begrüßen zu können. Das macht Ausbilder Volker Schnaar gleich zu Beginn in der Maurerhalle deutlich. Er bedankt sich sogar für das Interesse der Schüler und wünscht ihnen natürlich ein gutes Händchen bei der Berufswahl.

Dafür haben die Elftklässler noch zweieinhalb Jahre. Die Exkursion in die Werkstätten der Lehrbauhofs Großräschen ist dabei nur eine von vielen Entscheidungshilfen, die ihnen die Handwerkskammer für die richtige Berufswahl an die Hand gibt. Im März sind die Schüler eingeladen, das Berufsbildungs- und Technologiezentrum (BTZ) der Handwerkskammer in Cottbus-Gallinchen kennenzulernen und Berufe wie Elektrotechniker, Anlagenmechaniker für Sanitär, Heizung und Klima, Metallbauer, Friseur, Fahrzeuglackierer, Kfz-Techniker und Tischler. Im Mai gibt es Gelegenheit, im Betriebspraktikum mehr kennenzulernen und auszuprobieren, was einem liegt. Südbrandenburgs Handwerksbetriebe sind vorbereitet. Sie haben mehr als 200 Praktikumsplätze gemeldet, um Schulabgängern und Schülern des Beruflichen Gymnasium plus Handwerk Gelegenheit zu geben, sich im Handwerk auszuprobieren und ein Gefühl fürs das Metier zu bekommen, sagt Michel Havasi, Sprecher der Handwerkskammer Cottbus.