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| 17:47 Uhr

Kinderkoch Carsten Müller im Interview
"Wir sind eine Zucker-Generation"

Carsten Müller kocht mit Kindern
Carsten Müller kocht mit Kindern FOTO: Stefan Otto
Lübben. Der Kinderkoch wirbt beim Streetfood Festival für frische Kost – erklärt aber auch, warum es ein Fehler wäre, sich bei ihm satt zu essen.

Seit Freitag läuft das Spreewälder Streetfood Festival auf dem Lübbener Marktplatz, bei dem zahlreiche Anbieter zu einem kulinarischen Spaziergang einladen und für frische Speisen aus der Region werben. Am Wochenende gehört auch Carsten Müller (36) zu den Festival-Attraktionen. Der Koch aus Duisburg wird am Samstag (16 Uhr) und am Sonntag (13.30 Uhr) mit Kindern auf der Bühne Essen zu bereiten. Im RUNDSCHAU-Interview erklärt er, warum der Spreewald seine zweite Heimat geworden ist, und warum er sehr gerne auch mal zu McDonalds geht.

Herr Müller, kennen Sie den Film „Ratatouille“?

Daumen hoch: Carsten Müller bringt Kinder beim Spreewälder Streetfood Festival mit frischem, ausgewogenem Essen in Kontakt. Vor einem Jahr gab es komplett selbstgemachte Burger.
Daumen hoch: Carsten Müller bringt Kinder beim Spreewälder Streetfood Festival mit frischem, ausgewogenem Essen in Kontakt. Vor einem Jahr gab es komplett selbstgemachte Burger. FOTO: Stefan Otto

Müller Ja, den habe ich schon mehrfach gesehen mit meiner Tochter.

Der Disney-Film handelt von einer kleinen Ratte, die leidenschaftlich gern kocht und ein Näschen dafür hat, Zutaten miteinander zu kombinieren, die man normalerweise nie in Verbindung bringen würde. Wie viel Kreativität und Fantasie muss man als Koch mitbringen?

Müller Ich glaube, das ist keine Frage der Fantasie, sondern eine Frage der Zeit. Ich habe als Kind immer gutes Essen bekommen. Meine Mama hat gekocht, meine Oma hat gekocht, und ich wollte schon immer helfen und habe gemerkt, wie viel Spaß es machen kann. Aber während des Studiums und der Ausbildung habe ich mir diese Zeit nicht mehr genommen. Und wenn du nicht selber kochst oder dich mit Rezepten auseinandersetzt, fängst du auch nicht an, Geschmäcker zu entwickeln. Deswegen gehen Angebote wie „Marley Spoon“ oder „Hello Fresh“ in eine gute Richtung, indem sie Lebensmittelboxen mit Rezepten anbieten und somit auch Laien helfen, die keine Ahnung vom Kochen haben, aber trotzdem etwas mit frischen Zutaten machen wollen.

Sie brauchen diese Hilfe aber nicht. Wann haben Sie das Kochen zum Beruf gemacht?

Müller Ich bin eigentlich kein gelernter Koch. Ich brauchte immer Abwechslung in meinem Leben, habe tausend Dinge ausprobiert. Ein Kumpel hat mich vor vielen Jahren zwar als Koch-Azubi eingestellt, vordergründig sollte ich mich aber um die Mediengestaltung kümmern. Ich bin allerdings in der Küche geblieben, weil es einfach viel cooler war. Nach drei Monaten habe ich die Ausbildung abgebrochen, weil zu wenig Geld dabei heraussprang, und habe die erstbeste Stelle als Küchenchef angenommen. Den Rest habe ich mir autodidaktisch beigebracht. Passion ist eben immer noch die beste Schule.

Wie kamen Sie dann vom Niederrhein in die Lausitz?

Müller Ich habe ab 2009 eine kurze Zeit beim XXL in der Bahnhofstraße in Lübben gekocht. Mittlerweile lebe ich zwar wieder in Duibsurg, aber ich habe mich in den Spreewald verliebt. Er ist meine zweite Heimat geworden.

Wie kam es dann dazu, mit Kindern auf die Bühne zu gehen?

Müller Das war nur ein Experiment beim ersten Spreewälder Streetfood Festival vor einem Jahr und eine Idee von Organisator André Matthes. Es kam aber so gut an, dass wir es dieses Jahr wieder machen. Es gibt auch Überlegungen, mal bei Youtube reinzugehen oder Projekte mit Schulen zu starten. Aber dafür ist es noch nicht etabliert genug.

Wie wichtig ist es, schon den Jüngsten mit auf den Weg zu geben, dass es mehr gibt als nur Süßigkeiten?

Müller Sehr wichtig. Wir sind eine Zucker-Generation. Ich möchte auch nicht auf mein Steak verzichten. Aber ansonsten versuche ich schon, fleischfrei zu bleiben. Ich mache viel mit Vollkorn, Müsli, Avocado, Beeren, Kräutern. Alles Lebensmittel, die antientzündlich sind und entschlacken. Und als Papa muss ich ein Vorbild sein. Wenn du Eltern hast, die viel Cola trinken und mangelhafte Bewegung vorleben, werden die Kinder diese Verhaltensmuster ebenfalls ausleben. Wenn du Sachen zehntausend Mal machst, wird es zum Reflex. Von daher wäre es wertvoll, wenn Eltern ihren Kids eine Vollkornstulle und einen Apfel mit in die Schule geben anstatt eines Snickers oder Mars.

Verpasst es neben vielen Elternhäusern auch das Schulsystem, gesunde Ernährung mehr in den Fokus zu rücken?

Müller Mit Sicherheit. Ich zweifele das System sehr an. Es ist antiquiert, überhaupt nicht praxisbezogen und braucht eine Revolution. Wir müssen der Pflanze ja nicht beim Wachsen zugucken, aber das Bewusstsein der Menschen für die Natur ist überhaupt nicht geschärft. Wir müssen Kindern doch nicht nur beibringen, wie man etwas zubereitet, sondern schon, wo es herkommt. Ich muss doch mal rausgehen und den Kindern erklären, warum keine lila Milch aus der Milka-Kuh kommt. Es ist aber ein gesellschaftliches Problem. Wir fliegen zum Mars, aber schweißen unsere Gurken in Plastik ein. Da schüttele ich mit dem Kopf.

Sind Sie so radikal, dass Sie gar keine ungesunde Ernährung zulassen oder fahren auch Sie mal bei McDonald’sran?

Müller Ich gehe ständig zu McDonalds, aber immer mit Bewusstsein. Ich weiß, dass es schlecht ist und nur für mein Belohnungszentrum gut ist. Mit diesem Bewusstsein kann man das Schlechte auch mal genießen.

Essen soll schließlich auch Spaß machen.

Müller Spaß muss immer die Grundlage sein, auch für meine Workshops. Mit dem erhobenen Zeigefinger werde ich kein Kind erreichen. Ich muss mich fragen, wie ich als Siebenjähriger reagieren würde, wenn mir jemand sagen würde, das ist schlecht und iss‘ mal weniger Zucker. Nein, ich muss sie schon fragen, was sie gerne essen. Aber ich kann ihnen halt auch zeigen, dass ein vom Brot bis zum Ketchup selbstgemachter Burger mit frischen, regionalen Zutaten besser schmeckt als der von McDonalds.

Das ist sicher auch das Anliegen des gesamtes Streetfood Festivals?

Müller Es geht darum, das Bewusstsein zu schaffen und so viel wie möglich zu probieren. Deswegen werde ich mit den Kids auch keine großen Portionen machen für die Besucher. Wenn du eine große Portion isst, bist du satt, und das Streetfood ist für dich gelaufen. Das ist nicht der Sinn des Festivals.

Mit Carsten Müller
sprach Steven Wiesner