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XXIII. Rohkunstbau-Festival
Wie Lieberose zum Kunst-Ort wird

Wer sich bis in die ehemalige Bibliothek des Lieberoser Schlosses hochgearbeitet hatte, traf auf die ritterlichen Figuren des japanischen Künstlers Toshihiko Mitsuya. Seine Auseinandersetzung mit europäischer Kulturgeschichte in dem modernen Material Aluminium beeindruckte manchen Besucher der Rohkunst-Ausstellung.
Wer sich bis in die ehemalige Bibliothek des Lieberoser Schlosses hochgearbeitet hatte, traf auf die ritterlichen Figuren des japanischen Künstlers Toshihiko Mitsuya. Seine Auseinandersetzung mit europäischer Kulturgeschichte in dem modernen Material Aluminium beeindruckte manchen Besucher der Rohkunst-Ausstellung. FOTO: Hoberg
Lieberose. Einmal Rohkunstbau, wieder Rohkunstbau? Diese Frage schwebt über Lieberose, wird aber von den Veranstaltern gegenwärtig noch nicht konkret beantwortet. "Wir sind noch dabei, Bilanz zu ziehen", sagt Inka Thunecke von der Heinrich-Böll-Stiftung. Ingrid Hoberg

Der Duft von frisch gebackenem Kuchen und Kaffee zieht durch die Räume, die eigentlich auf einen Geldsegen und einen mutigen neuen Schlossherrn warten. Der Marmortisch im Diana-Saal "biegt" sich fast unter der Last, die Spiegel vervielfältigen das Bild noch. Eine bunte Schar von Gästen, aus der Hauptstadt Angereiste und Einheimische, versammeln sich und tauschen ihre Eindrücke zu zeitgenössischer Kunst aus. Was gibt sie, wo bleibt sie unverständlich, wo ist sie nah, wo ist sie fern? Und mittendrin die Künstler.

Das wäre eine Ausstellungseröffnung für das XXIII. Rohkunstbau-Festival gewesen, wie sie im Buche steht und über die noch in Generationen gesprochen worden wäre. Die Künstler, die aus der Metropole Berlin in die Provinz gehen, und die Lieberoser Frauen, die für ihre Backkünste zumindest bis in Potsdamer Ministerien bekannt sind, hätten diese Kaffeetafel gemeinsam aufgebaut. Doch stattdessen gab es Anfang Juli einen Einstieg in kleinem Kreis, der dem Caterer das Geschäft so verhagelte, dass er nie wieder in Lieberose seinen Stand aufstellen wollte. Die fehlende gastronomische Versorgung wurde dann auch von manchem der Besucher in den folgenden zehn Wochen bemängelt. Das Restaurant in der Darre fehlt schmerzlich bei solchen Gelegenheiten. Immerhin haben rund 3500 Kunstinteressierte den zumindest mit öffentlichen Verkehrsmitteln beschwerlichen Weg ins Lieberoser Schloss gefunden, so die Statistik der Böll-Stiftung.

Dass all diese Menschen samstags und sonntags am Nachmittag die Ausstellung besuchen konnten, ist auch ein Verdienst der Freiwilligen, die als Einlass- und Aufsichtspersonen die Besucher begrüßten. Manchem hat dieser Job sogar Spaß gemacht - und er würde wieder dabei sein, wenn er rechtzeitig gefragt wird. Am Ende gab es eine Aufwandsentschädigung für die geleisteten Stunden.

"Die Stadt hatte vom Kunstfestival erst sehr kurzfristig erfahren", sagt Bürgermeisterin Kerstin Michelchen. Da entstand bei den Lieberosern das Gefühl, etwas übergestülpt zu bekommen. Es gab Reibungsflächen, Informationsverlust und doch Hilfe und Unterstützung - am Ende fällt das Resümee wohlwollend aus. "Die Vereine haben mitgezogen, mit uns kooperiert", sagt Inka Thunecke. Bei der Planung eines solchen Festivals gebe es zum Anfang viele Unsicherheiten. "Der Mietvertrag kam spät zustande, dann konnten wir erst dazu etwas öffentlich sagen", erklärt die Geschäftsführerin der Böll-Stiftung. Für das nächste Jahr hofft sie, dass es eine schnellere Entscheidung gibt.

Dann könnten auch solche Projekte wie der Workshop "Spieglein, Spieglein an der Wand" mit Schülern der Goyatzer Ludwig-Leichhardt-Oberschule noch besser vorbereitet werden. Der japanische Künstler Toshihiko Matsuya hatte seine Erfahrungen, wie kreativ mit Alu-Folie gestaltet werden kann, weitergegeben. Diese Art Projekte habe es mit Rohkunstbau auch in der Vergangenheit gegeben, als Groß Leuthen Veranstaltungsort war, so Schulleiter Dieter Klaue.

Dass das Interesse in der Region da ist, zeigte sich auch in der Resonanz auf das begleitende Filmprogramm, insbesondere bei der Aufführung der Filme "Trommeln auf Blech" (1994) und "Elegia Rhapsody" (2017) des Cottbuser Filmemachers Donald Saischowa. "Diese Veranstaltung wurde gut angenommen", sagt Inka Thunecke.

Auch der Förderverein Lieberose hat seine regelmäßigen Führungen durch das Schloss mit Rohkunstbau in Einklang gebracht. "Zum Anfang gab es einige Missverständnisse, einige Kommunikationsprobleme", sagt Stefanie Reinke, selbst oft als sachkundige Schlossführerin unterwegs. An den "Baustellen", die sich diesmal gezeigt haben, müsste frühzeitig gearbeitet werden. "Für die Aufsichten sollten zeitiger Pläne abgestimmt werden", erklärt sie. Der Förderverein arbeite mit den gleichen Leuten, da sei Abstimmung notwendig. "Wir sind dankbar, dass wir unsere Führungen wie vorgesehen durchführen konnten", betont Stefanie Reinke. Die letzte offizielle Führung dieses Jahres war am Sonntag, zum Weihnachtsmarkt wird es vielleicht noch eine geben. "Es sind viele Gäste von außen nach Lieberose gekommen - und die Lieberoser haben ihren Beitrag geleistet", sagt Heinz-Gerd Hesse vom Förderverein. Er erinnert daran, dass Elektroleitungen verlegt, Absperrungen gebaut und vieles mehr erledigt wurde. Auch Bürgermeisterin Michelchen sagt: "Ob sich die Leute für die Kunst interessieren, muss jeder für sich entscheiden. Auf jeden Fall waren mehr Leute in der Stadt, und Lieberose war im Gespräch."

Die Veranstalter, die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg und der Förderverein Rohkunstbau, erklären im Vorwort zum Katalog, dass der Ort mit Bedacht gewählt wurde als ein im Dornröschenschlaf liegendes Schloss. Zum Wachküssen gehören natürlich zwei - ohne die Lieberoser geht das einfach nicht.

Zum Thema:
Die diesjährige Ausstellung gestalteten elf international tätige Künstler. Sie ist gefördert worden von: Verein der Freunde des Rohkunstbau, Mittelbrandenburgische Sparkasse, Landkreis Dahme-Spreewald, Ministerium für Wissenschaft, Forschung und Kultur Brandenburg, Asyl-, Migrations- und Integrationsfonds (AMIF), dtp Anwälte.Im Jahr 2002 ist das Festival vom Verein der Freunde des Rohkunstbau ins Leben gerufen und seitdem unterstützt worden. Seit 2010 ist die Heinrich-Böll-Stiftung Brandenburg Träger des Projekts, das auch die Wiederentdeckung und Neubelebung von Kulturstätten im ländlichen Brandenburg unterstützt.Eigentümer des Lieberoser Schlosses ist die Brandenburgische Schlösser GmbH, die bisher Arbeiten zur Sicherung des Gebäudes ausführen ließ.Der Förderverein Lieberose bietet in der Saison regelmäßig Führungen durch das barocke Gebäude an. Die festen Termine sind auf der Internetseite www.lieberose-niederlausitz.de zu finden. Es werden auch Rundgänge nach vorheriger Absprache angeboten.Weitere Informationen und Bilder zum Kunstfestival und zum Schloss gibt es unter: www.lr-online.de