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Spreewald-Babies
Werdende Mütter mögen Lübben

Die Calauerin Jenny Golisch (34) hat in Lübben drei Kinder zur Welt gebracht. Stolz betrachtet Emily Golisch (4) ihr neues Brüderchen.
Die Calauerin Jenny Golisch (34) hat in Lübben drei Kinder zur Welt gebracht. Stolz betrachtet Emily Golisch (4) ihr neues Brüderchen. FOTO: Jenny Theiler / LR
Lübben. Das Spreewaldklinikum Lübben verzeichnet eine stabile Entbindungsrate mit leicht steigender Tendenz.

Von Jenny Theiler

Im Eingangsbereich der Geburtsstation des Spreewaldklinikums Lübben steht eine kleine Schiefertafel, auf der mit bunter Kreide sieben Namen und jeweils ein Datum geschrieben stehen. Auf dieser Tafel werden alle Kinder eingetragen, die in den letzten Tagen in Lübben geboren wurden. Es ist der 7. Februar und Fin, der am 6. Februar geboren wurde, ist der jüngste. „Da ist aber Platz für noch mehr Namen“ bemerkt Ragnhild Münch, Sprecherin vom Spreewaldklinikum. Im Vergleich zu den beiden Vorjahren hat das Jahr 2018 mit weniger Geburten begonnen. Dennoch sei dies kein Grund zur Besorgnis, denn trotz allem sei die Entbindungsrate im Spreewald stabil und würde sogar leicht ansteigen, wie auch Hebamme Angela Aurich bestätigt.

Im Jahr 1977 wurden 511 Kinder in Lübben geboren – im Jahr 1988 waren es nur noch 455. Seit Mitte der 70er Jahre vollzieht sich der demographische Wandel auch im Spreewald. Das bedeutet, dass die Sterberate steigt und im Verhältnis dazu weniger Kinder geboren werden. Dies könnte den Eindruck eines massiven Geburtenrückgangs erwecken – ein Irrtum, wie Angela Aurich bestätigt. „In Lübben haben wir durchschnittlich immer so um die 500 Geburten gehabt. Die Zahlen variieren natürlich in jedem Jahrgang“, weiß die erfahrene Hebamme.

Den ersten Geburtenknick habe es 1992 mit gerade einmal 208 Geburten in Lübben gegeben. Die neuen politischen Verhältnisse und die unsichere wirtschaftliche Lage nach der Wende haben den kurzzeitigen Geburtenrückgang in Ostdeutschland zu verschulden. Viele Frauen haben sich Anfang der 90er Jahre mit der Entscheidung, Kinder zu bekommen, schwer getan. „Die jungen Frauen, die gerade erst mit der Schule fertig waren mussten sich erstmal orientieren. Viele sind auch berufsbedingt aus Brandenburg weggezogen“, erklärt Angela Aurich.

Erst ab 1995 sei die Zahl der Geburten wieder leicht angestiegen. „1999 hatten wir in Lübben 354 und in Luckau 250 Geburten. Das war kein schlechter Schnitt, aber an die alten Zahlen aus DDR-Zeiten sind wir nie wieder herangekommen“, so die Hebamme.

Der demografische Wandel wird von vielen verschiedenen Faktoren beeinflusst, die in ihrer Gesamtheit eine Erklärung für die derzeitige Geburtensituation abgeben. Besonders interessant ist hierbei ein Vergleich des Durchschnittsalters der werdenden Mütter damals und heute. „Das Durchschnittsalter der erstgebärenden Frauen ist mittlerweile viel höher als noch vor 30 Jahren – und der Trend steigt weiter“, erklärt Medizinhistorikerin Ragnhild Münch. Während Anfang der 80er Jahre die Durchschnittsfrau bereits mit 22 Jahren ihr erstes Kind bekam, sind die Frauen heutzutage bei ihrer ersten Geburt Ende 20 oder Anfang 30.

Wirtschaftlich geht es den Jungfamilien in Ostdeutschland verhältnismäßig gut. Den Grund für verspätete Mutterschaften sieht Angela Aurich eher im emotionalen Bereich. „Jungen Frauen ist heutzutage Selbstbestimmung und Selbstentwicklung sehr wichtig. Viele wollen erst einmal die Welt kennenlernen und Karriere machen, bevor sie sich für ein Kind entscheiden“, erklärt die Hebamme. Auch die Zahl der besonders späten Schwangerschaften steigt leicht an. „Der Wohlstand des 21. Jahrhunderts hat dafür gesorgt, dass die körperlichen Voraussetzungen für eine Schwangerschaft auch bei Frauen im Alter von 50 bis 60 teilweise noch gegeben sind“, erklärt Ragnhild Münch. Solche Sonderfälle seien allerdings eher selten und würde auch immer ein medizinisches Risiko mit sich bringen.

Für Risikoschwangerschaften im Süden Brandenburgs ist das Cottbuser Carl-Thiem-Klinikum die erste Anlaufstelle. Das größte Lehrkrankenhaus der Charité verfügt über eine neonatologische Station mit bester Ausstattung. „Mütter, deren Babys vor der 34. Schwangerschaftswoche geboren werden, können wir in Lübben nicht betreuen, dafür ist in Südbrandenburg nur Cottbus ausgestattet“, erklärt Angela Aurich. Ob ein Anstieg der Risikoschwangerschaften bestünde, könne man nicht eindeutig sagen. Einige Spreewälderinnen wählen das CTK als bevorzugte Entbindungsklinik, um erst gar kein Risiko einzugehen. „Letztlich muss die Frau entscheiden, auf welchem Weg und in welcher Einrichtung sie gebären möchte“, so die Hebamme.

Das Jahr 2017 konnte den großen Babyboom von 2016 mit 541 Geburten noch nicht übertrumpfen. Die aktuellen Zahlen zeigen, dass sich die künftigen Geburten an den gewohnten Richtwert von 500 wieder annähern. 2017 hat es 534 Geburten in Lübben gegeben. Ragnhild Münch und Angela Aurich rechnen sogar mit einem leichten Anstieg in den kommenden Jahren.

Nach Meinung der beiden Krankenhausmitarbeiterinnen sind dafür keine ausreichenden Vorbereitungen getroffen worden. „Die Politik hat nicht damit gerechnet, dass schon durch die derzeitige Flüchtlingssituation so viele Kinder in Berlin und Brandenburg geboren werden“, stellt die Hebamme fest. Als Folge von Sparmaßnahmen und der Auffassung, es werde künftig mehr alte als junge Menschen geben, werden Kliniken und Geburtshäuser zusammengelegt oder ganz geschlossen. Die Geburten werden aber nicht weniger und schwangere Frauen müssten sich dann angesichts der überfüllten Krankenhäuser andere Alternativen suchen. „Die Frauen aus den umliegenden Ortschaften suchen sich dann freundliche, überschaubare Kliniken, die noch Platz haben – so wie Lübben“, erklärt Angela Aurich. Vor allem viele Pendler aus Potsdam und Berlin würden sich angesichts dessen für Lübben entscheiden.

Einen so weiten Weg hatte Familie Golisch aus Zinnitz bei Calau nicht. Dennoch Hat Jenny Golisch auch für ihre dritte Geburt das Spreewaldklinikum Lübben gewählt. „Ich habe mich hier bei meinen anderen beiden Schwangerschaften sehr gut betreut gefühlt. Es ist immer alles wunderbar gelaufen“, erzählt die 34-Jährige.

Florian (6) und Emily (4) freuen sich über ihren kleinen Bruder Fin, der planmäßig und ohne Komplikationen am 6. Februar 2018 zur Welt kam.