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| 02:51 Uhr

Wenn Masten in den Himmel wachsen

So sieht es aus, wenn eine 110-kV-Leitung eine 50-Hertz-Trasse kreuzt. Die neuen Masten sind deshalb niedriger, die Seilführung breit. Wichtig ist, dass für die Wartung genügend Platz zwischen den Leitungen bleibt.
So sieht es aus, wenn eine 110-kV-Leitung eine 50-Hertz-Trasse kreuzt. Die neuen Masten sind deshalb niedriger, die Seilführung breit. Wichtig ist, dass für die Wartung genügend Platz zwischen den Leitungen bleibt. FOTO: Ingvil Schirling
Lübben/Lübbenau. Zwischen Lübben und Lübbenau wächst eine organisatorische und technische Herausforderung in den Spätsommerhimmel. Die Mitnetz Strom erneuert die 110-kV-Leitung samt Kabel, Masten und Anschlüssen. Die LR hat sich an ein paar besonders kniffligen Stellen des Großprojekts umgeschaut. Ingvil Schirling

Maik Sawitzki ist in der Regel ein entspannter Typ. Kann er auch sein. Denn sein aktuelles Großvorhaben läuft wie am Schnürchen. Die neue 110-kV-Leitung zwischen Lübben und Lübbenau, die vor allem die auf den märkischen Feldern frisch erzeugte Windenergie aufnehmen soll, geht bautechnisch in die Zielgerade.

"Wir planen den Abschluss noch in diesem Jahr", stellt Sawitzki das Ende der Arbeiten in Aussicht. "Die Witterung hat gut mitgespielt." Der Abschluss beginnt damit, dass letzte Masten auf Privatgelände errichtet werden. "Seit Septemberbeginn gehen wir auf die Grundstücke", ergänzt Jürgen Truschkewitz. Der groß gewachsene Lübbenauer ist ein alter Hase im Stromleitungsbau - doch diese Leitung ist das größte Projekt seines Berufslebens. Sawitzki und Truschkewitz sind sich einig: Technisch, vor allem aber organisatorisch war der Neubau der 110-kV-Leitung eine ganz besondere Herausforderung.

Die Leitung verbindet das Umspannwerk in Ragow bei Lübbenau mit dem in Lübben. Notwendig wurde der Neubau, weil mit dem Ausbau der Windkraft in der Region so viel Energie abtransportiert werden muss, dass die Vorgänger-Leitung diesen Ansprüchen nicht mehr gerecht wurde. Leistungsfähigere Kabel an höheren Masten sollen dies nun richten.

Am Lübbener Umspannwerk am Ortsausgang in Richtung Freiwalde steht einer der neuen Masten. Er ist deutlich höher und schmaler als sein Vorgänger und heißt, seiner Optik entsprechend, "Tannenbaum". Auffällig ist eine Querverstrebung, "Harfe" genannt, weil sie von der Seite an das Musikinstrument erinnert. Mit dieser Konstruktion bedient der Mast drei Umspannwerke - zwei davon für die Weiterleitung von Windenergie, eines für die Versorgung der Stadt Lübben. Im Detail leitet der linke Teil des Harfenmastes, gesehen von der Berliner Straße aus, den Windstrom aus dem Siegadeler Raum nach Ragow weiter, der mittlere den aus dem Unterspreewald. Ganz rechts ist derzeit noch ein Provisorium zu sehen. Das Umspannwerk für die Lübbener Versorgung, die doppelt abgesichert ist, soll kommendes Jahr komplett erneuert werden. Jedes der Umspannwerke muss so viel Strom wie möglich einspeisen können - "auch während der Bauphase", weist Jürgen Truschkewitz auf eine von mehreren Herausforderungen hin.

Die nächste ist nicht weit entfernt. Auf halbem Weg zwischen dem Abzweig von der B 115 nach Treppendorf und Majoransheide wird ein Mast standortgleich ersetzt. Während die Stahlträger der neuen Konstruktion entstehen, trägt die alte noch die Kabel. In einer Zwischenphase werden diese um wenige Meter auf ein Provisorium verlegt, um den alten Mast abbauen und den neuen weiter hochziehen zu können. Das geschieht in der Regel an nur einem Tag, informieren Truschkewitz und Sawitzki. In einem Arbeitsgang werden die alten Stahlträger abgebaut und zerlegt, die neuen aufgebaut. 16 bis 26 Monteure sind dann vor Ort - ohne Manpower geht es im Bau eben nicht. "Bei der Hitze dieses Sommers war das auch körperlich für die Männer eine echte Herausforderung", schätzt Sawitzki ein. Die Firma stellte ein Zelt und viel Wasser zur Verfügung. Doch 36 Grad blieben 36 Grad.

Ein paar Hundert Meter weiter, vor den Toren des Gurkenverarbeiters Spreewald-Feldmann, bohrt sich die nächste Besonderheit in den Boden. Bevor das schwere Spezialgerät die Edelstahlpfähle für die schwierige Gründung einrammen konnte, gab es jede Menge Überraschungen. "Laut Vorplan war eine Leitung zu verlegen", erzählt Maik Sawitzki und muss in der Rückschau tatsächlich ein bisschen schmunzeln. "Dann haben wir angefangen zu baggern. Im Ergebnis verlegten wir fünf bis sechs Leitungen neu." Die Zusammenarbeit mit dem Gurkenverarbeiter sei allerdings ganz wunderbar gewesen, unterstreicht er. Sogar ein Unterstand für die Fahrräder wurde abgebaut, um den Spezialbohrern und Lkw eine gute Zufahrt zu ermöglichen. Ihrerseits ging die Mitnetz mit der EQOS-Energie als durchführender Firma den Kompromiss ein, nur am Wochenende zu arbeiten, damit die Produktion der Gurkengläser ungehindert weitergehen kann.

Drei Edelstahlrohre werden dort pro Eckpfeiler 21 Meter tief eingerammt. Vor Ort hat Detlef van Münster von der Firma Ischebeck aus Ennepetal das Kommando. Beim Bohren, erklärt er, wird eine dünnflüssige Wasserzementsuspension ausgepresst, um das Bohrloch zu stützen. Auch, weil es sich um extrem sandigen Boden handelt. Das Bohrgut wird aufgefangen und entsorgt. Ist der Bohrer in der erwünschten Tiefe angekommen, wird eine dickere Suspension eingebracht. Die miteinander verschraubten Stahltragglieder (Rohre mit Außengewinde) werden oben mit einer doppelten Tragplatte abgeschlossen. Diese überträgt später das Gewicht des Mastes auf die Gründungsrohre und damit in den Boden.

Anders als im Lübbener Stadtgebiet wurde der neue Mast bei Spreewald-Feldmann um wenige Meter versetzt. Im weiteren Leitungsverlauf nach Lübbenau beträgt die Verschiebung 13,5 Meter. Der neue Standort an der Gurkenverarbeitung hat laut Maik Sawitzki den Vorteil, dass der Hubschrauber, der Notfälle in die Spreewaldklinik bringt oder von dort in Spezialkliniken, einen leichteren Landeanflug hat. Der Betrieb liegt direkt in der Einflugschneise.

Ohnehin wurde für die Sicherheit des Flugverkehrs einiges getan - für den menschlichen wie den gefiederten. Leuchtsignale bei Nacht, bei Tag ein leuchtend-orangefarbener Mastkopf und orangerote Kugeln kennzeichnen die Leitung auch bei schlechter Sicht für den Piloten. 580 jeweils 50 Zentimeter lange Vogelschutzspiralen in weiß und schwarz lassen die Seile für die gefiederten Reisenden auf ihrem Vogelflug deutlich sichtbar werden - eine Auflage der Naturschutzbehörden. Nützlich für die Vogelschützer dürften außerdem die Brut- und Zugvogelkartierung sein, die das Unternehmen im Rahmen des Planfeststellungsverfahrens machen musste. Auch seltene Moose, Flechten und Insektenarten wurden bestimmt.

Für den Fischadler gab es sogar eine Bauunterbrechung. Erst musste die Brut abgewartet werden ("der letzte Jungvogel wurde erst Ende August flügge", stöhnt Jürgen Truschkewitz), dann der Mast mit dem Horst so ersetzt werden, dass der Vogel sein Zuhause im kommenden Jahr einwandfrei wiederfindet. Das Nest an sich wurde ab- und auf dem neuen Mast wieder aufgebaut.

Die Verzögerung brachte auch eine leichte Teuerung des Großvorhabens mit sich. Sawitzki betont jedoch: "Die Kosten bleiben im Plan." Die Gesamtinvestition liegt bei sechs Millionen Euro.