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| 19:30 Uhr

Lubolz
Wenn Gefühle Achterbahn fahren

Heike Riedewald hat die Seniorinnen in Lubolz während ihres Vortrages mit einem Bauchtanz überrascht. Das Hobby hilft der Notfallseelsorgerin, Erlebnisse besser zu verarbeiten.
Heike Riedewald hat die Seniorinnen in Lubolz während ihres Vortrages mit einem Bauchtanz überrascht. Das Hobby hilft der Notfallseelsorgerin, Erlebnisse besser zu verarbeiten. FOTO: Andreas Staindl
Lubolz. Notfallseelsorgerin Heike Riedewald erzählt über ihr Ehrenamt und wie sie Ereignisse selbst verarbeitet.

Sie sind da, wenn es anderen Menschen den Boden unter den Füßen wegzieht. Wenn Gefühle Achterbahn fahren, die Seele aus dem Gleichgewicht gerät.

Notfallseelsorger geben Halt, helfen Betroffenen, das Unfassbare auszuhalten. 12 dieser ehrenamtlichen Helfer gibt es im Landkreis Dahme-Spreewald. Heike Riedewald ist eine von ihnen. Die 60-Jährige aus Bornsdorf (Gemeinde Heideblick) engagiert sich seit 14 Jahren in der Notfallseelsorge.

Wenn sie von ihrer ehrenamtlichen Arbeit berichtet, ist es mucksmäuschenstill. Das war so auch im Dorfgemeinschaftshaus „Lubomir“ im Lübbener Ortsteil Lubolz. Seniorinnen des Dorfs lauschten dem Vortrag der Notfallseelsorgerin. Das, was sie erzählt, klingt beeindruckend, wühlt auf. Und dass, obwohl die Bornsdorferin nur allgemein bleibt, nie über konkrete Fälle spricht, schon gar keine Namen nennt: „Das dürfen wir gar nicht. Wir machen auch keinen Rummel um unsere Einsätze, sondern kommen und gehen ganz leise.“

Heike Riedewald hat schon „alles erlebt“. Vom Säuglingstot – „das ist das Schlimmste“ – über Strangulationen bis hin zu Verkehrsunfällen mit mehreren Toten. Oft sind Betroffene, aber auch Helfer, mit der Situation überfordert. Notfallseelsorger können den Schmerz nicht lindern, doch sie geben Halt. Das machen sie ehrenamtlich und unentgeltlich. „Wir arbeiten in unterschiedlichen Berufen, sind psychisch belastbar, gesundheitlich stabil und für die außergewöhnliche Herausforderung geeignet“, erzählt Heike Riedewald. „Wer bei uns mitmacht, hat eine spezielle Ausbildung erhalten.“

Und ein Motiv, sich in der Notfallseelsorge zu engagieren. Bei der 60-Jährigen war es ein Schicksalsschlag: „Ich habe sehr zeitig meinen Vater verloren, und das an einem Heiligabend.“ Sie weiß aus eigener Erfahrung wie es ist, wenn der Boden unter den Füßen wegschwimmt, man das Geschehene nicht fassen kann. Dann ist es gut, dass es die Notfallseelsorge gibt. Polizei, Feuerwehr oder Notärzte etwa fordern die ehrenamtlichen Seelsorger an. „Wir sind nicht nur am Unfallort im Einsatz sondern kommen, wenn es gewünscht wird, auch nach Hause“, erklärt Heike Riedewald. „Dann nehmen wir uns viel Zeit für die Betroffenen. „Wir verabschieden uns gemeinsam von dem Verstorbenen, rufen den Bestatter an, kümmern uns um organisatorische Dinge.“

Dass, was die 60-Jährige während ihrer Einsätze erlebt, macht auch sie nachdenklich. Etwa, dass Familien zerstritten sind, Familienmitglieder nicht miteinander reden: „Wir versuchen dann, Bindeglied zu sein.“ Sie hat auch schon erlebt, dass sich Leute eine Bestattung nicht leisten können: „Wir bieten Hilfe und Unterstützung, zeigen Lösungen auf.“

Manchmal werden die Notfallseelsorger auch zu Ereignissen gerufen, bei denen ausländische Bürger beteiligt sind – etwa, weil sie als Erntehelfer in der Region arbeiten: „Wir holen dann die Botschaft mit ins Boot.“ Bei Opfern mit Fremdverschulden werde der Weiße Ring einbezogen. Wenn die Todesursache unbekannt ist, beschlagnahme die Staatsanwaltschaft den Leichnam. Auch hier stehen die Seelsorger Betroffenen zur Seite. „Einsätze wie nach tödlichen Fensterstürzen oder Amokläufen in Schulen sind auch für uns schwer zu verarbeiten“, sagt Heike Riedewald.

Sie versucht, das Erlebte mit langen Spaziergängen zu verarbeiten, aber auch mit Bauchtanz zu kompensieren: „Mein Hobby bringt mich auf andere Gedanken, bringt Körper und Seele in das Gleichgewicht. Es tut mir gut, sorgt für Entspannung und gibt mir Kraft für die nächsten Einsätze. Wie lange diese dauern, das weiß man nie.“ Dennoch: „Der Dank der Menschen, für die wir in schwierigen Situationen da sind, ist der schönste Lohn für unser Engagement.“

Der Vortrag hat die Frauen im Haus „Lubomir“ beeindruck. „Gut, dass es Menschen wie Heike Riedewald gibt und Betroffenen im Notfall zur Seite stehen“, sagt Waltraud Branig. Die Seniorin hatte den Nachmittag mit vorbereitet, für Kaffee und Kuchen gesorgt. „Ich würde mir wünschen, dass noch mehr Senioren unsere Angebote in Lubolz nutzen.“