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| 01:05 Uhr

Wenn die Umwelt immer leiser wird

Lübbenau.. Sie drehen den Ton beim Fernseher lauter als andere, verstehen bei einem Plausch oftmals nur einen Bruchteil und haben den Eindruck, dass ein Teil des Lebens einfach an ihnen vorbeiläuft – Menschen mit eingeschränktem Gehör. Laut Expertin Jeannette Sidneb aus Lübbenau ist die Dunkelziffer derer, die trotz Problemen nicht zum Arzt gehen, extrem hoch. Auch Jüngere sind immer öfter davon betroffen. Von Sascha Klein

„Viele Menschen gestehen sich nicht ein, dass sie Probleme mit dem Gehör haben“ , sagt Jeannette Sidneb. Die 36-Jährige leitet die Lübbenauer Beratungsstelle für Hörbehinderte, die für den gesamten Landkreis Oberspreewald-Lausitz zuständig ist. Einige Betroffene nehmen diesen Gehörverlust jedoch auch nicht schnell genug wahr, um rechtzeitig dagegen vorzugehen: „Es ist ein zehn bis 15 Jahre dauernder Prozess, bis einem bewusst wird, dass man schwerhörig wird“ , sagt Hörgeräte akustikerin Maren Kühl (37). Meist werden die Familienmitglieder auf dieses Defizit aufmerksam, sagt Jeannette Sidneb - wenn der Fernseher immer lauter dröhnt oder der Betroffene Fragen scheinbar immer schwerer versteht. „Diese Leute empfinden das jedoch selbst nicht so“ , sagt Maren Kühl. Die Fachfrau erlebt immer wieder, dass Kunden auf Anraten des Partners zu einem Hörtest erscheinen.
„Betroffene bemerken Schwerhörigkeit zum Beispiel, wenn sie sich auf der Straße umdrehen und plötzlich ein Auto hinter ihnen steht“ , sagt Jeannette Sidneb, die die Beratungsstelle für Hörbehinderte seit 1997 betreut. Auch Probleme, einem Gespräch in größerer Gesellschaft zu folgen, wenn viele Menschen durcheinander reden, können ein Anzeichen einer beginnenden Hörschwäche sein.
Maren Kühl hat es ausprobiert, wie sich Schwerhörige im Alltag fühlen. Mit Gehörschutz hat sie sich mit Kollegen in ein Café gesetzt und Eindrücke gesammelt: „Nach zwei Stunden hatten wir keine Lust mehr, dort zu sitzen. Ich habe vor Anstrengung Kopfschmerzen bekommen“ , erzählt sie. So würden auch viele Betroffene empfinden, weiß Jeannette Sidneb. Sie betreut im gesamten Landkreis rund 350 Menschen, die Probleme mit dem Gehör haben oder sogar gehörlos sind: „Diese Menschen ziehen sich oft zurück“ , sagt sie. „Wenn man schlecht hört, wird man auch oft als dumm hingestellt“ , betont die Beratungsstellenleiterin.
Um Schwerhörigkeit bereits frühzeitig zu erkennen, veranstaltet Jeannette Sidneb gemeinsam mit Inhabern von Fachgeschäften immer wieder „Hörtage“ . „Dort kommen immer wieder Leute hin, die zuvor noch unversorgt gewesen sind“ , sagt die 36-Jährige. Nicht nur ältere Menschen, sondern auch immer mehr jüngere hätten Defizite beim Hören, hat die Expertin festgestellt. Die Ursachen sind oftmals Lärm und Stress in Ausbildung oder Beruf. Ebenso kann Stress einen Tinnitus auslösen, ein Geräusch, das den Betroffenen ein Leben lang belastet.
Wenn Schwerhörige schließlich - oft nach einem langen Leidensweg - zum Arzt gehen, stehen sie vor dem nächsten Problem, sagt Jeannette Sidneb. Nach ihren Angaben sind Krankenkassen verpflichtet, die Kosten für ein Hörgerät nur bis zu einem Festpreis zu übernehmen. „Der liegt je nach Kasse um 400 Euro“ , sagt die Beratungsstellenleiterin. Das bestätigt Rudolf Schenk, Vorsitzender des Brandenburger Landesverbandes der Schwerhörigen. Nach seiner Aussage liegt der Festbetrag bei 421 Euro. Wer ein zweites Hörgeräte benötige, bekomme dafür nur einen Zuschuss von 315 Euro, betont Schenk.
„Doch oft kann dieses Kassengerät den Hörverlust nicht ausgleichen“ , erzählt Jeannette Sidneb, denn es sei in vielen Fällen nicht so hochwertig, um Hörfrequenzen besser hervorzuheben. „Wenn eine medizinische Notwendigkeit vorliegt, müssen die Kassen auch teurere Geräte zahlen“ , sagt Schenk. Oftmals würden diese jedoch auf den Festbetrag pochen. „Und viele Betroffene scheuen den Weg zum Sozialgericht“ , so Schenk.
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Hintergrund Ansprechpartner
  Der Landesverband der Gehörlosen und der Kreisverband der Schwerhörigen Cottbus sind unter der Rufnummer 0355 / 729 58 90, unter Bildtelefon: 0355 / 729 90 277 und Faxnummer: 0355 / 22 779 erreichbar.