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"Wenn die ganze Welt brüllt, muss man leise Töne anschlagen"

Emsig auch am Ruder: Aquamediale-Kurator Harald Larisch, der den Reiz des Neuen liebt.
Emsig auch am Ruder: Aquamediale-Kurator Harald Larisch, der den Reiz des Neuen liebt. FOTO: ndgrafx
Lübben. Am Wochenende geht die zwölfte Aquamediale zu Ende. Die 16 Arbeiten der 15 Künstler werden abgebaut, einige kommen zum gleichzeitigen Ende des Spreewaldateliers in Lübbenau gemeinsam mit den dort entstandenen Werken unter den Hammer.

Das Thema "Glaube Liebe Hoffnung" hatte diesen Sommer die Ufer der Fließe rund um die Lübbener Schloss- und Liebesinsel beherrscht. Mit Harald Larisch stellte ein neuer Kurator die Arbeiten in diesem Jahr zusammen. Mit der LR sinnierte er über die anhaltend schwache Akzeptanz des Kunstfestivals in der Region, über Kritik am Kapital und die Macht der leisen Töne.

Herr Larisch, warum haben Sie sich dafür entschieden, die Aquamediale zu kuratieren?
Larisch Ich habe einen Grundsatz, der lautet: "Das habe ich noch nie gemacht - toll!" Der Reiz des Neuen traf dann sehr schnell auf eine hervorragend funktionierende Zusammenarbeit und Kommunikation mit den Veranstaltern im Landkreis Dahme-Spreewald.

Wie haben Sie die Aquamediale selbst empfunden?
Larisch Wir initiieren unsere Werke ja zeitgleich mit der Dokumenta in Kassel. Dort stehen 37 Millionen Euro zur Verfügung an zwei Standorten, sieben Millionen Euro müssen nun aufgefangen werden. Hier bei uns liegt die Sache sehr anders - gerade wenn man das zugrundeliegende Thema "wider das Kapital" mit in Betracht zieht. Wir haben ganz bewusst leise Stachel in die Landschaft gesetzt. Die wurden bemerkt, auch wenn man nie ganz genau sagen kann, von wie vielen Menschen sie gesehen wurden. Ich habe die Aquamediale eher verhalten inszeniert. Das liegt am Thema und daran, dass ich der Auffassung bin, dass man leise Töne anschlagen muss, wenn die ganze Welt brüllt: "Kauft! Kauft! Kauft!"

Wurde aus diesem Grund auch auf den üblichen Wettbewerb verzichtet?
Larisch Kunst besteht auch darin, mit eingeschränkten Mitteln Wirkung zu erzielen und im künstlerischen Prozess unter Einschränkungen ebenso Ergebnisse bringen zu können, die in die Tiefe gehen. Das konzeptionell zu erreichen, war mir wichtig. Deshalb haben wir auf den Wettbewerb verzichtet. Die Arbeiten wurden gemeinsam mit der Projektleitung ausgewählt und von mir so zusammengestellt, dass sie sich gegenseitig unterstützen. Künstler sind, obwohl sie sehr individuell arbeiten, sehr wohl in der Lage, das Gesamtbild zu sehen. Ich wurde in meinen Bemühungen von allen unterstützt.

Seit weit mehr als einem Jahrzehnt gibt es nun die Aquamediale als Kunstfestival im Spreewald. Sie hatte von Anfang an mit Akzeptanzproblemen zu kämpfen. Davon, dass die einzigartige Ausstellung am Wasser in Lübben auf ein breites Willkommen stoßen und Wertschätzung erfahren würde, kann man noch immer nicht ernsthaft sprechen. Die Ablehnung zeigte sich erneut in der Zerstörung von Kunstwerken wie dem Glashaus von Andrea Grote. Wie betrachten Sie das?
Larisch Grundsätzlich spaltet Kunst. Es ist ihre Aufgabe, als Katalysator zu wirken. Ich glaube, dass Engagement und Transparenz Faktoren sind, die noch kultiviert werden müssen. Kultur wird weiterhin oft als fünftes Rad am Wagen gesehen - aber Nein: Kultur ist ein Rad von den vieren, die am Auto immer in Bewegung sind. Wir sollten nicht anzweifeln, dass sie wichtig ist. Es geht darum, eine Balance zu finden zwischen kritischer Betrachtung und dem Prinzip des freien Marktes. Kunst muss aufmerksam machen auf mögliche falsche Entwicklungen und zur Weiterbildung aufrufen.

Ein gelungenes Beispiel dieser Aquamediale genau dafür ist der Basketballkorb von Susanne Röwer, die unter dem Titel "Precious" (wertvoll) Glaubenskonflikte und Religionskriege anprangert. Ein Basketballkorb als Dornenkrone ist auf eine fein ausgestaltete Wurfplatte mit Davidstern als Markierung montiert. Gibt es ein Werk, das Sie besonders beeindruckt hat?
Larisch In meiner Rolle als Regisseur muss ich selbst die kleinste Nebenrolle achten. Alles hat seine Qualitäten im Zusammenspiel, da kann ich kein einzelnes hervorheben. Wenn wir am Wochenende abbauen, kommen nochmals einige Künstler, und wir wollen es als Event gestalten. Es ist ein wichtiger Anlass um zusammenzukommen und zu reflektieren, um nach dem guten Anfang auch einen Abschluss zu finden. Ich habe bereits Samen gekauft, die wir dort verteilen, wo die Kunstwerke den Sommer über gestanden haben, und angießen. Dann kann "Gras über die Sache wachsen".

Wenn Sie in zwei Jahren die Aquamediale nochmals kuratieren sollten - noch gibt es keine offizielle Mitteilung dazu -, was würden Sie anders machen?
Larisch Einer der Grundsätze meiner Arbeit - auch, wenn ich, wie hauptsächlich, Bücher illustriere - besteht darin, nicht einen Stil zu haben und ihn dann auf alle Genres gleich anzuwenden., sondern den Text zu lesen und zu überlegen, was grafisch dazu passt. In zwei Jahren herrschen wahrscheinlich völlig andere Bedingungen. Es ist wie immer in der Kunst: Man fängt ganz von vorne an. Man hat ein Instrumentarium, mit dem man spielen kann, begibt sich aber wieder auf Terra inkognita, unbekanntes Gebiet, auf ein weißes Spielfeld. Der erste Zug ist entscheidend.

In zwei Jahren ist das große Thema dann nicht mehr Luther und die Reformation, sondern Fontane, der die Mark Brandenburg und den Spreewald ebenfalls beeinflusst hat - aber auf ganz andere Art. Diese Woche geht auch für Sie eine intensive Zeit mit der künstlerischen Verarbeitung des Reformationsjubiläums und der zugrundeliegenden Denkebene Kritik am Kapital zu Ende. Wie hat die Aquamediale Sie persönlich verändert?
Larisch Vielleicht gar nicht. Ich habe ja schon einmal Zeit verbracht als Dozent und Schulleiter, und nun kamen eben wieder damit verbundene Eigenschaften an die Oberfläche, die zwischenzeitlich gedeckelt waren.

Welche Eigenschaften sind das?
Larisch Zum Beispiel Formen der Kommunikation zu finden, um mit Leuten zu arbeiten und gemeinsam Möglichkeiten auszuloten, die dann in solche Inszenierungen münden. Also die Arbeit als Regisseur.

Was haben Sie aus der Kuratierung dieser Aquamediale gelernt?
Larisch Jedes Jahr beurteile ich danach, was ich gelernt habe. Die Jahre, in denen ich am meisten gelernt habe, sind die schönsten.

Was denn zum Beispiel?
Larisch (lacht) Sie bohren aber ganz schön nach! Er überlegt, wird dabei ernst und antwortet schließlich: Die Entdeckung der Langsamkeit und der Behutsamkeit. Wissen Sie, der plötzliche Tod des Lübbener Pfarrers Olaf Beier hat auch mir sehr zu schaffen gemacht. Ich konnte das nicht verstehen. Da entdeckt man einen wunderbaren Menschen, um ihn gleich wieder zu verlieren. Und dennoch bleibt für mich die Neuentdeckung des Glaubens, der Liebe und der Hoffnung.

Mit Harald Larisch

sprach Ingvil Schirling