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| 18:28 Uhr

Interkulturelle Woche
Von Türöffnern und Hemmschuhen

2500 Geflüchtete sind seit 2015 nach Dahme-Spreewald gekommen, 1471 leben aktuell noch immer im Landkreis und ein paar davon spielen hier Volleyball auf der Lübbener Schlossinsel.
2500 Geflüchtete sind seit 2015 nach Dahme-Spreewald gekommen, 1471 leben aktuell noch immer im Landkreis und ein paar davon spielen hier Volleyball auf der Lübbener Schlossinsel. FOTO: LR / Steven Wiesner
Lübben/Luckau. „Die Menschen müssen an die Hand genommen werden“, sagt Antje Pretky. Die Migrationsbeauftragte des Landkreises äußert sich zum Stand der Integration Geflüchteter.

Wie viele geflüchtete Menschen kamen seit 2015/16 eigentlich wirklich in den Dahme-Spreewald-Kreis? Wie leben sie heute? Wie viele sind bereits in Arbeit oder Ausbildung? Und wie ist die Lage überhaupt einzuschätzen? Antje Pretky muss es wissen. Die Migrationsbeauftragte des Landkreises ist seit den ersten Monaten der steigenden Flüchtlingszahlen in die Unterbringung und die Aspekte eingebunden, die sich daraus ergeben. Nach drei Jahren Integrationsarbeit schätzt sie ein, dass es zwei immense Probleme gibt: die Wohnungsnot und die damit zusammenhängenden Hürden beim Abschluss von Arbeitsverträgen.

Doch zunächst ein paar Zahlen: Es sei letztlich schwer, genau zu beziffern, wie viele Männer, Frauen und Kinder seit 2015/16 in den Landkreis kamen und wie viele davon mittlerweile in welchem Grad integriert sind. Über den Daumen gepeilt, wäre aber davon auszugehen, dass 2500 Menschen seither im Landkreis ankamen. Davon sind allein zwischen 1. Januar und 30. Juni 2018 mehr als 300 in sozialversicherungspflichtige Beschäftigungen, also in Arbeit gekommen. Weitere 80 haben in diesem Zeitraum eine Ausbildung begonnen, und eine ähnliche Entwicklung gab es bereits in den vergangenen Jahren. Mehrere Programme und sehr viele ehrenamtliche Helfer unterstützen das.

Aus diesen Zahlen sind jedoch schon diejenigen herausgefallen, die sich eigenständig um Arbeit und Wohnung gekümmert haben, auch diejenigen, für die Dahme-Spreewald nur eine Zwischenstation war. Seit 2017 sind die Ankunftszahlen Geflüchteter zurückgegangen. Nur 190 Personen sollen dieses Jahr aufgenommen werden, davon wurden bereits knapp 100 zugewiesen. Aktuell leben 1471 geflüchtete Menschen in LDS, 857 in Gemeinschaftsunterkünften und 614 in Wohnungen. 82 minderjährige und unbegleitete Mädchen und Jungen werden über das Jugendamt betreut.

Von den Anfängen der Unterbringungsnot der Jahre 2015/16 ist der Landkreis inzwischen weit entfernt. Zum Ende des Jahres werden zwei Unterkünfte voraussichtlich geschlossen, weil längst nicht mehr so viele Geflüchtete kommen. Auch die ersten Nöte mit der Bildung von Strukturen, mit dem Finden von Sozialarbeitern und Deutschlehrern sind Vergangenheit.

Heute sind die Herausforderungen nicht weniger, aber andere. „Die Menschen kommen aus anderen Kulturkreisen und müssen an die Hand genommen werden“, sagt Antje Pretky. Mehr und mehr geht es bei denjenigen, die noch nicht auf eigenen Füßen stehen, um individuelle Betreuung. Aus ihrer Erfahrung erzählt Antje Pretky beispielsweise von jungen Geflüchteten, die unbedingt so schnell wie möglich arbeiten wollen. „Wir reden manchmal mit Engelszungen auf sie ein, erstmal eine Ausbildung zu machen, und überzeugen sie, zwar im Moment noch nicht so viel zu verdienen, dafür aber danach deutlich mehr als als ungelernte Hilfskräfte“, sagt sie. Arbeitsamt und Jobcenter, Landkreisverwaltung und verschiedene Projekte wie „LDS integriert“, das Projekt „Türöffner“ und ein engagierter Kreis ehrenamtlicher Helfer arbeiten eng zusammen.

Antje Pretky schaut da auch auf das Thema Nachhaltigkeit. Ausgehend von der Bildung, die die Menschen mitbringen – und die reicht vom Analphabetentum bis zum Hochqualifizierten – ist die weitere Qualifizierung ganz wichtig. Die Integrations-, Deutsch- und Alphabetisierungskurse sind erst der Anfang. Sie denkt viel weiter: „Wir haben einen Pflegenotstand, und da brauchen wir jede Menge Kräfte in der Zukunft. Jetzt haben wir die jungen Menschen hier, die wir dafür ausbilden können“, argumentiert sie und wirbt dafür, diesen Weg zu erleichtern. Zu den aktuell Auszubildenden gehören mehrere Russinnen und Afghaninnen sowie ein Kenianer, die Altenpflegerinnen, Krankenschwestern und Sozialassistent werden – ein Anfang.

Genau diese Arbeit, die Geflüchteten weiterzuvermitteln, ist derzeit oft Einzelfallbetreuung. „Da braucht man Manpower dahinter“, schätzt Pretky ein und hat zahlreiche Beispiele parat, die das untersetzen. Führerschein, überhaupt die Erreichbarkeit der künftigen Arbeitsstelle ist ein Problem. Acht bis zehn junge Männer bilden beispielsweise dieses Jahr nach einigem Hin und Her eine Fahrgemeinschaft, einer von ihnen hat einen Führerschein, um zu einer Handwerkerfirma nach Luckau zu kommen. Auch das will organisiert werden.

Weitgehend überwunden seien dagegen die großen kulturellen Schwierigkeiten zum Anfang. Dass Frauen selbstverständlich Deutsch lernen (müssen) und arbeiten dürfen, sei inzwischen klar, so Pretky. Die Problematik liegt in diesem Bereich eher darin, dass die Kitaplätze für die Betreuung der Kinder fehlen.

Es zeigt sich: Die Probleme, die die Integration verlangsamen, sind genau die gleichen, die auch die hier Geborenen am Weiterkommen hindern: Die Wohnungsnot, die darin mündet, dass Arbeitsverträge nicht abgeschlossen werden können, weil nicht klar ist, wo der künftige Azubi oder Mitarbeiter wohnen soll, und die Infrastruktur zum Pendeln nicht ausreicht. Dieser Hemmschuh wirkt besonders im Norden des Kreises, doch auch im Süden ist er spürbar.

Unterm Strich ist Antje Pretky dennoch zufrieden. „Wir werden nicht alle mitnehmen können“, räumt sie ein und erinnert daran, dass über die Fragen der Integration hierzulande die Fluchtursachen in Krisen- und Konfliktgebieten nicht vergessen werden dürfen.

MORGEN Vom Flüchtling zum Studenten – Die Geschichte des jungen Kurden Delovan Arafat.