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| 18:47 Uhr

Umfrage
Von Katastrophen und Komfort

Einsteigen, bitte! Der ODEG nach Schwerin kommt auf die Minute genau am Montagvormittag.
Einsteigen, bitte! Der ODEG nach Schwerin kommt auf die Minute genau am Montagvormittag. FOTO: LR / Steven Wiesner
Lübben. Es gibt viele Themen am Lübbener Bahnhof: Verspätungen, zu wenige Parkplätze für Autos, zu wenige Stellplätze für Fahrräder, aber auch Lob. Eine „zügige“ Umfrage. Von Steven Wiesner

Sven Goldmann staunte nicht schlecht, als er auf die Uhr schaute. Auf dem Weg zur Fußball-WM nach Russland kam der Sportjournalist aus Berlin vergangene Woche wie geplant in Kaliningrad an. Aber nicht einfach nur pünktlich – sondern eine komplette Stunde zu früh, was ihn auf Twitter zu folgender Frage verleitete: „Könnten wir nicht das Management des gesamten deutschen Transportwesens Richtung Osten auslagern?“

Natürlich kann man das nicht, und es war auch nur eine ironische Frage. Doch auch so manchem Lausitzer Fahrgast dürfte ein solcher Gedanke schon mal gekommen sein, als die Bahn mal wieder auf sich warten ließ oder gar nicht erst kam. Andrea Jentsch kann ein Lied davon singen. Die 57-jährige Calauerin, die jeden Tag mit der Bahn nach Lübben fährt, stellt der Deutschen Bahn und der Ostdeutschen Eisenbahn (ODEG) kein gutes Zwischenzeugnis aus. „Teilweise ist das eine einzige Katastrophe mit der Bahn. Die betreiben schon Schindluder.“ Die reine Fahrzeit von Lübben nach Calau betrage im Normalfall zwar nur 18 Minuten, sagt sie. „Ich habe aber auch schon mal zwei Stunden nach Hause gebraucht.“ Mitunter habe sie auch auf das Auto zurückgreifen müssen, weil keine Bahn gefahren sei. „Das kann ja alles mal passieren“, sagt Andrea Jentsch. „Aber es ist doch nicht zu viel verlangt, dass man dann mal preislich entschädigt wird für eine nicht erbrachte Leistung. Bei Fernfahrern ist das doch auch gang und gäbe.“

Kathleen Heymann (38) aus Lübben hat derlei Erfahrungen zwar noch nicht machen müssen. „Ich fahre jeden Tag nach Cottbus und finde die Verbindung gut.“ Problematisch werde es aber sehr wohl, wenn sich doch mal etwas verschiebt im Fahrplan. „Dann ist eigentlich immer Chaos pur. Niemand weiß etwas. Der eine Bahnmitarbeiter schickt dich die Treppe rauf und der andere schickt dich runter.“ Ansonsten könne sie sich aber verlassen auf die Verkehrsunternehmen. Das geht auch Philip Kardel (46) so. Kardel pendelt jeden Tag von Berlin nach Lübben und sagt: „Einmal im Jahr ist Pendelverkehr, ansonsten ist die Verbindung top.“

Heike Rädisch (54) aus Lübben hat weniger Probleme mit der Verlässlichkeit als vielmehr mit dem Komfort. „Erstmal finde ich den Bahnhof schmutzig. Müll liegt hier oft Tage rum. Und außerdem würde ich mir manchmal ein paar mehr Waggons wünschen, weil es zu den Stoßzeiten schon sehr voll ist.“ Eine Unannehmlichkeit, mit der sich auch Emanuel Müller arrangieren muss. Auf der Pendlerstrecke nach Königs Wusterhausen nimmt der 29-jährige Lübbener mit seiner kleinen Tochter deshalb sogar absichtlich den langsameren Zug. „Der ODEG ist eigentlich immer voll. Also nehme ich die Bahn. Die fährt zwar mehr Bahnhöfe an und braucht dementsprechend länger, aber dafür reise ich bequemer mit meiner Tochter.“

Noch mehr ärgert er sich aber über die Fahrradsituation. „Der Fahrradklau ist ein großes Problem am Bahnhof. Teure Räder stellt hier eigentlich niemand ab.“ Viele sind derweil schon froh, wenn sie überhaupt ein Stellplätzchen für ihren Drahtesel finden. Seit Monaten schon wird auch in der Stadtverordnetenversammlung darüber diskutiert, mehr Plätze für Fahrräder und Autos anzubieten. Hier soll auch ein Konzept entstehen, „wie Einheimischen das Umsteigen auf Alternativen erleichtert werden kann, um ohne Auto den Bahnhof zu erreichen“, heißt es in einer Beschlussvorlage. Das würde sicher auch Andrea Jentsch freuen. Und wenn sie dann auch mal ein Zug früher an ihr Ziel bringt als erwartet, wäre die Welt sicher wieder in Ordnung.

Emanuel Müller (29) aus Lübben: „Fahrradklau ist ein großes Problem am Bahnhof.“
Emanuel Müller (29) aus Lübben: „Fahrradklau ist ein großes Problem am Bahnhof.“ FOTO: LR / Steven Wiesner
Andrea Jentsch (57) aus Calau: „Teilweise ist das eine einzige Katastrophe mit der Bahn.“
Andrea Jentsch (57) aus Calau: „Teilweise ist das eine einzige Katastrophe mit der Bahn.“ FOTO: LR / Steven Wiesner
Philip Kardel (46) aus Berlin: "Einmal im Jahr ist Pendelverkehr, ansonsten alles top."
Philip Kardel (46) aus Berlin: "Einmal im Jahr ist Pendelverkehr, ansonsten alles top." FOTO: LR / Steven Wiesner